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Deutsche Börse : Finanzbranche lehnt Fusion mit Börsensitz in London ab

In der Zentrale der Londoner Börse. Bild: AFP

Soll das gemeinsame Unternehmen aus Frankfurter und Londoner Börse seinen Sitz in Großbritannien haben? Nach der Brexit-Entscheidung wächst der Widerstand in Frankfurt.

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          Der Sitz der geplanten europäischen Großbörse kann nicht mehr alleine in London sein. Diese Haltung vertreten nach dem Brexit immer mehr Finanzmarktakteure und Politiker. „Wir haben nun eine andere Situation“, sagt Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU). „Ich kann mir schwer vorstellen, dass die fusionierte Börse ihren Sitz in einem Land nimmt, das nicht mehr in der EU ist.“ Hessen ist für die Börsenaufsicht zuständig und kann die geplante Fusion der Deutschen Börse mit der London Stock Exchange (LSE) untersagen. Ähnlich hatte sich am Dienstag Bafin-Präsident Felix Hufeld geäußert.

          Daniel Mohr

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Gerald Braunberger
          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Auch am Finanzplatz Frankfurt ist die Haltung klar: Die Börsenfusion wird nur befürwortet, wenn der Sitz der Holding in Frankfurt ist. In einer Umfrage des Center for Financial Studies der Frankfurter Goethe-Universität sprechen sich nur 9 Prozent der befragten Finanzinstitute dafür aus, die Fusion wie geplant durchzuführen. Weitere 35 Prozent würden der Fusion nur zustimmen, wenn der Sitz der Holding nach Frankfurt käme.

          Die Botschaft ist auch bei der Deutschen Börse angekommen. Joachim Faber, Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Börse und Vorsitzender des nun begründeten Referendum-Ausschusses der Börsen, hält es angesichts des Brexit für „wichtiger als zuvor, die finanzwirtschaftliche Verbindung zum Vereinigten Königreich stabil zu halten.“ Davon könnten die Finanzplätze in Europa profitieren. „Der Finanzplatz Frankfurt sollte dabei eine Führungsrolle einnehmen und die Verbindung zwischen Europas größter Volkswirtschaft mit London als dem größten Finanzplatz der Welt sicherstellen“, sagte Faber am Dienstag. Das ist noch keine klare Ansage, den geplanten Börsensitz nun doch zumindest gleichberechtigt neben London auch in Frankfurt zu haben, aber ein Signal, dass das Thema auf der Tagesordnung des Ausschusses steht. Der werde in den nächsten Monaten regelmäßig zusammenkommen, um Empfehlungen zu erarbeiten. Bislang hatte die britische Seite einen Holdingsitz in London zur Bedingung für die Fusion gemacht.

          Die Londoner Aktionäre stimmen am Montag ab

          Am Montag müssen die Aktionäre der Londoner Börse auf einer außerordentlichen Hauptversammlung und in Unkenntnis möglicher Änderungen in der Sitzfrage über das Vorhaben abstimmen. Die Aktionäre der Deutschen Börse haben noch bis zum 12. Juli Zeit, ihre Aktien zum Umtausch in Papiere der fusionierten Gesellschaft einzureichen. Parallel prüft die EU-Kommission, ob die Fusion dem Wettbewerb schaden könnte. 2012 war deshalb die Fusion der Deutschen Börse mit der Nyse Euronext untersagt worden. Nun wird aus Frankreich zumindest auf hohe Auflagen für die Fusion hingearbeitet.

          Es wurde kein Wertpapier gefunden!

          Nach Informationen aus politischen Kreisen hat die Hessische Landesregierung das Bankhaus Metzler mit einem Gutachten zur Börsenfusion beauftragt. Der Inhalt ist nicht bekannt, allerdings lässt sich anhand öffentlicher Äußerungen Friedrich von Metzlers aus dem März erahnen, dass die Standortfrage eine wesentliche Rolle spielen dürfte. „Europa braucht eine international wettbewerbsfähige Börse. Ich begrüße daher ausdrücklich die geplante Fusion“, hatte von Metzler gesagt, aber mit Blick auf den Standort konstatiert: „Die Deutsche Börse ist größer. Die deutsche Volkswirtschaft ist die drittgrößte der Welt.“ Daher sei es für ihn „folgerichtig, dass Frankfurt am Main der künftige Hauptsitz der fusionierten Börse wird.“

          Wenn die Fusion scheitert, kaufen dann Amerikaner?

          Die Position der Landesregierung sei „etwas wackelig“, heißt es in einer großen Fondsgesellschaft, die dafür plädiert, an der Fusion unbedingt festzuhalten: „Ansonsten haben wir in zwei Jahren die Amerikaner hier.“ In Finanzkreisen hieß es, die Börsenfusion einfach wie geplant umzusetzen, würde extrem schwierig. Die Börsen von Deutschland und Großbritannien von einem angeschlagenen Land aus zu führen, das werde kaum durchzusetzen sein.

          Der hessische Oppositionsführer Thorsten Schäfer-Gümbel (SPD), hält das jetzige Konstrukt für „unter keinen Umständen genehmigungsfähig“. Die Entwicklungsmöglichkeiten des Börsenstandorts Frankfurt wären unter diesen Umständen nicht nur unsicher, sondern negativ. Auch in Berlin, wo die Börsenfusion bislang als „unternehmerische Entscheidung“ betrachtet wurde, wird nun zumindest spekuliert, dass die Fusion jetzt nicht mehr „einfach so durchzuwinken sei“.

          Ein klarer Befürworter der Fusion bleibt der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, John Cryan, dessen Haus die Fusion federführend für die Deutsche Börse begleitet: „Angesichts der Herausforderungen, vor denen die Finanzindustrie nun vor allem in Großbritannien steht, wäre ein Zusammenschluss von Deutscher Börse mit den Märkten in London und Mailand eine wichtige Säule der Stabilität“, sagt Cryan. Der Ausgang des Brexit-Referendums verunsichere die Marktteilnehmer mit Blick auf die künftige Rolle von zentralen Clearingstellen. „In einer stärkeren gemeinsamen Organisation könnten die Börsen ihre Kräfte bündeln und die Märkte in Europa und London solider und belastbarer machen.“ Die EU-Bankenaufsicht (EBA), könnte indes den umgekehrten Weg der Börse gehen und von London nach Frankfurt umziehen. Dem Vernehmen nach sind nur noch Paris und Frankfurt als Kandidaten übrig. Hessens Ministerpräsident Bouffier war am Mittwoch in Brüssel und traf dort mit dem nun auch für Finanzen zuständigen Vizepräsidenten der Europäischen Kommission, Valdis Dombrovskis, zusammen, um für Frankfurt als Standort zu werben.

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