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Deutsche Firmen in Asien : Aufbau West in China

Die Kanzlerin bei den Terrakotta-Kriegern: Angela Merkel besucht die Alte Kaiserstadt Xi'an in Westchina Bild: REUTERS

Deutsche Unternehmen sollen helfen, Westchina um das Zentrum Xi'an herum zu entwickeln. In der Region leben mehr Menschen als in Nordamerika. Siemens und BASF sind schon aktiv, mussten aber feststellen, dass in China nicht immer alles so schnell geht.

          Der Westen ist Angela Merkel genauso recht wie der Süden. Eigentlich wollte die Bundeskanzlerin während ihrer China-Reise, die am Sonntag zu Ende ging, die Südprovinz Kanton besuchen. Kurz vor Merkels Ankunft änderte Peking die Pläne allerdings und setzte die alte Kaiserstadt Xi'an aufs Programm. Das hatte möglicherweise mit den Streiks und den gehäuften Selbstmordfällen unter Kantons Wanderarbeitern zu tun, passte Premierminister Wen Jiabao aber vor allem terminlich und wirtschaftspolitisch besser. Von Xi'an aus will China seinen rückständigen Westen entwickeln und setzt dabei auf deutsche Investitionen.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          In der Stadt trifft Wen Jiabao die Kanzlerin in einem Themenpark namens „Tang Paradise“. Er erinnert an jene Zeit vor mehr als 1100 Jahren, als der Ort Sitz der Tang-Dynastie war und die größte Stadt der Welt. Im „Pavillon der Purpurnen Wolke“ sprechen die Regierungschefs mit Unternehmern beider Länder. Gleich zu Beginn lobt Wen Deutschlands Direktinvestitionen von mehr als 16 Milliarden Dollar und die Ausweitung des bilateralen Handels. Trotz der Krise hat das Volumen die Grenze von 100 Milliarden Dollar schneller überschritten als erwartet. Künftige Investitionen will Wen in den Westen lenken. „Ich hoffe, dass die deutschen Unternehmen mehr Aufmerksamkeit der Westerschließung Chinas schenken“, appelliert er.

          Die Politik des Füllhorns zahlt sich aus

          Noch konzentrieren sich die Geschäfte auf den Küstenstreifen. Die Hälfte der 5300 Unternehmen mit deutschem Kapital siedelt im Großraum Schanghai. Doch dort und im Süden steigen die Kosten, gute Mitarbeiter sind rar. Die Zentralregierung nutzt das, um den Westen attraktiver zu machen: mit Förderprogrammen, dem Ausbau der Infrastruktur, Steuererleichterungen, günstigen Landpreisen, bevorzugter Betreuung und dem Hinweis auf die große Zahl billiger Arbeitskräfte.

          Dem durch die Terrakotta-Armee weltberühmten Xi'an kommt im Standortmarketing ein besonderer Stellenwert zu. Zwar liegt die Hauptstadt der Provinz Shaanxi näher am Pazifik als am Himalaja, dennoch gilt der Ausgangspunkt der Seidenstraße als Tor zum Westen. Von hier und von Chongqing aus will China zwölf Provinzen, Regionen und urbane Zentren fördern. In Westchina leben mehr Menschen als in den Vereinigten Staaten. Es umfasst 70 Prozent von Chinas Territorium, erbringt aber nur 17 Prozent der Wirtschaftsleistung. Seit zehn Jahren finanziert die Regierung ein „Go-West-Programm“ und pumpt seit 2008 besonders viel Geld in die Region. Das hängt mit den Unruhen in Tibet und Xinjiang zusammen, denen die Entwicklungsinvestitionen die Grundlage entziehen sollen.

          Ein weiterer Grund ist die Wirtschaftskrise. China konzentriert sein 400 Milliarden Euro schweres Konjunkturprogramm auf die rückständigen Landstriche. Damit beschäftigt es Millionen Wanderarbeiter, die in der Exportkrise an der Küste ihre Stellen verloren haben.

