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Deutsche-Wohnen-Chef Zahn : Der Vermieter der Hauptstadt

Deutsche-Wohnen-Chef Michael Zahn Bild: Reuters

Michael Zahn leitet das wohl umstrittenste Unternehmen in Berlin: die Deutsche Wohnen. Eine Bürgerinitiative will es enteignen. Den Immobilienmanager ficht das nicht an.

          Ein Bild von ihm dürften wahrscheinlich nur die wenigsten Berliner vor Augen haben. Doch seine Position reicht, um Michael Zahn zu einem der bekanntesten Manager in der Hauptstadt zu machen. Zahn leitet die Deutsche Wohnen, jenes Unternehmen, dem nach den landeseigenen Gesellschaften die meisten Wohnungen in Berlin gehören, 112.000 an der Zahl. Doch unter den Mietern hat das Unternehmen nicht den besten Ruf. Aufgeschobene Reparaturen, teure Modernisierungen, Mieterhöhungen über den Mietspiegel hinaus – Zahns Deutsche Wohnen hat sich für viele zu einer Art Feindbild entwickelt. Eine Bürgerinitiative aus dem Osten der Stadt greift nun zu einem drastischen Vorhaben: Von diesem Samstag an sammelt sie Unterschriften für ein Volksbegehren, wonach große private Immobilienunternehmen enteignet werden sollen.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Es sind außergewöhnliche Zeiten für den 1963 geborenen Manager. Die Stimmung in der Stadt ist so aufgeheizt wie lange nicht. Unternehmen, die allzu offensichtlich ihren Gewinn steigern wollen, haben einen schweren Stand. Zahn, der die Deutsche Wohnen seit mehr als zehn Jahren führt und den Wohnungsbestand in dieser Zeit systematisch ausgebaut hat, verkörpert für nicht wenige Berliner den Prototyp eines gierigen Immobilienhais.

          Vor wenigen Tagen präsentierte Zahn die jüngste Bilanz seines Unternehmens. Sie fiel, nicht überraschend, bestens aus. 1,9 Milliarden Euro hat die Deutsche Wohnen im abgelaufenen Geschäftsjahr verdient, die Mieten stiegen konzernweit um 3,4 Prozent. Dass Zahn sich über steigende Mieten freuen kann, bringt andere in Rage. Einen Tag nach der Bilanzvorlage brannten im Berliner Stadtteil Steglitz zwei Autos der Deutsche Wohnen.

          Zahn: Hier und da nicht ganz glücklich agiert

          „Enteignung schafft derzeit viele Emotionen, aber keine einzige Wohnung“: Mit diesem Credo versucht sich Zahn gegen die Welle der Proteste zu stemmen. Er vertritt die Meinung, dass in Deutschlands Großstädten deutlich mehr gebaut werden müsste, die politischen Rahmenbedingungen dafür aber nicht stimmen. Zahns Gegenspieler Rouzbeh Taheri, der Gründer der Bürgerinitiative, sieht das Problem dagegen vor allem in Zahns Unternehmen. Er wirft der Deutsche Wohnen vor, langjährige Mieter gezielt aus ihren Wohnungen zu vertreiben, um diese dann zu den heute üblichen Preisen neu vermieten zu können.

          Die Kritik entzündet sich vor allem an umfangreichen Modernisierungen. Neue Fenster, neue Heizungen, eine bessere Dämmung: Solche Maßnahmen sollen den Energiebedarf senken und zugleich den Wohnwert erhöhen. Doch viele Mieter wehren sich dagegen, denn die Kosten solcher Modernisierungen dürfen auf die Miete umgelegt werden. Auch dass die Deutsche Wohnen in Berlin in der Vergangenheit vor Gericht teils Mieterhöhungen oberhalb des Mietspiegels durchsetzen wollte, hat ihr viel Unmut eingebracht.

          Zahns Dilemma: Einerseits ist er als Vorstandschef eines börsennotierten Unternehmen den Aktionären gegenüber verpflichtet, möglichst viel Gewinn aus seinem Wohnungsbestand herauszuholen. Andererseits darf er es sich auch nicht mit seinen Kunden, den Mietern, verscherzen. Schließlich ist nicht gesagt, dass die Vermietung von Wohnungen auch in einigen Jahren immer noch so ein Selbstläufer ist wie derzeit.

          Zahn dürfte nicht verborgen bleiben, dass in den sozialen Netzwerken teils eindringlich davor gewarnt wird, eine Wohnung der Deutsche Wohnen zu mieten. Dass er vor zwei Jahren vor den Bauausschuss des Berliner Senats geladen wurde, aber zunächst nur seine Sprecherin schickte, hängt ihm bis heute nach. Kürzlich räumte Zahn ein, hier und da wohl nicht ganz glücklich agiert zu haben. In Zukunft wolle das Unternehmen mehr mit den Mietern und der Öffentlichkeit sprechen.

          „Klimaschutz gibt es nicht umsonst“

          In der Sache aber bleibt der Manager hart. Die Art und Weise, wie in Großstädten Mietspiegel erhoben werden, hält er für fragwürdig. Zu behaupten, dass dies auf einer wissenschaftlichen Grundlage geschehe, sei in etwa so, wie wenn ein IOC-Präsident von sauberen olympischen Spielen spreche, hat Zahn dazu einmal gesagt. Die Modernisierungen verteidigt er: „Klimaschutz gibt es nicht umsonst.“ Falls die Mehrheit der Berliner sich tatsächlich in einem Volksentscheid für Enteignungen aussprechen und der Berliner Senat dem folgen sollte, gibt sich Zahn kämpferisch: Er habe großes Vertrauen in den deutschen Rechtsstaat.

          Der muss sich fürs Erste mit der Karl-Marx-Allee beschäftigen, dem einstigen Prachtboulevard im Osten der Stadt. Mehrere hundert Wohnungen in den monumentalen Bauten unweit des Alexanderplatzes möchte Zahn gern kaufen, doch die Mieter und Politiker vor Ort wehren sich. Wo der Bezirk ein Vorkaufsrecht für die Wohnungen hatte, hat er davon Gebrauch gemacht. In anderen Fällen half der Senat, dass Mieter ihre Wohnungen selbst kaufen und gleich danach an eine landeseigene Wohnungsbaugesellschaft weiterverkaufen konnten. „Rechtlich fragwürdig“ findet Zahn das alles. Diverse Gerichtsverfahren laufen. Der Manager wird wohl auch auf absehbare Zeit nicht der Freund der Berliner Mieter werden.

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