https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/deutscher-schiffbau-ist-gefaehrdet-auftraege-gehen-nach-asien-18305053.html

Aufträge gehen nach Asien : „Der deutsche Schiffbau ist in der Substanz gefährdet“

In die Insolvenz geschippert: die MV Werften Bild: dpa

Die Branche ist klein, aber wichtig, warnen Gewerkschafter wie Unternehmen. China hat eine überragende Rolle. Die Gefahr neuer geopolitischen Abhängigkeiten wächst.

          3 Min.

          Die Krise des Schiffbaus in Deutschland spitzt sich zu. Allein innerhalb eines Jahres hat die Branche 16 Prozent ihrer Arbeitsplätze verloren. Nur noch 14. 000 Mitarbeiter sind momentan auf den deutschen Werften beschäftigt, so wenige wie nie zuvor. „Diese Abwärtsspirale müssen wir stoppen, sonst fehlt uns die Basis einer funktionierenden Wertschöpfungskette“, mahnt Daniel Friedrich, Bezirksleiter der IG Metall Küste, und er warnt vor einer Fehleinschätzung der kleinen Werftenbranche: „Es geht nicht um die Frage, ob wir Traditionen fortführen. Es geht um die geopolitische Handlungsfähigkeit von Deutschland und Europa.“

          Susanne Preuß
          Wirtschaftskorrespondentin in Hamburg.

          Tatsächlich brechen in ganz Europa seit Jahren die Aufträge weg, während die globale Schiffbaunachfrage kräftig steigt. 85 Prozent aller Aufträge seien im vergangenen Jahr nach China und Korea gegangen, wo die maritime Industrie er­hebliche Subventionen erhalte, mahnt nicht nur die Gewerkschaft, sondern auch der Branchenverband für Schiffbau und Meerestechnik VSM. Selbst Japan, das eine hohe Inlandsnachfrage aufrechterhalte, habe keine 10 Prozent Marktanteil mehr, Europa komme insgesamt noch auf 4 Prozent. Der Einfluss Chinas, so VSM-Geschäftsführer Reinhard Lüken, beschränkt sich nicht nur auf die Schiffe. Von den für den Welthandel so wichtigen Containern kommen mittlerweile 96 Prozent aus China.

          Besorgniserregender Substanzverzehr

          „Die Stärke ist noch da“, sagte Lüken mit Blick auf den Andrang von Fachbesuchern zur SMM, der Weltleitmesse für Schiffbau in dieser Woche in Hamburg. „Aber wir müssen aufpassen.“ Der jahrelange Substanzverzehr an Schiffbaukapazitäten sei vor dem Hintergrund der er­warteten stark wachsenden Nachfrage besorgniserregend. Die politisch gesetzten Rahmenbedingungen müssten korrigiert werden, „um einen unwiederbringlichen Fähigkeitsverlust zu vermeiden“.

          Lüken verweist vor allem auf die Be­deutung der maritimen Wirtschaft bei der Diversifikation des Energie- und Rohstoffbezugs. „In Korea gehen die Werften in die Knie angesichts der vielen Aufträge für LNG-Schiffe“, berichtet passend dazu Thorsten Ludwig, der den Schiffbau für die Agentur für Struktur- und Personalentwicklung (AGS) im Auftrag der IG Metall analysiert. Auch im Bereich Windenergie spielt die Musik woanders, macht er deutlich.

          Schiffe im nationalen Interesse?

          In den USA würden Schiffe für Offshore-Projekte als „nationales Interesse“ kategorisiert, während hierzulande nicht viel passiere. Tatsächlich wurde im Kontext mit der Insolvenz der MV Werften mehrfach die Frage aufgeworfen, ob statt Kreuzfahrtschiffen künftig Konverter-Stationen für Offshore-Windparks an der Ostseeküste gebaut werden könnten. Mittlerweile sind alle Werften verkauft, doch ganz vom Tisch ist das Thema noch nicht – denn die Bundeswehr, die eine der Werften für ihr Marinearsenal gekauft hat, braucht nicht das ganze Gelände, zumindest vorläufig nicht.

          Es gebe Gespräche mit dem belgischen Unternehmen Smulders , das dort Konverterplattformen bauen wolle, bestätigte IG-Metall-Bezirksleiter Friedrich: „Die Bundesregierung muss sich einen Ruck geben und in den nächsten Wochen entscheiden“, fordert der Gewerkschafter. Er fürchtet, dass hier zwar große Zu­kunftschancen liegen, die Wertschöpfung letztlich aber wieder nach Asien abwandere, weil es keine industriepolitische Ver­lässlichkeit gebe.

