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Pleitewelle droht : Deutsche Geschäfte verlieren jeden Tag 1,15 Milliarden Euro

Die Einkaufsstraße der österreichischen Stadt Graz ist fast menschenleer. Bild: dpa

Wenn Deutschland jetzt die Innenstädte abriegelt, droht zahlreichen Läden das Aus, fürchtet der Chef des Handelsverbands im F.A.Z.-Interview. Schon in drei bis vier Wochen werde es Insolvenzen geben.

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          Herr Genth, wegen des Coronavirus sollen in Deutschland abgesehen von wenigen Ausnahmen wie Supermärkten alle Geschäfte schließen. Hätten Sie das jemals für möglich gehalten?

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Nein, noch vor einer Woche war das völlig undenkbar. Dann haben wir langsam ein unruhiges Gefühl bekommen, als wir gesehen haben, was in Italien passiert und dann auch in Österreich.

          Sie sprechen für 300.000 Einzelhandelsunternehmen mit drei Millionen Beschäftigten, die rund 535 Milliarden Euro im Jahr erwirtschaften. Wie lange halten die Händler das aus?

          Man muss differenzieren. Der größte Umsatzblock entfällt zunächst auf den Lebensmittelhandel, und der profitiert gerade erst einmal. In anderen Branchen, Textil, Möbel, Unterhaltungselektronik, Parfümerien und vielen anderen, haben wir jetzt schon die Hälfte des Umsatzes verloren. Jetzt kommt der Totalausfall, der ist nicht mehr aufzufangen. Schon in drei bis vier Wochen wird es Insolvenzen geben. Dauert der Shutdown acht Wochen, kann der Einzelhandel das nicht aushalten.

          Über was für Summen, die verlorengehen, sprechen wir da?

          Wir haben gerade gerechnet: Im Non-Food-Bereich fallen jeden Tag 1,15 Milliarden Euro Umsatz weg.

          Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des HDE

          Die Bundesregierung hat schon Hilfspakete angekündigt. Wird das reichen?

          Nein, das reicht nicht. Alle Kosten laufen ja weiter, die Löhne, die teuren Mieten, Rechnungen müssen bezahlt werden. Wir brauchen jetzt sofort Direktzahlungen, die weit über das Beschlossene hinausgehen, um eine Insolvenzwelle zu verhindern. Die Zahlungen müssen einerseits an große Kaufhausketten fließen. Wir brauchen aber auch eine breite Unterstützung des Mittelstandes.

          Wie könnte das konkret aussehen?

          Es muss vor allem praktikabel sein und schnell gehen. Die Banken können da kaum helfen, denn sie würden die Risiken nicht übernehmen. Wir brauchen KfW-Bürgschaften ohne Eigenbeteiligungen. Und wie gesagt, in wenigen Wochen ist es für viele eigentlich gesunde Unternehmen mit funktionierendem Geschäftskonzept zu spät.

          Welche Branche ist besonders betroffen?

          Die Textilbranche. Die Läden sind jetzt voll, die neue Frühjahrsmode wurde geliefert und muss gezahlt werden. Diese Kleidung kann man ja im Herbst nicht mehr verkaufen. Da drängt es am stärksten.

          Kann der Online-Handel helfen, die Einnahmeausfälle zumindest teilweise auszugleichen?

          Es ist paradox. Aber es ist nicht so, dass die Umsätze im Online-Handel steigen. Im Textilbereich sind sie schon um 20 bis 30 Prozent zurückgegangen. Die Konsumneigung leidet insgesamt stark.

          Wie gehen die Mitarbeiter, die jetzt um ihren Arbeitsplatz fürchten müssen, mit der Situation um?

          Die Lage ist auch da sehr angespannt. Auch wenn es Kurzarbeitergeld gibt, fallen für viele Beschäftigte Teile ihres Einkommens weg. Das ist ein Teufelskreis, denn die sinkenden Einnahmen reduzieren im nächsten Schritt dann wieder den Konsum, der so dringend nötig wäre.

          Halten Sie die Maßnahmen der Bundesregierung für richtig, weil sie helfen können, die Epidemie zu bremsen?

          Das ist eine schwierige Frage. Wir greifen jetzt stark in das öffentliche und wirtschaftliche Leben ein. Hätte man das nicht vielleicht auch früher und gezielter tun können? Ich bin kein Virologe, aber man muss am Ende sehen, welche Folgen bleiben. Meine Befürchtung ist: Gerade vieleTextilhändler kommen aus diesem Loch nicht mehr raus.

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