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Asylbewerber bringen Geld : Die Flüchtlingsindustrie

Am Beispiel einzelner Kommunen lässt sich ablesen, dass dort etwa die Hälfte des Geldes direkt an die Asylbewerber ausgezahlt wird. Die andere Hälfte wird für Unterbringung, Betreuung, Verwaltung, Arztbesuche und weitere Leistungen ausgegeben. Es geht um Milliarden, und von diesem Kuchen wollen nicht nur Hoteliers etwas abhaben: Baufirmen, Heimbetreiber, Planungsbüros, Sicherheitsfirmen, Wohlfahrtsverbände – die Liste der Profiteure ließe sich fortsetzen.

... dieser Heimbetreiber
... dieser Heimbetreiber : Bild: Reuters

Ein Stück vom Kuchen hat sich European Homecare, der nach eigenen Angaben größte private Betreiber von Flüchtlingsheimen in Deutschland, gesichert: 90 Einrichtungen, zuletzt rund 15.000 untergebrachte Asylbewerber, lässt das Unternehmen wissen. „Wir sind der Aldi in diesem Markt“, sagt ein Sprecher. Ein Discounter also, dessen Preise günstig und dessen Leistungen nicht schlecht seien. Zumindest was die Preise angeht, gab es daran niemals Zweifel.

Durchschnittlich verlange der Heimbetreiber etwa 11 Euro je Tag und Asylbewerber, war in einem Zeitungsbericht zu lesen. Der Sprecher bestätigt diesen Niedrigpreis. Er sei vor allem möglich, weil das Unternehmen im Einkauf mit großen Stückzahlen arbeiten könne. In öffentlichen Ausschreibungen, in denen es um den niedrigsten Preis geht, ist das Gold wert. „Die Gewinnspanne ist besser als bei Aldi – aber nicht viel“, behauptet der Sprecher. Das Unternehmen hat im vergangenen Jahr nach eigenen Angaben 30 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftet.

Es fehlt ein unabhängiges Kontrollsystem

Was die Leistungen des Betreibers angeht, gab es im vergangenen Herbst allerdings Kritik, als Bilder aus einem Flüchtlingsheim im nordrhein-westfälischen Burbach öffentlich wurden. Darauf zu sehen waren Sicherheitskräfte in Uniform, die einen gefesselten Flüchtling misshandelten. Die Männer in Uniform gehörten zu einer Sicherheitsfirma, die Heimbetreiber European Homecare engagiert hatte. Inzwischen habe Vorkehrungen getroffen, um solche Vorfälle zu verhindern, betont der Sprecher. Das Unternehmen führe eigene „Sicherheitsaudits“ durch.

So soll verhindert werden, dass ungeeignetes Personal in den Heimen sein Unwesen treibt. Sogar als Flüchtlinge getarnte Ermittler schicke man in die Unterkünfte, um potentiell brenzlige Situationen frühzeitig zu erkennen und zu entschärfen. Eine solche freiwillige Selbstkontrolle ist das eine – Fachleute vermissen jedoch eine bessere öffentliche Aufsicht für Flüchtlingsheime. „Ein unabhängiges Kontrollsystem auf der Grundlage von klaren Gesetzen fehlt “, sagt Pro-Asyl-Vertreter Mesovic.

Ist es unmoralisch, wenn Privatunternehmen mit der Not der Flüchtlinge Geld verdienen? Oder ist es das vielleicht gerade nicht – ist es gut, wenn Unternehmen mit kostengünstigen Leistungen die stark gestiegene Nachfrage der Kommunen bedienen? Fest steht, dass die Kommunen und Landkreise vielerorts händeringend nach Unterkünften suchen und den wachsenden Andrang der Asylbewerber ohnedie Privaten nicht bewältigen könnten. Beispiel Rhein-Neckar-Kreis: Eigentlich hatte man in dem einwohnerstärksten Landkreis Baden-Württembergs mit 200 Asylbewerbern im Monat gerechnet, jetzt kommen 600. „Bei dem derzeitigen Zugangsdruck ist uns die Zusammenarbeit mit Privatinitiativen lieber als eigene öffentliche Bauvorhaben“, sagt der Erste Landesbeamte Joachim Bauer. Während es zwei Jahre dauern könne, eine eigene Unterkunft auszuschreiben und zu bauen, könnten Verträge mit Hoteliers, Vermietern und Bauherren innerhalb weniger Wochen unterschrieben werden. Die Unterkünfte betreut man dann selbst.

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