https://www.faz.net/-gqe-6m72d

Deutsche-Börse-Chef Francioni : „Die Fusion stärkt den Finanzplatz Frankfurt“

  • Aktualisiert am

Der künftige Chef des weltgrößten Börsenkonzerns: Reto Francioni Bild: Foto - F.A.Z. Wolfgang Eilmes

Bis Jahresende will die Deutsche Börse Teil des weltgrößten Börsenkonzerns werden. Die Basis für globalen Erfolg sieht dessen Chef Reto Francioni in lokaler Stärke - in Frankfurt.

          Herr Francioni, die Aktionäre von Nyse Euronext und Deutscher Börse haben der Fusion zugestimmt. Wäre es jetzt nicht an der Zeit, dem neuen Konzern einen Namen zu geben?

          Wir haben von unseren Mitarbeitern mehr als 1400 Vorschläge bekommen und davon inzwischen einige wenige in die engere Wahl genommen. Diese Liste ist gut verschlossen und die Vorschläge werden derzeit umfassend juristisch geprüft.

          Was ist Ihr Favorit?

          Gute Frage, keine Antwort.

          Sie werden Chairman der neuen Gesellschaft. Beschreiben Sie Ihre Aufgaben.

          Zunächst einmal habe ich eine Kontrollfunktion. In unserem konkreten Fall kommen für mich aber erhebliche weitere Aufgaben hinzu. So fällt die Gesamtstrategie für die Gruppe in meinen Aufgabenbereich. Daneben werde ich den Konzern weltweit gegenüber Geschäftspartnern, der Politik und den Aufsichtsbehörden repräsentieren. Ein Full-Time-Job.

          Von wo aus werden Sie den machen?

          Der Chairman hat seinen Hauptsitz in Frankfurt, obwohl die Holding ihren Sitz in Amsterdam hat. Die Sitzungen werden wir den Statuten entsprechend in Amsterdam, Frankfurt und New York halten.

          Den Vorstandsvorsitz des neuen Konzerns soll der New Yorker Börsenchef Duncan Niederauer übernehmen. Sind Sie dann sein Chef?

          Wir haben klare Aufgaben, die sich ergänzen. Die Frage, wer wessen Chef ist, halte ich für irrelevant. Ich habe die Aufgabe, ihn zu kontrollieren, im operativen Geschäft sind wir aber eher Partner. Wir wollen beide das gleiche erreichen.

          Die Deutsche Börse ist der wesentlich wertvollere Konzern. Hätten Sie nicht den Anspruch auf den Vorstandsvorsitz erheben können?

          Ich glaube, diese Frage entsteht eher aus einem tradierten Denken in der deutschen Unternehmensführung. Wichtig ist die Balance des gesamten Teams. Die ganze Struktur ist so ausbalanciert, dass es ohne den anderen nicht geht. Kooperation und Partnerschaft ist das, was uns erfolgreich machen wird und was wir auch unseren Leuten vorleben wollen.

          Am Finanzplatz Frankfurt gibt es die Sorge, dass der Standort in einem von amerikanischen Aktionären beherrschten und von einem Amerikaner aus New York heraus gelenkten Konzern langfristig auf der Strecke bleibt.

          Diese Befürchtungen sind unbegründet. Frankfurt als Finanzplatz gewinnt globale Bedeutung. Unsere wichtigsten Kunden sind längst global organisiert, deswegen müssen wir auch global werden. Dieser Schritt ist unumgänglich und nun ist eine sehr gute Gelegenheit dazu. Kern unserer Strategie ist es jedoch, lokal stark zu sein. Wir brauchen die lokalen Märkte. Kundennähe und Marktnähe sind im Börsengeschäft unverzichtbar. Frankfurt ist neben New York der andere Hauptsitz des Konzerns. Das stärkt den Finanzplatz Frankfurt ganz zweifellos.

          Gibt es eine Standortgarantie oder eine Mindestzahl an Arbeitsplätzen, die erhalten bleiben soll?