          Die Politik des Füllhorns zahlt sich aus. 2009 wuchs die Industrie in Westchina um 15,5 Prozent. In Ost- und Südchina waren es nur 9,7 Prozent. Für die Go-West-Kampagne dieses Jahres hat die Regierung 682 Milliarden Yuan (78 Milliarden Euro) angekündigt, nach 470 Milliarden 2009. Das Geld fließt auch in Sektoren, in denen die deutsche Wirtschaft stark ist, etwa die erneuerbaren Energien oder die Bahntechnik. Vor wenigen Tagen kündigte die Regierung den Bau von 13 Solarkraftwerken mit einer Gesamtkapazität von 280 Megawatt an. In Xi'an unterhält Siemens bereits eine kleine Fertigung von Signalanlagen für Hochgeschwindigkeitszüge. Siemens-Chef Peter Löscher ist kurzerhand eingesprungen, Merkel das Werk zu zeigen, nachdem der geplante Besuch beim Autobauer BYD geplatzt war: Das Unternehmen liegt seit einigen Tagen mit den Behörden wegen unerlaubter Landnutzung über Kreuz.

          „Beruhigen Sie sich“

          Der wichtigste deutsche Aufbauhelfer in Westchina ist aber BASF. Der Chemiekonzern plant, in Chongqing Investitionen von 5 Milliarden Dollar anzuschieben. Die Ludwigshafener selbst wollen eine Milliarde in den Ausbau einer Fertigung von Kunststoffvorprodukten stecken, der Rest des Geldes soll von Kunden und Zulieferern stammen. 2013 will der Chemiepark den Betrieb aufnehmen. BASF hatte gehofft, während des Merkel-Besuchs feierlich einen Vertrag mit der Stadtregierung zu unterzeichnen, um die Großinvestition öffentlich zu machen. Das Genehmigungsverfahren aber zieht sich hin, so dass Wen BASF-Chef Jürgen Hambrecht in Xi'an vertrösten muss: „Beruhigen Sie sich, Ihre Unterlagen prüfen wir gewissenhaft.“

          Hambrecht, Löscher und der China-Beauftragte der deutschen Wirtschaft, Jürgen Heraeus, dürfen ihre Sorgen vortragen: Marktbeschränkungen, Benachteiligung bei Ausschreibungen, erzwungener Technologietransfer, Produktpiraterie, fehlender Zugang zu Bodenschätzen. Wen kontert, China habe die Investitionsgenehmigungen gerade erleichtert. Den Export Seltener Erden, die für viele Produkte wichtig sind, werde man „nicht blockieren“. Insgesamt könne es um den Marktzugang nicht schlecht bestellt sein, die Direktinvestitionen im ersten Halbjahr hätten um 40 Prozent zugenommen. Kürzlich zeigte sich China bereit, das Übereinkommen der Welthandelsorganisation zum Öffentlichen Beschaffungswesen zu unterzeichnen.

          Den Geschäftsleuten aus Fernost brennt ebenfalls einiges unter den Nägeln. Der Vorstandsvorsitzende der Groß-Reederei Cosco, Wei Jiafu, beschwert sich darüber, dass seine Riesencontainerschiffe den Hamburger Hafen nicht anlaufen könnten. Merkel weiß, dass sie in der föderalen Debatte um die Elbvertiefung nicht viel ausrichten kann, und bittet Wei, sich den Tiefseehafen Wilhelmshaven anzusehen. Der Chef des privaten Baumaschinenherstellers Sany, Xiang Wenbo, klagt über Schwierigkeiten in der Visumserteilung. Hier immerhin kann Merkel ein grundlegendes Umdenken in Aussicht stellen. Bis es soweit ist, hat sie für Xiang ein Trostpflaster parat: Er dürfe ihr gern eine Einladung zu seiner Werkseröffnung in Deutschland schicken.

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