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Deutsche Börse und New York Stock Exchange : Zweifelhafte Börsenfusion

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Auf diesem Archivbild weht schon eine deutsche Fahne am Gebäude der New Yorker Börse Bild: dpa

Die Deutsche Börse und die Nyse Euronext wollen fusionieren. Der geplante Zusammenschluss aber schafft mehr neue Probleme, als er alte löst. Vor allem für die Deutschen. Der Wall-Street-Konzern hat kaum mehr zu bieten als eine ruhmreiche Geschichte. Eine Analyse von Daniel Mohr.

          Der geplante Zusammenschluss der Deutschen Börse mit der New York Stock Exchange (Nyse Euronext) schafft mehr neue Probleme, als er alte löst. Dies gilt vor allem für die Deutsche Börse. In den Wachstumsmärkten in Asien und Lateinamerika ist der Frankfurter Börsenbetreiber praktisch nicht vertreten. Zu schaffen machen dem Konzern zudem die außerbörslichen Handelsplattformen. Die von namhaften Investmentbanken im Jahr 2007 ins Leben gerufene Plattform Chi-X macht in Dax-Aktien mittlerweile mehr als ein Fünftel der Umsätze. Der Handel auf Chi-X ist sehr viel günstiger als auf Xetra, dem elektronischen Handelssystem der Deutschen Börse. Gewinnmargen von mehr als 60 Prozent gehören der Vergangenheit an. Die Deutsche Börse muss regelmäßig die Preise senken, um im Wettbewerb nicht allzu schnell Marktanteile zu verlieren. Eine Erosion der Gewinnmargen wird hier kaum zu verhindern sein.

          Beide Problemfelder werden durch eine Großfusion jedoch nicht beseitigt. Im Gegenteil, noch härter getroffen von der aufstrebenden Konkurrenz ist die Nyse Euronext. Das Flaggschiff des Konzerns ist der Aktienhandel an der Wall Street in New York. Aber auch die Aktienmärkte in Paris, Amsterdam, Brüssel und Lissabon gehören zum Konzern. Die Deutsche Börse strebt also ausgerechnet mit einem Unternehmen eine Fusion an, das auf dem am ärgsten umkämpften und unter erodierenden Gewinnen leidenden Geschäftsfeld des Aktienhandels seinen Schwerpunkt hat.

          Die Gewinnmargen an der Wall Street schmelzen seit Jahren

          Die Wall Street ist zwar im Aktienhandel die führende Weltbörse und verfügt über einen ruhmreichen Namen, wichtigstes Geschäftsziel ist es jedoch seit Jahren, Marktanteilsverluste zu begrenzen und Gewinnmargen nicht allzu schnell schmelzen zu lassen. Das ist kein Fusionspartner, mit dem die Zukunft zu gewinnen ist.

          Aus amerikanischer Sicht stellt sich die Fusion schon sehr viel vorteilhafter dar, was auch in den starken Kursgewinnen der Nyse-Euronext-Aktie im Vergleich zu den moderaten Kursgewinnen der Titel der Deutschen Börse zum Ausdruck kommt. Dem Frankfurter Börsenbetreiber ist es in den vergangenen Jahren gelungen, im stark wachsenden Geschäft mit Terminkontrakten seine Tochtergesellschaft Eurex zu einem führenden Anbieter zu entwickeln. Viel Geld verdienen die Frankfurter zudem mit der Abwicklung von Wertpapiertransaktionen und der Verwahrung von Wertpapieren.

          Beide Aktien haben in den vergangenen Jahren deutlich verloren

          Die Nyse selbst hat es verpasst, auf zukunftsträchtigen Geschäftsfeldern nennenswerte Marktanteile zu entwickeln. In diese Märkte stößt sie nun durch das Zusammengehen mit der Deutschen Börse vor. Die Nyse litt in den vergangenen Jahren darunter, dass die – zunächst als Fusion proklamierte – Übernahme der europäischen Mehrländerbörse Euronext im Frühjahr 2007 viele Ressourcen des Konzerns gebunden hat. Auch damals wähnte man, einen neuen Börsengiganten geschaffen zu haben. Der Blick auf die derzeitigen Börsenbewertungen der Konzerne zeigt jedoch eine ganz andere Entwicklung: der fusionierte Nyse-Euronext-Konzern kommt trotz der jüngsten Kursgewinne nur auf einen Wert von kaum mehr als 7 Milliarden Euro, die Deutsche Börse auf 12 Milliarden Euro. Beide Aktien haben in den vergangenen Jahren deutlich an Boden verloren. Wesentlich bessere Zukunftsperspektiven messen die Börsianer der brasilianischen Bovespa, den amerikanischen Terminbörsen ICE und CME und einigen asiatischen Börsenplätzen zu.

          Überdies ist unabsehbar, mit welchen Reibungsverlusten eine Fusion zwischen der Nyse Euronext und der Deutschen Börse vonstatten gehen wird. Vom Börsenwert her müsste die Deutsche Börse eindeutig das Sagen haben, und ihre bisherigen Aktionäre sollen auch 60 Prozent der Aktien des neuen Konzerns erhalten. Der Vorstandsvorsitz geht jedoch an einen Amerikaner. An der Wall Street wird vor einer Übernahme durch die Deutschen gewarnt, in Frankfurt wiederum wird mit Sorge auf die Erfahrungen der Euronext geblickt, die binnen kurzer Zeit Teil eines eindeutig amerikanisch geführten Konzerns wurde. Auch wird auf das Selbstbewusstsein der Amerikaner verwiesen, die sich keinesfalls den Inbegriff ihres kapitalistischen Systems, die Börse an der Wall Street, unter einer deutschen Flagge gefallen lassen würden.

          Deutsche Börse sollte eher auf die Schwellenländer achten

          Auch entsteht ein neuer Börsengigant nicht auf dem Papier, die Pläne müssen erst einmal in der Realität umgesetzt werden. In welchem Umfang dabei die angestrebten Kostenersparnisse erzielt werden, bleibt abzuwarten, und ob die Fusion auf der Umsatzseite die erhofften Zuwächse generiert, ist stark zu bezweifeln.

          Vor allem aus Sicht der Deutschen Börse wäre es vorteilhafter, sich mit größerem Nachdruck um Kooperationen mit Schwellenländerbörsen zu bemühen. Dort wird auf lange Sicht Wachstum generiert. Die Nyse Euronext hingegen hat außer Tradition nicht viel zu bieten. Zumal es bei einer Fusion nicht gerade von Vorteil ist, wenn einer der Partner seine Ansprüche überwiegend aus seiner ruhmreichen Geschichte ableitet.

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