          Nein, gibt es nicht, aber das braucht es auch gar nicht. Die große Masse des Geschäfts wird aus Frankfurt heraus geleitet: Terminhandel, Abwicklung, Verwahrung und das Geschäft mit Marktdaten und Indizes. Der vereinte Konzern wird erwartungsgemäß rund 70 Prozent seines Umsatzes in Europa erzielen.

          Wer sitzt im Aufsichtsgremium?

          Namentlich steht das noch nicht fest, die Deutsche Börse stellt jedoch wie in allen Gremien 60 Prozent, die Nyse Euronext 40 Prozent.

          Festgeschrieben bis 2015.

          In vier Jahren, also Ende 2015, ist diese Unterscheidung vermutlich nicht mehr relevant, dann sind wir eine Gesellschaft, die es geschafft hat, global zu werden und Frankfurt wird eine zentrale Stelle unter den weltweit bedeutenden Finanzplätzen einnehmen. Das ist wichtig.

          Der Betriebsrat in Frankfurt ist gegen die Fusion. Ist so ein Projekt ohne die Mitarbeiter überhaupt zu stemmen?

          Wir haben Verständnis für den Betriebsrat, der seine Rolle wahrnehmen muss. Aber auch ein Großteil der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben ihre Aktien getauscht. Ich habe am Montag die Beschäftigten über den Stand der Dinge informiert. Sie haben applaudiert. Die Leute, die bei uns arbeiten, sind sehr international ausgerichtet und sie sind gut. Und gute Leute haben durch diese Fusion eine besondere Chance, ihre Karriere noch internationaler zu gestalten. Für die Mitarbeiter verbessern sich die Perspektiven mittelfristig ganz klar.

          Sie wollen durch die Fusion 400 Millionen Euro im Jahr sparen. Wo wird das passieren?

          Primär bei den Sachkosten wie in der Handelsabwicklung und der IT, aber selbstverständlich in begrenztem Umfang auch bei den Personalkosten.

          Wie viele Handelssysteme wird es in einem Jahr noch geben?

          Mittelfristig wollen wir nur noch eine Handelsinfrastruktur haben, welche den Kern aller Handelssysteme des Konzerns bildet. Die neuen Systeme sind schon heute so modular, dass wir die besten Module aus allen Systemen nehmen und zu einer neuen Handelsinfrastruktur zusammenfügen können.

          Das hiesige Xetra-System wird es also künftig nicht mehr geben.

          Der Kassamarkt wird selbstverständlich in das neue System integriert und dort fortgeführt. Für unsere Kunden wird dies viele Vorteile mit sich bringen, zum Beispiel bei den Anbindungskosten.

          Börsen sind ein internationales Geschäft, aber trotzdem nationale Symbole. Wo bleibt die deutsche Identität in dem neuen Konzern?

          Erstens einmal im Handelssaal in Frankfurt. Das ist eine Identität der besonderen Art, die haben nur noch die Amerikaner in New York und sonst niemand mehr. Und zweitens werden natürlich die Frankfurter Wertpapierbörse wie auch die Terminbörse Eurex in unveränderter Form weitergeführt werden.

          Am Aktienmarkt hat die Fusionsabsicht bislang keine Phantasie ausgelöst. Worin besteht der langfristige Mehrwert für die Aktionäre?

          Der Kurs hat aus meiner Sicht in der Tat den möglichen Wert der Fusion noch nicht voll reflektiert. Sobald wir endgültige Gewissheit haben, sollte dies am Markt zu weiteren Reaktionen führen. Dass die Aktionäre einen Mehrwert in der Fusion sehen, dokumentiert die Zustimmungsquote unserer Aktionäre von 82,4 Prozent. Die Fusion ist im Übrigen nicht in erster Linie zum Kostensparen da, sondern bietet vor allem ein Riesenpotential für steigende Umsätze.

