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Deutsche Wirtschaft : Die Konzerne horten Geld

Der Welthandel erlahmt, aber das konjunkturelle Lagebild ist nicht frei von Widersprüchen. Bild: Laif/Andre Schumacher

Das dritte Quartal lief für die Industrie überraschend gut. Aber sie bereiten sich auf eine Krise vor – und neben den Autoherstellern verzeichnet vor allem eine Branche starke Gewinnrückgänge.

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          Das Wechselbad der Konjunktur hält an. Nach den Hiobsbotschaften über Personalabbau bis hin zu Werksschließungen kommen die jüngsten Zahlen wie aus einer anderen Welt: Die Arbeitslosigkeit sinkt weiter, die 30 größten börsennotierten Unternehmen haben ein gutes drittes Quartal hinter sich.

          Nach einem schwachen ersten Halbjahr haben die meisten wieder Fahrt aufgenommen: Die Dax-Konzerne von BASF bis Wirecard haben im dritten Quartal 7 Prozent mehr Umsatz erzielt als im dritten Quartal 2018. Der addierte Umsatz stieg von 326 Milliarden auf 347,5 Milliarden Euro. Der Gewinn, der im zweiten Quartal um ein Drittel eingebrochen war, lag mit 27 Milliarden nur noch um 8 Prozent unter dem Wert des Vorjahres.

          Nach einer Auswertung der Quartalsbilanzen durch die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft EY haben die börsennotierten Konzerne damit den höchsten jemals gemachten Umsatz eines dritten Quartals und den dritthöchsten Gewinn in einem dritten Quartal verbucht.

          Das Hauptziel fast aller Finanzvorstände

          Unter der durchaus ansehnlichen Fassade sind aber sowohl die abflauende Konjunktur als auch die strukturellen Umbrüche einiger Branchen zu erkennen. Trotz durchaus deutlichen Wachstums wurde im dritten Quartal die Zahl der Beschäftigten kaum noch erhöht. Sie stieg bei den 30 Dax-Konzernen bei 7 Prozent Umsatzwachstum nur noch um ein Prozent auf 3,52 Millionen Mitarbeiter. Aber auch dieser geringe Zuwachs hat dafür gesorgt, dass fast 40000 zusätzliche Menschen eine Beschäftigung gefunden haben.

          Der abnehmende Beschäftigungszuwachs deckt sich mit Aussagen aus unterschiedlichen Branchen. „Erweiterungsinvestitionen finden kaum noch statt“, berichtete Klaus Helmrich, Vorstand der Siemens AG, auf der Automatisierungsmesse SPS in Nürnberg in dieser Woche. „Aber überall dort, wo es um Produktivitätssteigerung und die Umstellung auf individuellere Fertigung geht“, werde durchaus noch Geld investiert.

          Geld ist nicht nur vorhanden, es wird geradezu gehortet. „Aufbau der Cash-Position“ ist derzeit das Hauptziel fast aller Finanzvorstände. Damit will man vermeiden, dass man in schwierigeren Zeiten in eine Finanzklemme und im Extremfall sogar in die Zahlungsunfähigkeit rutscht und Insolvenz beantragen muss. Obwohl im dritten Quartal der Gewinn um 8 Prozent gesunken ist, haben die 30 Dax-Unternehmen ihren Cash flow aus dem normalen Geschäftsbetrieb um ein Drittel auf 46 Milliarden Euro erhöht.

          Davon könne keine Rede sein

          Und ein großer Teil davon wird nicht angelegt, sondern als „flüssige Mittel“, sozusagen als Barbestand vorgehalten. Die flüssigen Mittel, die kurzfristig zur Verfügung stehen, sind auf 113 Milliarden Euro gestiegen. Allein Volkswagen hält einen Barbestand von 22 Milliarden Euro vor.

          Eine solche Politik würden viele Unternehmen gern verfolgen; sie fällt aber Großunternehmen leichter. Viele mittelständische und kleine Unternehmen beklagen sich immer häufiger darüber, dass Kunden immer längere Zahlungsziele von ihnen erwarten. Acht Wochen oder gar zwölf Wochen seien keine Seltenheit mehr. Diesem Druck können sich Konzerne aufgrund ihrer Marktmacht eher entziehen als kleinere Unternehmen.

          Auch EY weist daher darauf hin, dass die Zahlen für die 30 Konzerne keine Entwarnung für die Wirtschaft bedeuten. Die Zahlen sind nach Ansicht von Hubert Barth, Vorsitzender der Geschäftsführung von EY „bei etlichen Konzernen sogar erstaunlich stark“. Von einer echten Krise könne daher derzeit keine Rede sein, ergänzt sein Kollege Mathieu Meyer. Aber die Rahmenbedingungen bleiben schwierig: „Die Weltkonjunktur lahmt, die chinesische Wirtschaft ist weit von ihrer früheren Dynamik entfernt, neue Handelshemmnisse und der Brexit bleiben Risikofaktoren“.

          Große strukturelle Schwierigkeiten

          Hinzu kommt, dass das dritte Quartal 2018 bei den Autoherstellern ein besonders schlechtes war. Hier ist der Zuwachs in diesem Jahr aufgrund der niedrigen Basis besonders hoch ausgefallen. Wegen Schwierigkeiten mit dem neuen Messverfahren WLTP konnte man viele Autos im Herbst 2018 nicht ausliefern.

          Mit der eingekehrten Normalisierung sind aber die Strukturschwierigkeiten nicht behoben, wie im Rahmen der Dax-Konzerne vor allem das schlechte Abschneiden des Auozulieferers Continental zeigt. Conti hat zwar noch 3 Prozent mehr Umsatz erzielt, ist aber beim Gewinn mit fast 2 Milliarden Euro in die Verlustzone gerutscht. Außer dem Autozulieferer musste nur die Deutsche Bank einen Verlust (687 Millionen Euro) hinnehmen. Klare Belege, dass Auto und Finanzdienstleistungen zur Zeit große strukturelle Schwierigkeiten haben.

          Während die Gewinneinbußen im Vergleich zum Vorjahresquartal in der Industrie mit gut 5 Prozent noch verkraftbar waren, musste die Finanzbranche im Durchschnitt einen Gewinnrückgang von mehr als 23 Prozent verkraften. Vor allem die traditionellen Häuser waren davon betroffen. Der Dax-Neuling Wirecard, als Zahlungsdienstleister ein moderner Finanzakteur, kann sich über einen Gewinnzuwachs von 43 Prozent freuen. Wirecard ist übrigens mit plus 37 Prozent das wachstumsstärkste Unternehmen im Quartal gewesen.

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