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Wirtschafts-Standort : Deutsche Unternehmen verlagern Investitionen ins Ausland

Stern im Ausland: Ein Mercedes wird in Ungarn gefertigt Bild: AFP

Vor allem die Nähe zu anderen Absatzmärkten drängt deutsche Unternehmer vermehrt ins Ausland. Aber auch die Produktionskosten im Inland sind vielen zu hoch.

          3 Min.

          Deutschland leidet unter einer ausgeprägten Investitionsschwäche. Die Investitionen in die öffentliche Infrastruktur sind im internationalen Vergleich niedrig, aber auch die Industrie hält sich seit geraumer Zeit mit Investitionen in neue Maschinen und Anlagen zurück, wie Untersuchungen des Bundeswirtschaftsministeriums zeigen. Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) hat deshalb eigens eine Expertenkommission eingesetzt, die an diesem Montag erste Ergebnisse ihrer Arbeit vorlegen will.

          Dietrich Creutzburg

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Umso bemerkenswerter ist das Ergebnis einer neuen Untersuchung des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK): Mehr deutsche Unternehmen als je zuvor wollen im Ausland investieren. Von 2500 befragten Firmen aus dem verarbeitenden Gewerbe, darunter Kleinbetriebe ebenso wie Großunternehmen, kündigten 47 Prozent an, dass sie in diesem Jahr ihre Auslandsaktivitäten stärken wollen. Das zeigt die Studie, die der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vorab vorliegt. Der im Vergleich mit früheren Erhebungen schon recht hohe Vorjahreswert von 45 Prozent wurde damit nochmals übertroffen.

          Hohe Auslandsinvestitionen sind nicht zwangsläufig vertane Chancen für die inländische Entwicklung. Im günstigsten Fall legen die Unternehmen damit die Grundlagen für weitere erfolgreiche Exporte aus heimischer Produktion. Allerdings können steigende Auslandsinvestitionen auch ein Zeichen dafür sein, dass sich Unternehmen vom heimischen Wirtschaftsstandort abwenden, etwa weil ihnen die Produktion hier zu teuer wird.

          Tatsächlich überwiegt für die deutliche Mehrheit der Firmen weiter das Motiv, auf den ausländischen Absatzmärkten – allen voran bei den großen EU-Nachbarn, aber auch in China und Nordamerika – besser Fuß zu fassen, wie die Erhebung belegt. Doch zugleich sind für eine neuerdings wieder wachsende Zahl von Unternehmen hohe Produktionskosten im Inland der entscheidende Anlass: Immerhin 23 Prozent der im Ausland engagierten Firmen führten Kostengründe für ihre Pläne an. Dieses Motiv hatte vor zehn Jahren einmal eine sehr große Rolle gespielt und war dann zeitweilig in den Hintergrund gerückt. Seit 2013 aber gewinnt das Thema Kosten wieder an Bedeutung, wie die Studie belegt. Unter den mittelständischen Firmen führten schon 28 Prozent dieses Motiv an.

          Millionen Beschäftige deutscher Firmen im Ausland

          „Die Verlagerung aus Kostengründen bedeutet Investitionsverzicht und zumindest mittelfristig weniger Beschäftigung an heimischen Standorten“, warnt DIHK-Chefvolkswirt Volker Treier. Die Unternehmen sicherten sich damit indes „ihre Handlungsfähigkeit, wenn in Deutschland Energiepreise, Arbeits- und Bürokratiekosten zu hoch sind oder weiter steigen“. Insgesamt würden die diesjährigen Auslandsinvestitionen der deutschen Unternehmen zu einem Aufbau von 200.000 Arbeitsplätzen führen, rechnet er vor. Damit würden voraussichtlich erstmals mehr als 7 Millionen Beschäftigte für deutsche Firmen im Ausland arbeiten.

          Die große Mehrheit der Befragten will indes mit den Investitionen direkt etwas fürs eigene Auslandsgeschäft tun: Knapp die Hälfte plant, Vertrieb und Kundendienst vor Ort zu stärken, gut 30 Prozent investieren dort in die Produktion, um Märkte besser zu erschließen. Im Ergebnis werde so auch der Standort Deutschland abermals von den Auslandsinvestitionen profitieren, erwartet Treier. Mit den zusätzlichen Aufträgen könnten seiner Hochrechnung zufolge etwa 40.000 Industriearbeitsplätze im Inland entstehen. Dieser Investitionsimpuls „reicht freilich nicht aus, um die in der Gesamtwirtschaft bestehende Investitionslücke in Deutschland zu schließen“, schränkte er ein.

          Bild: F.A.Z.

          Wirtschaftsminister Gabriel (SPD) hatte im Sommer 2014 eine Kommission aus Wissenschaftlern, Gewerkschaftern und Wirtschaftsvertretern berufen. Sie soll Vorschläge machen, wie die Investitionsdynamik in Deutschland gestärkt werden könnte, und hat seither ein halbes Dutzend mal getagt. Im Mittelpunkt stand bisher die Stärkung von Investitionen in Straßen, Datenautobahnen und andere Bereiche der öffentlichen Infrastruktur.

          Leiter der Kommission ist der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher. Unter den Mitgliedern sind Deutsche-Bank-Chef Jürgen Fitschen, der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann und Verdi-Chef Frank Bsirske. Das Wirtschaftsministerium hat mit einer eigenen Analyse ermittelt, dass vor allem bei energieintensiven und bei jungen Unternehmen eine Investitionsschwäche festzustellen sei.

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