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Kommentar zum Milliardendeal : Das Amerika-Abenteuer der Telekom

Sind alle am Strahlen: Timotheus Höttges, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom (Mitte), Dirk Wössner (rechts), Vorstand Deutschland, und Thomas Dannenfeldt, Vorstand Finanzen Bild: dpa

Das Projekt Amerika war bei der Deutschen Telekom eigentlich schon beendet. Dank eines Kurswechsels mauserte sich T-Mobile aber zu einem erfolgreichen Telefonriesen – und ist jetzt in Übersee sogar heimischer als daheim.

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          Es klang wie ein Plädoyer um die Gunst der Wettbewerbsaufsicht, als Tim Höttges den Milliardendeal auf dem amerikanischen Mobilfunkmarkt erläuterte. Niedrigere Preise und bessere Leistungen verspricht der Vorstandschef der Deutschen Telekom, ein hochmodernes Netz für die digitale Welt von morgen und, passend zum Tag der Arbeit, viele Jobs, vor allem im ländlichen Amerika. Für 26 Milliarden Dollar, zahlbar über einen Aktientausch, will T-Mobile US den Rivalen Sprint übernehmen. Der Vertrag mit dem Eigentümer, dem japanischen Technologiekonzern Softbank, ist besiegelt, jetzt beginnt der Hürdenlauf durch die Instanzen.

          Zwei Mal schon ist die Telekom mit ihren T-Mobile-Plänen an den Behörden gescheitert, aber wenn im dritten Anlauf alles glattgeht, könnte Höttges im Konzert der großen amerikanischen Mobilfunkanbieter in der ersten Reihe mitspielen. Die neue größere T-Mobile stünde fast auf Augenhöhe mit den Branchenriesen Verizon und AT&T, die beim Marktanteil nur noch wenige Prozentpunkte Vorsprung hätten.

          Der damalige Vorstandschef Ron Sommer hatte 2001 den Sprung über den Atlantik gewagt. Für horrende bald 40 Milliarden Euro hatte er das Unternehmen Voicestream gekauft und die Telekom damit in ein Abenteuer gestürzt, das für ihre Aktionäre zu einer bitteren Enttäuschung wurde. Zehn Jahre später blies Nachfolger René Obermann zum Rückzug, aber der geplante Verkauf scheiterte am Widerstand der Kartellbehörden. Dann kam der große Kurswechsel mit einer grandiosen Aufholjagd. Mit viel Geld des Mutterkonzerns im Rücken mauserte sich T-Mobile zum erfolgreichen Herausforderer, aus dem Sorgenkind wurde die Wachstumslokomotive des gesamten Konzerns.

          Das Amerika-Geschäft ist ertragreicher und größer

          Von einem Rückzug aus Amerika ist längst keine Rede mehr, die Telekom könnte ihn sich gar nicht leisten. Zu sehr hängt ihr Wohl und Wehe am Erfolg der Tochtergesellschaft. Der frühere Staatskonzern, immer noch zu einem Drittel in der Hand des Bundes, ist jetzt schon mehr eine „American“ als eine Deutsche Telekom. Das Geschäft auf der anderen Seite des Atlantiks ist größer als das auf dem Heimatmarkt – und vor allem ist es sehr viel ertragreicher. Hierzulande kommt die Telekom, wenn überhaupt, nur mit Trippelschritten voran, im übrigen Europa fuhr sie voriges Jahr sogar im Ergebnis-Rückwärtsgang. Nur weil es in Amerika brummt, können sich die Konzernzahlen trotzdem sehen lassen.

          Gleichwohl ist T-Mobile US immer noch zu klein, um sich auf Dauer gegen die Platzhirsche zu behaupten. Für das 5G-Netz, den Mobilfunk der nächsten Generation, müssen Milliarden investiert werden, zudem benötigt T-Mobile zusätzliche Funkfrequenzen, die Sprint mitbringt. Die neue Allianz verspricht die notwendigen Größenvorteile und riesige Einsparungen durch die Zusammenlegung der Netze, durch gemeinsamen Vertrieb und Marketing sowie die Bündelung des Einkaufs. An dem Verbund ist die Telekom zwar nur mit 42 Prozent beteiligt. Da sie sich aber die Kontrollmehrheit und die unternehmerische Führung ausbedungen hat, darf sie die Ergebnisse trotzdem in der eigenen Bilanz ausweisen. Wie die ersten Kursreaktionen zeigten, scheinen an der Börse viele Anleger an ein Happy End des Amerika-Abenteuers zu glauben.

          Mit einem Schuldenberg in die nächste Ehe

          Allerdings mischen sich auch Zweifler in die Schar der Optimisten. Nicht nur wegen der kartellrechtlichen Risiken, sondern ebenfalls wegen der hohen Kosten, die die Integration erst einmal verursachen wird. Höttges rechnet mit einer Durststrecke von drei Jahren, bis sich die Verbundeffekte positiv bemerkbar machen. Und es gibt noch ein anderes Risiko: Die Geschäfte bei Sprint liefen in den vergangenen Jahren nur mäßig. Das Unternehmen bringt deshalb einen großen Schuldenberg mit in die Ehe, den die Telekom in ihre Bücher nehmen muss. Die selbstgesteckte Obergrenze für die Konzernverschuldung ist vorläufig nicht mehr zu halten. Die erste Ratingagentur hat schon angekündigt, dass sie ihre Bonitätsnote für die Telekom herabstufen könnte.

          Wenn Höttges’ mittelfristiges Kalkül für den Befreiungsschlag in Amerika aufgeht, ist das zu verkraften – zumal sich die neue T-Mobile ohne Zuschüsse des Mutterkonzerns selbst finanzieren soll. Klar ist aber auch: Höttges ist zum Erfolg verdammt. In den Staaten darf nichts schiefgehen, denn auf dem deutschen Heimatmarkt ist der Konzern ebenfalls mehr denn je gefordert. In wenigen Monaten soll die Versteigerung der begehrten 5G-Frequenzen beginnen, dann folgt der teure Aufbau der Infrastruktur. Gleichzeitig erwächst der Telekom ein mächtiger neuer Herausforderer auf dem Markt für Hochgeschwindigkeits-Internet. Während Höttges seinen Deal feiert, greift der britische Konkurrent Vodafone hierzulande nach dem Breitband-Fernsehkabel von Unitymedia. Es ist den mit Milliardenaufwand aufgepeppten Leitungen der Telekom technisch weit überlegen; inklusive der schon vor einigen Jahren übernommenen Netze im Rest der Republik will Vodafone in ganz Deutschland in die Offensive gehen. Dann könnte es eng werden für die Telekom – es sei denn, sie antwortet mit dem beschleunigten Ausbau von teuren Glasfaserleitungen bis in die Häuser und Wohnungen. Das allerdings ist mit der bisherigen Investitionsplanung nicht zu machen.

          DT. TELEKOM

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          Helmut Bünder

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

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