          Industriekonzerne profitieren seit Jahren von starkem Wachstum in Schwellenländern wie China. Bei den Börsen ist das nicht so. Wie wollen Sie das ändern?

          Im Börsengeschäft müssen wir warten, bis sich ein Sekundärmarkt entwickelt hat. Dazu braucht es Banken, Abwicklungsorganisationen, Produkte und börsennotierte Unternehmen in einer bestimmten Größe. Dann sind Partnerschaften möglich, in die wir unser Know-How und unsere Technologie einbringen können und in die Dritte ihr Marktpotenzial einbringen.

          Also eher keine Übernahmen?

          Die Zeiten sind vorbei, wo man herumreist und sagt, wir erobern diesen oder jenen Markt. Wenn aber jemand kooperieren will, dann kann man darüber sprechen. Gegen den Willen eines Marktes kann aber kein Markt übernommen werden, davon bin ich fest überzeugt.

          Welche Länder sind speziell im Fokus?

          Speziell keine Antwort, generell ist es klar, wenn wir jetzt Amerika abdecken und auch Europa sehr verstärkt abdecken, dass wir dann als nächstes Asien bearbeiten müssen.

          Die Fusion mit der Nyse Euronext steht noch unter dem Vorbehalt der Zustimmung zahlreicher Behörden. Wo verläuft für Sie die rote Linie zum Beispiel bei Auflagen der europäischen Wettbewerbsbehörden, ab der sich die Fusion nicht mehr lohnen würde?

          Das ist eine Spekulation, auf die möchte ich seriöserweise nicht antworten.

          Besteht nicht die Gefahr, dass das erfolgreiche integrierte Modell der Deutschen Börse durch Auflagen Schaden nimmt?

          Wir sind zuversichtlich, dass unser Anliegen fair bewertet werden wird. In Brüssel weiß man sehr genau, dass andere große Wettbewerber ähnlich aufgestellt sind und von einseitigen Entscheidungen ebenso einseitig profitieren würden.

          Die Integrationskosten von 600 bis 800 Millionen Euro fallen vor allem 2012 an. Wird es dann eine gekürzte Dividende für die Aktionäre geben müssen?

          Das sehe ich überhaupt nicht so. Die Ausschüttungen sollen sich an den bisherigen Spannen orientieren.

          Weitere Themen

          Drohnen-Angriff sorgt für Ölpreis-Anstieg Video-Seite öffnen

          Saudi-Arabien : Drohnen-Angriff sorgt für Ölpreis-Anstieg

          Nach den Drohnenangriffen auf zwei Ölanlagen in Saudi-Arabien wird mit einem Anstieg der Ölpreise gerechnet. Die Angriffe verschärfen die angespannte Lage in der Golfregion und führten zum Einbruch der Ölproduktion in Saudi-Arabien.

          Topmeldungen

          2007 sitzt Kanzlerin Angela Merkel von dem Eqi Gletscher in Dänemark – heute ist der Klimawandel eine ihrer größten Herausforderungen. (Archivbild)

          Klimapolitik der CDU : Die größte Baustelle der Merkel-Ära

          Die CDU will endlich den gordischen Klima-Knoten durchschlagen. Es wäre aber schon viel gewonnen, wenn der Preis auf Kohlendioxid nicht so endet wie die Energiewende.

          Brexit-Treffen : Johnson blitzt bei Juncker ab

          Der britische Premierminister Johnson hatte Zuversicht verbreitet, doch seine Gespräche mit Kommissionschef Juncker blieben ohne konkretes Ergebnis. Das erste Treffen zwischen den beiden Politikern findet ein kurioses Ende.
          Samstagabend in Lampedusa: 82 Gerettete wurden an Land gebracht

          Italien und die Seenotrettung : Vorübergehend berechenbar

          Die neue Regierung in Italien dreht im Streit über private Seenotretter bei. Doch das Grundproblem des Dubliner Übereinkommens bleibt bestehen. Regierungschef Conte verlangt Reformen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.