          Das Geschäft mit der Windenergie auf hoher See sieht man auch unter den Schiffbauern als große Chance. „Das ist ein Riesenmarkt“, bekräftigt VSM-Chef Lüken. Es gehe nicht nur um Konverterstationen, es brauche auch Kran-Schiffe, um die Generatoren aufzubauen, es brauche Kabelleger, es brauche Schiffe für den Crew-Transport. Damit seien erhebliche Chancen verbunden.

          Vorsichtiger Optimismus

          Zwar sind nach der Branchenbefragung der AGS auch solche Schiffe bisher nicht auf deutschen Werften in Auftrag gegeben worden, doch gleichzeitig zeigt sich, dass wieder Optimismus aufkeimt. War in den zurückliegenden zwei Jahren jeweils ein Drittel der Befragten pessimistisch mit Blick auf die Auftragslage, gilt dies nur noch für 16 Prozent, während 27 Prozent mit einer bald besseren Auftragslage rechnen. In über der Hälfte der Werften wird an der Erweiterung des Produktportfolios gearbeitet, wobei die Bandbreite von emissionsfreien Schiffstypen bis zu unbemannten U-Booten zur Kampfmittelbeseitigung reicht.

          Im Marineschiffbau richtet sich die Hoffnung vor allem auf das Sondervermögen der Bundeswehr und das generell wachsende Verteidigungsbudget. In diesem Marktsegment ist auch mit Personalaufbau zu rechnen. So hat etwa TKMS ( Thyssenkrupp Marine Systems ) aus der MV-Insolvenz den Standort Wismar ge­kauft und plant dort zusätzliche Mitarbeiter einzustellen. Dank der Transfergesellschaften für die früheren Beschäftigten der MV Werften sei generell zu erwarten, dass Kompetenz erhalten bleibe und ausgebaut werde, registrieren die Gewerkschafter positiv. Bedenklich sei, dass nur noch 46 Prozent der Werft-Mitarbeiter in der Produktion tätig seien.

          Weitere Themen

          13 Jahre Haft für Ex-Theranos-Manager

          Bluttest-Skandal : 13 Jahre Haft für Ex-Theranos-Manager

          Die Bluttests waren als revolutionär gefeiert worden, doch sie funktionierten nicht. Nach Gründerin Elizabeth Holmes muss nun auch ihr Geschäftspartner und Ex-Freund in Haft – sogar noch länger als sie selbst.

          Showdown in Stadelheim

          Wirecard-Prozess : Showdown in Stadelheim

          Der Untergang des Zahlungsdienstleisters ist einer der größten Wirtschaftsskandale der Bundesrepublik. Nun wird vor Gericht verhandelt, wer dafür verantwortlich ist. Ein Überblick über die wichtigsten Prozessbeteiligten.

          Topmeldungen

          Der Hochsicherheitssaal des Landgerichts München I: Der Freistaat Bayern hat den Saal vor sechs Jahren auf dem Gelände der Justizvollzugsanstalt Stadelheim bauen lassen – für die besonderen Fälle.

          Wirecard-Prozess : Showdown in Stadelheim

          Der Untergang des Zahlungsdienstleisters ist einer der größten Wirtschaftsskandale der Bundesrepublik. Nun wird vor Gericht verhandelt, wer dafür verantwortlich ist. Ein Überblick über die wichtigsten Prozessbeteiligten.
          Zugriff: Polizisten führen am Montag Prinz Reuß ab

          Plante Umsturz : Wer ist Heinrich XIII. Prinz Reuß?

          Eine Gruppe aus der „Reichsbürger“-Szene plante offenbar den Umsturz der demokratischen Ordnung Deutschlands. Rädelsführer soll ein Prinz aus Frankfurt sein – mit Hang zur Esoterik und Geldproblemen.
          Jetzt auch ohne negativen Test: Eine U-Bahn in Zhengzhou am 5. Dezember

          Null-Covid-Politik beendet : Xi Jinpings rasante Corona-Kehrtwende

          Nach den Protesten gegen die Null-Covid-Strategie entscheidet Xi Jinping sich zur Flucht nach vorn. Was die Führung in Peking gestern noch als Ausdruck des überlegenen chinesischen Systems pries, wird nun korrigiert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.