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Kriselndes Geschäft : Post kassiert Gewinnprognose und schreckt die Börse

Der Deutschen Post fehlen tausende Zusteller. Bild: Reuters

Schwierigkeiten im Brief- und Paketgeschäft verhageln die Gewinnprognose. Auch der Streetscooter belastet – und die Aktie schmiert ab.

          3 Min.

          Wachsende Schwierigkeiten in ihrem Brief- und Paketgeschäft werfen die Deutsche Post DHL zurück: Am Freitag hat der Konzern seine Gewinnprognose für das laufende Jahr völlig überraschend gekappt. Statt 4,15 Milliarden Euro Betriebsgewinn sollen bis Jahresende nun nur noch rund 3,2 Milliarden Euro zusammenkommen.

          Helmut Bünder

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Hauptgrund sind die hohen Kosten für einen vorgezogenen Personalabbau sowie zusätzliche Investitionen, um die Abläufe in der Sortierung und Zustellung zu verbessern. „Wir nehmen jetzt bewusst kurzfristige negative Ergebniseffekte in Kauf, um langfristig nachhaltiges Wachstum zu sicheren“, sagte der Vorstandsvorsitzende Frank Appel. Die Mittelfristprognose, wonach der Betriebsgewinn bis 2020 auf mehr als 5 Milliarden Euro steigen soll, bestätigte er ausdrücklich.

          Die Börse reagierte dennoch mit einem drastischen Kursrutsch: Postaktien verloren zwischenzeitlich 9 Prozent und sanken auf den tiefsten Stand seit Ende 2016. Dass es bei „Post-eCommerce-Parcel“ (PeP), wie der Konzern diesen Geschäftsbereich nennt, nicht rund läuft, zeichnet sich seit mehreren Monaten ab. Schon der Wechsel des langjährigen Vorstandes Jürgen Gerdes in ein neues Ressort für den elektrischen Streetscooter hatte Anfang April Spekulationen ausgelöst. Gleichwohl zeigten sich Analysten überrascht darüber, wie schlecht die Division da steht – zumal Appel, der sie seitdem selbst führt, die Gewinnprognose für den Konzern noch vor vier Wochen bestätigt hatte.

          DT. POST

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          Es fehlen mehrere tausend Zusteller

          Während die Paketmengen dank des Online-Handels kräftig steigen und die Post „nahe am Marktwachstum von 5 bis 7 Prozent“ bleiben will, kämpft sie im Briefbereich mit sinkenden Volumina. Gleichzeitig muss sie stark steigende Kosten bewältigen – nicht zuletzt aufgrund des Paketbooms. Transportkapazitäten werden knapp, was die Frachtpreise nach oben treibt. Und der Personalaufwand wächst. Neue Zusteller sind nur schwer zu bekommen.

          Zugleich muss die Post für die Stammbelegschaft stark steigende Lohnkosten verkraften. Appel will deshalb die Verwaltung der Briefsparte ausdünnen, in der noch zahlreiche Staatsdiener aus früheren Bundespostzeiten arbeiten. Dafür wird ein Vorruhestandsprogramm aufgelegt, das bis Ende 2019 abgeschlossen werden soll. Im laufenden Jahr werden dafür Restrukturierungsaufwendungen von 500 Millionen Euro anfallen. Ziel sei es, die jährlichen Fixkosten bis 2020 um mindestens 200 Millionen Euro zu reduzieren. Keine Angaben gab es dazu, wie viele Beamte frei gesetzt werden sollen.

          Die immer noch knapp 30500 Staatsdiener werden im Durchschnitt deutlich besser bezahlt als die Tarifangestellten im Konzern, nicht zu reden von jenen Paketzustellern, die DHL in Regionalgesellschaften mit zumeist geringerer Bezahlung ausgelagert hat. Heftige Kritik kam von der Gewerkschaft DPVKOM. Statt Beamte in den Ruhestand zu schicken, müsse die Post „weitere Finanzmittel für die Einstellung von zusätzlichem Personal in die Hand nehmen. Es fehlen mehrere Tausend Zusteller“, sagte die Bundesvorsitzende Christina Dahlhaus dieser Zeitung. Die im Post-Aufsichtsrat vertretene Dienstleistungsgewerkschaft Verdi wollte sich nicht äußern.

          Versäumte Investitionen schmerzen

          Die Post beschäftigt in ihrer Brief- und Paketsparte insgesamt knapp 184000 Vollzeitkräfte, darunter Zehntausende in ihren Auslandsgesellschaften. In mehr als zwei Dutzend europäischen Ländern ist sie in die Paketzustellung eingestiegen, auch in Asien, Lateinamerika und einigen nordamerikanischen Großstädten will sie so längerfristig vom Boom des Online-Handels profitieren. Vorläufig verschlingt die von Gerdes vorangetriebene Expansion aber mehr Geld als sie einbringt und drückt so ebenfalls auf das Spartenergebnis. Um seine Produktivität zu verbessern, will der Konzern eine Menge Geld in zusätzliche Investitionen stecken. Auf dem Programm stehen Maßnahmen zur Automatisierung und Digitalisierung, zur Verbesserung der Zustellung auf der „letzten Meile“ und für eine bessere Auslastung des gesamten Brief- und Paketnetzwerkes.

          Der Konzern müsse versäumte Investitionen nachholen. „Das tut uns in diesem Jahr sehr weh“, sagte Appel. Bis zu 150 Millionen Euro sind dafür in diesem Jahr veranschlagt. Davon verspricht sich die Post längerfristig hohe Einsparungen. Gleichzeitig ruft sie nach höheren Briefpreisen, für die sie die Zustimmung der Politik benötigt. Frühestens Anfang 2019 darf wieder an der Portoschraube gedreht werden. „Auch in einem wettbewerbsintensiven Markt machen allgemeine Kostensteigerungen preisliche Anpassungen erforderlich“, so die Post. Angeblich strebt sie 10 Cent Aufschlag auf das Briefporto an, das dann 80 Cent betragen würde. Die nicht staatlich regulierten Preise für andere Produkte wie Buchsendungen und den Versand leichter Waren hat sie schon stark angehoben: Zum 1. Juli verteuern sich diese Leistungen um bis zu 44 Prozent.

          Dem angepassten Ausblick zufolge wird PeP in diesem Jahr nur ein Ebit von 0,6 Milliarden Euro statt der ursprünglich erwarteten 1,5 Milliarden Euro schaffen. In den unter der Marke DHL geführten Logistiksparten rechnet die Post unverändert mit 3 Milliarden Euro. Die Kosten für Zentralfunktionen werden jetzt für das Gesamtjahr auf 420 Millionen Euro veranschlagt, 70 Millionen mehr als bisher. Die Differenz entspricht den für dieses Jahr erwarteten Verlusten mit dem bisher in der PeP-Division geführten Streetscooter. Das Minus wird künftig im Aufwand für die Zentralfunktionen verbucht, was das PeP-Ergebnis entsprechend schönen wird.

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