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Deutsche Bank : Zwei gegen alle

Anshu Jain (l.) und Jürgen Fitschen während der Hauptversammlung der Deutschen Bank am Donnerstag in der Frankfurter Festhalle. Bild: Frank Röth

Die Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank regieren gegen den massiven Protest von Aktionären. Das ist nicht ewig auszuhalten. Auch wenn Anshu Jain einen sehr mächtigen Freund hat.

          Der Druck auf die Spitze der Deutschen Bank verschärft sich von Tag zu Tag. Auf der Hauptversammlung am Donnerstag haben Aktionäre den Vorstand nach allen Regeln der Schmähkritik abgemeiert, dann nur mit einem historisch schlechten Ergebnis entlastet. Nun fordern Großinvestoren „Konsequenzen“ – im Klartext: die Abberufung von Anshu Jain und Jürgen Fitschen als Ko-Chefs der Bank.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das Vertrauen ist weg, so tönte es schon auf dem Aktionärstreffen. Allenfalls ein halbes Jahr auf Bewährung sei noch drin, lautet nun der Tenor einer Umfrage dieser Zeitung unter wesentlichen Eigentümern der Bank.

          „Der Aufsichtsrat ist gefordert“, heißt es unisono. Und was sagt der? Gar nichts. Der ebenfalls angefragte Oberkontrolleur Paul Achleitner schweigt. Ob aus Taktik oder weil er das Ergebnis erst verdauen muss? Jedenfalls kommen aus den Doppeltürmen in Frankfurt zum Wochenende nur zwei Worte: „Kein Kommentar.“

          Sie ist die einzige deutsche Bank von Weltrang

          Sicher ist: Das Abstimmungsergebnis (61 Prozent für die Doppelspitze) ist nach herrschender Meinung vernichtend. „Nach diesem Votum kann der Vorstand keinem mehr in die Augen schauen“, sagt Hans-Martin Buhlmann, Vorsitzender der „Vereinigung institutioneller Privatinvestoren“. „Die Doppelspitze braucht jetzt dringend Erfolge, sonst ist ihre Mission vorzeitig beendet“, warnt Ingo Speich, Fondsmanager der Union Investment.

          Selbst lang gediente Profis erinnern sich nicht an ähnliche Vorgänge in Dax-Konzernen. Für gewöhnlich ist die Entlastung des Vorstands Routine auf Hauptversammlungen. 99 Prozent Zustimmung sind normal, alles unter 95 Prozent ist extrem selten. Derartige Unfälle passieren eigentlich nur in der Existenzkrise von Unternehmen, knapp vor deren Zusammenbruch.

          Davon, zum Glück, ist die Deutsche Bank weit entfernt: Sie ist und bleibt die einzige deutsche Bank von Weltrang, wenn auch im Börsenwert abgeschlagen von den Champions, was auch daran liegt, dass die Milliardengewinne aus dem eigentlichen Geschäft draufgehen für die Sünden der Vergangenheit – dies entsetzt die Eigentümer des Konzerns erst recht. Schließlich ist es ihr Geld, das da für Anwälte, Vergleiche und Strafen in aller Welt ausgegeben wird.

          Der symbolische Kopf für diese Misere ist eben jener Anshu Jain. Ein Gefangener seiner Geschichte, da in den fraglichen Skandaljahren Anführer der Investmentbanker in London.

          Achleitner ist auf Distanz

          20 Jahre Dienstjubiläum in der Deutschen Bank feiert Jain in diesem Jahr. Wer damals, im Jahr 1995, Aktien des Konzerns gekauft hat, ist heute ärmer: Das Vermögen der Eigentümer hat nicht mal seinen Wert gehalten. Profitiert haben die Angestellten, die Manager, allen voran die Investmentbanker, die Millionengehälter eingesteckt und dem Konzern Tausende Rechtsstreitigkeiten eingebrockt haben.

          Mehr als acht Milliarden Euro wurden dafür bereits ausgegeben, monieren die Eigentümer der Bank, die sich auf das Management eingeschossen haben. Von Niedrigzins, regulatorischem Übereifer und sonstigen Widrigkeiten als Entschuldigung für die schwache Performance wollen die nichts mehr hören. Der Vorstand soll es gefälligst richten, irgendwie.

          Das Schicksal der Doppelspitze hängt nun an zwei Männern: Paul Achleitner, Aufsichtsratsvorsitzender, der – bevor der Zorn der Aktionäre auch ihn erfasst – erkennbar auf Distanz geht. Knackige Treueschwüre von ihm sind rar in diesen Tagen.

          Und dann ist da Larry Fink, Großaktionär der Bank und als Blackrock-Chef der mächtigste Investor auf dem Globus. Und ein persönlicher Freund von Anshu Jain seit Jahren. Fink war ein maßgeblicher Akteur, der im hässlichen Gerangel um die Ackermann-Nachfolge seinerzeit geholfen hat, Jain durchzusetzen als Ko-Chef der Bank. Man kennt sich, man mag sich.

          Börsenwert unter Buchwert

          Blackrock ist heute die führende Investmentfirma auf der Welt und der wichtigste Teilhaber der Deutschen Bank. Nur ihr hat der Vorstand es zu verdanken, dass er überhaupt entlastet wurde. Außerdem waren die Scheichs aus Qatar, zweitwichtigster Eigner, mit ihren Stimmen zur Stelle sowie die Banker selbst mit ihren Anteilsscheinen. Ansonsten war da wenig Hilfe von den Aktionären – Anshu Jain hatte sich offenbar verschätzt, als er vorige Woche im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gesagt hatte: „Die Unterstützung der Investoren für uns ist stark.“

          Gewiss, Larry Fink hat ihn nicht enttäuscht. Nur: Der Geschäftszweck der Investmentfirma Blackrock ist es, das ihr anvertraute Geld zu mehren. Mit Deutsche-Bank-Aktien fällt das schwer. Dabei sitzt Anshu Jain heute nur da, wo er sitzt, weil er im Rufe einer „Geldmaschine“ stand, eines Zauberers des Kapitalmarkts. Für die Kunst, aus Milliarden im Handelssaal noch mehr Milliarden zu machen, dafür hat Fink den Inder bewundert. Deswegen hat er ihn von jeher unterstützt.

          In der aktuellen heiklen Lage verweigert der Amerikaner jeden Kommentar – der Mann ist es gewohnt, direkt mit dem Management zu reden, er hat es nicht nötig, durch öffentliche Rüffel Einfluss auf die Personalpolitik von Konzernen zu nehmen.

          Wie aber kann die Doppelspitze sich retten? Was hilft dem Management? Bessere Zahlen, wie meist. Noch besser: Ein Wunder. Jedenfalls ist es kaum damit getan, wenn der Aktienkurs zehn Prozent nach oben zuckelt, solange der Konzern an der Börse nicht mal so viel wert ist, wie er Vermögen in den Büchern stehen hat.

          Im Urteil der Börsianer heißt das: Sperrt den Laden zu, verkauft das Inventar! Dass der Börsenwert unter dem Buchwert liegt, wie dieses Phänomen in der Fachsprache heißt, sei „kein Zustand, nicht akzeptabel“, haben Jain und Fitschen vorige Woche im F.A.S.-Interview eingeräumt. „Wir tun alles, um dies zu ändern“, haben sie angefügt. Einzig, es fehlt dem Markt der Glaube, dass ihnen das so schnell gelingt.

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