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Deutsche Banken : Welche Bankbilanz ist die richtige?

In die Deutsche Bank geblickt. Bild: Fabian Fiechter

Jetzt ist die Zeit der Bankbilanzen. Deutsche Bank, Commerzbank und DZ Bank müssen je drei Bilanzen aufstellen – mit verblüffenden Ergebnissen.

          5 Min.

          Die Bilanz eines Unternehmens soll über die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage informieren. Doch wenn in diesen Tagen die größten deutschen Kreditinstitute einen Schlussstrich unter das Geschäftsjahr 2015 ziehen und über die Höhe ihres Eigenkapitals und viele andere Zahlen mehr berichten, stiften sie selbst unter Fachleuten auch Verwirrung. „Das versteht doch keiner mehr“, stöhnten selbst kundige Wirtschaftsprüfer, als die Deutsche Bank im Oktober 2015 in der Bilanz stehende Firmenwerte um 5,8 Milliarden Euro herabsetzte („abschrieb“) und nonchalant hinzufügte, diese Wertkorrekturen auf als Vermögen bilanzierte Unternehmen (etwa Postbank) verringerten nicht das aufsichtsrechtlich als Kernkapital anerkannte Eigenkapital.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Selbst Bankaufsichtsräte geben hinter vorgehaltener Hand zu, sie könnten Banken anhand der Bilanz nur schwer kontrollieren. Und Bankvorstände verhehlen in Hintergrundgesprächen nicht, dass die Geschäftsberichte der Konkurrenten für sie viel Unverständliches enthielten. Doch wenn nun mit Deutsche Bank (28. Januar), Commerzbank (12. Februar) und DZ Bank (1. März) innerhalb von fünf Wochen die größten drei deutschen Banken über ihre Vermögens-, Finanz- und Ertragslage informieren, trifft sie nicht allein die Schuld am Bilanzwirrwarr. Gunter Dunkel, Sprecher der Landesbanken und im Hauptberuf Vorstandsvorsitzender der Norddeutschen Landesbank, klagt immer wieder darüber, dass die neue europäische Bankenaufsicht die gesetzlich vorgeschriebenen Bilanzierungsregeln IFRS und HGB nicht voll akzeptiere und zusätzliche Daten anfordere.

          47,4 Milliarden Euro hartes Kernkapital

          Gesetzlich vorgeschrieben sind kapitalmarktorientierten Großbanken drei nach unterschiedlichen Regeln aufgestellte Bilanzen: eine Konzernbilanz nach internationalem Standard (IFRS), ein Einzelabschluss der Bank nach HGB und eine Steuerbilanz fürs Finanzamt. Aber die europäische Bankenaufsicht verlangt nun zusätzlich für die IFRS-Konzernbilanz und neuerdings auch für die HGB-Bilanz von Banken „Übergangsrechnungen“, die in „Offenlegungsberichten“ dargestellt werden. Schürt die Aufsicht, indem sie bestimmte Wertansätze für Vermögensgegenstände nach unten korrigiert und manche Vermögenswerte gar nicht akzeptiert, Misstrauen in die gesetzlich vorgeschriebene Bilanzierung? Oder ist es eher andersherum: Erlauben Wirtschaftsprüfer den Banken oft allzu lange, zu hohe Vermögenswerte anzusetzen, damit mehr Eigenkapital vorhanden scheint, als tatsächlich als Haftungsmasse für Verluste bereitsteht?

          Für Wirtschaftsprüfer ist klar: Sie müssen die Konzernbilanzen ihrer Bankkunden testieren, wie sie nach IFRS ermittelt wurden. Wenn die Bankenaufsicht anschließend die Bewertungsspielräume einengt, die nach IFRS eigentlich bestehen, nimmt sie Einfluss auf die Bilanzierungsgesetze. Weil die Banken die Abweichungen ungern öffentlich erklären, wird es vermutlich langfristig zu einer Konvergenz von gesetzlicher und aufsichtsrechtlicher Bilanzierung kommen. Schon jetzt wirken Wirtschaftsprüfer auf eine vorsichtigere Bilanzierung hin, ist zu hören. Doch noch können die Unterschiede zwischen Gesetz und Aufsichtspraxis groß sein. Dies führt dazu, dass etwa Analysten oft die strengeren Kennziffern der Aufsicht verwenden und nicht die nach gesetzlichen Vorgaben ermittelten Größen.

          Der IFRS-Abschluss der Deutschen Bank weicht schon wegen der Möglichkeit, potentielle Steuergutschriften anzurechnen („aktive latente Steuern“), vor allem aber wegen ihrer vielen Derivate, die zu Marktwerten bilanziert werden (dürfen), erheblich vom HGB-Abschluss ab. Bei der Deutschen Bank gibt es zudem besonders große Unterschiede zwischen dem Eigenkapital in der IFRS-Konzernbilanz und dem Eigenkapital in den aufsichtsrechtlichen Finanzinformationen auf IFRS-Basis. Zum 30. Juni 2015 erkannte die Bankenaufsicht lediglich 47,4 Milliarden Euro hartes Kernkapital an. In der Konzernbilanz betrug das harte Kernkapital (ausgegebene Aktien und Gewinnrücklagen) dagegen 68,3 Milliarden Euro.

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