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F.A.Z. exklusiv : Deutsche Industrie setzt Energie besonders sparsam ein

  • -Aktualisiert am

Stromhunger, wohin das Auge reicht: Die Energiewende verlangt nach neuen Visionen. Bild: dpa

Die deutsche Industrie gehört zu den effizientesten der Welt. Das ergab eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft. Forscher warnen nun vor Belastungen durch neue Vorgaben.

          Die deutsche Industrie verbraucht im internationalen Vergleich besonders wenig Energie. Eine dieser Zeitung vorliegende neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) Köln zeigt, dass sie zu den energieeffizientesten der Welt gehört. Nur Dänemark und Großbritannien schneiden in dem Vergleich von 23 Industrieländern besser ab. Gemessen wurde, wie viel Energie die jeweilige Industrie, gemessen in Öleinheiten, aufwendet, um eine Wertschöpfung von 1000 Euro zu erzielen. In Finnland sind dafür 250 Einheiten nötig, in Amerika 134. In Deutschland reichen 76, während die Dänen nur 48 Öleinheiten einsetzen. Damit liegen deutsche Betriebe auf demselben Niveau wie Frankreich und Großbritannien. Recht energieeffizient wirtschafteten auch die Industrien in Italien und Japan. Belgien, Portugal und die Slowakei benötigten dagegen im Vergleich zu Deutschland etwa den doppelten Energieeinsatz.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Hubertus Bardt, Leiter Wissenschaft am IW, zieht daraus Schlüsse für die deutsche und europäische Energie- und Klimapolitik. Die deutsche Industrie habe einen hohen Standard, der durch neue Vorgaben nicht einfach gesteigert werden könne. „Daher ist Vorsicht bei neuen Effizienzvorgaben oder gar Energieverbrauchsvorgaben geboten.“ Er bezieht die Warnung auch auf aktuelle Brüsseler Überlegungen, die Effizienzvorgaben weiter zu schärfen. Die energieintensive Industrie protestiert dagegen, auch weil sie in Teilen keine technischen Möglichkeiten für weitere Einsparmöglichkeiten mehr sieht.

          Investitionen in neue Technik

          Mehr Energieeffizienz entstehe insbesondere dann, wenn Unternehmen in neue Technik investierten, typischerweise nicht aus Effizienzgründen, sondern um neue Produkte oder eine rationellere Produktion voranzutreiben, sagt der IW-Forscher. Wenige Tage vor Beginn der Koalitionsgespräche in Berlin weist er deshalb darauf hin, dass vor allem die allgemeinen Investitionsbedingungen gestärkt werden müssten. Er nennt Stichworte wie Bürokratieabbau, Kostenbegrenzung und Fachkräftebedarf. „Wenn zu wenig investiert wird, machen wir auch keinen Fortschritt bei der Energieeffizienz.“ Die Energiepolitik sei dabei ein wichtiger Faktor der Wirtschaftspolitik. Für ein Drittel der größeren Unternehmen sei sie „heute schon ein Grund, Investitionen zu verzögern“.

          Energieeffizienz ist neben allgemeinen Wirtschaftlichkeitserwägungen in der Klimapolitik ein wichtiges Steuerungsinstrument: Je weniger Öl, Kohle und Gas eingesetzt werden, desto weniger Kohlendioxid wird emittiert. Gerade für die deutsche Industrie kommt ein weiterer Grund hinzu: Die Erstattung von Mehrkosten durch die Strom- und Energiesteuer („Spitzenausgleich“) ist an das Einhalten bestimmter Effizienzvorgaben gekoppelt.

          Schon in einer früheren Untersuchung mit Daten für das Jahr 2008 war die deutsche Industrie mit 93 Öleinheiten je 1000 Euro Wertschöpfung auf einem der besten Plätze gelandet, hinter Großbritannien, vor Spanien und weit vor Amerika. Bardt weist allerdings darauf hin, dass die in dem Vergleich verwendeten Indizes nur eingeschränkt aussagekräftig seien: Branchenverschiebungen innerhalb eines Landes, das Verlagern der Erzeugung ins Ausland und vermehrte Importe energieintensiv hergestellter Produkte schlügen sich ebenso nieder wie Auslastung und Modernität der Anlagen oder erzielte Marktpreise. Wechselkursveränderungen kämen hinzu. Dennoch sei die Energieeffizienz international ein Indikator dafür, wie viel Energie bei gegebenem Branchenmix sowie aktuellen Preisen und Wechselkursen eingesetzt werde, um eine bestimmte Wertschöpfung zu erzeugen. Die gute Position der deutschen Industrie sei sicherlich auch verbunden „mit einem modernen Maschinenpark, einer hohen Wertschöpfung und langjährigen Bemühungen um mehr Energieeffizienz“.

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