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Deutsche Bank : Nachsitzen in Höchst

Sichtlich genervt: die beiden Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank, Jürgen Fitschen (l.) und Anshu Jain Bild: dpa

Die Deutsche Bank braucht eine Extra-Hauptversammlung. Weil ein Gericht die Beschlüsse der vergangenen Hauptversammlung für nichtig erklärt hat. Jetzt sitzen die Aktionäre in einer Halle in Frankfurt-Höchst. Und die Manager sind genervt.

          Das ist kein Spaß hier, wird allen Aktionären gleich zu Beginn klar gemacht. Die erste außerordentliche Hauptversammlung der Deutschen Bank werde auf Deutsch geführt, sagt Aufsichtsratschef Paul Achleitner. Die Bank-Manager wollen sicher gehen, dass es dieses Mal keinerlei formelle Gründe gibt, mit denen Beschlüsse der Hauptversammlung abermals angefochten werden könnten. Auch Co-Chef Jürgen Fitschen merkt man die Verärgerung an: „Wir wollen daraus keine Gewohnheit machen“, sagt er zu Beginn zu der Tatsache, dass die Bank erstmals in ihrer Geschichte zu einer außerordentlichen Hauptversammlung einladen musste.

          Tillmann Neuscheler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Denn eigentlich hätte es dieses Treffen gar nicht geben sollen. Aber weil bei der letzten Hauptversammlung im vergangenen Mai – es war der letzte Tag des früheren Bankchefs Josef Ackermann – das Rederecht eines Aktionärs zu Unrecht beschnitten worden war, hatte das Landgericht Frankfurt im Dezember mehrere Beschlüsse der Versammlung für nichtig erklärt. Darunter die Wahlen zum Aufsichtsrat, die Wahl der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG zum Abschlussprüfer und der Beschluss über die Gewinnverwendung des Jahres 2011. Zwar hat die Bank Berufung gegen die Entscheidung eingelegt, doch sicherheitshalber lässt sie die Aktionäre auf dem Sondertreffen die Beschlüsse noch einmal bestätigen.

          Aktionär: Manche wollen nur ihren „Lästigkeitsgrad“ erhöhen

          Auch einige Aktionäre sind davon genervt: „Wer so eine Privatparty bestellt, soll sie auch selber zahlen“ – alles andere sei „asozial“, sagt Klaus Nieding von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Das Unbehagen richtet sich nicht so sehr gegen das Management der Bank, sondern gegen Aktionäre aus dem Lager des verstorbenen Medienunternehmers Leo Kirch, die seit Jahren Beschlüsse im Nachhinein anfechten und so der Bank das Leben schwer machen. Kirch und seine Erben prozessierten jahrelang gegen die Deutsche Bank, weil er den früheren Deutsche-Bank-Chef Rolf Breuer für die Pleite seines Imperiums verantwortlich machte, nachdem Breuer 2002 in einem Fernsehinterview die Kreditwürdigkeit Kirchs angezweifelt hatte.

          Angespannt: die Stimmung auf der außerordentlichen Hauptversammlung der Deutschen Bank

          Die Fehde geht nun offenbar endlos weiter. Zwar ist nach einem Urteil des Oberlandesgerichts München klar, dass die Kirch-Erben Schadenersatz bekommen, aber noch nicht, in welcher Höhe. Die Bank hat vorsichtshalber Rückstellungen gebildet – in welcher Höhe, ist unbekannt. Die Kirch-Leute wollten nur noch ihren eigenen „Lästigkeitsgrad erhöhen“, sagt Nieding. „Es reicht, wir werden mit Kosten belastet, die mit uns nichts mehr zu tun haben.“ Die Angelegenheit sei eine Privatfehde zwischen dem Management und den Kirch-Vertretern. „Die Aktionäre sind es leid, dafür in Geiselhaft genommen zu werden - verschonen Sie uns mit diesen Dingen.“ Dieser Streit, so Nieding, gehöre in den Gerichtssaal und nicht hierher. „Was hat uns dieses ganze Theater, das seit 10 Jahren läuft, eigentlich gekostet?“, fragte er das Management. Schließlich kosteten solche Treffen Zeit und Geld.

          Image der Bank hat schwer gelitten

          Für dieses Treffen hat die Bank zwar nicht die zentrale Frankfurter Festhalle angemietet – dort ist am 23. Mai ohnehin die reguläre Hauptversammlung mit rund 5000 Aktionären geplant –, sondern lediglich die kleinere Jahrhunderthalle etwas außerhalb im Frankfurter Stadtteil Höchst. Rund 2000 Aktionäre sind gekommen - 27,3 Prozent des stimmberechtigten Grundkapitals.

          Die Kosten für das Extra-Treffen beziffert Fitschen auf Nachfrage mit 5 Millionen Euro - hinzu kämen hausinterne Kosten. Das müsse die Bank tragen. Wer die Kosten für den juristischen Dauerstreit vor Gericht trage, müssten letztlich die Richter entscheiden. Und dann stichelt auch Fitschen einmal: Falls die Gegenseite Prozesskosten tragen müsse, könne er nur sagen, dass man deren Zahlungswürdigkeit „extern nicht einschätzen“ könne.

          Tatsächlich geht es bei der außerordentlichen Hauptversammlung gar nicht um die spannenden Fragen. Dabei gibt es an großen Themen keinen Mangel. Vor allem das Image der Bank hat in den vergangenen Monaten schwer gelitten: Betrugsvorwürfe mit komplexen Hypothekenanleihen in Amerika, Libor-Skandal, Verhaftungen von Mitarbeitern, eine Razzia mit hunderten bewaffneten Polizisten in der Bankzentrale. Hinzu kommt, dass zahlreiche Kommunen wegen Verlusten aus Zinswettgeschäften gegen die Bank klagen und die  Staatsanwaltschaft gegen Co-Chef Fitschen ermittelt, weil er eine fragwürdige Umsatzsteuererklärung unterschrieben hat. Nun steht der Verdacht auf Steuerhinterziehung im Zusammenhang mit sogenannten Karussellgeschäften im Raum.

          „Wenigstens bekommt man hier Wasser“

          Doch auf der schmalen Tagesordnung stehen lediglich drei Punkte: die Wahl des Abschlussprüfers, die Ausschüttung des Gewinns und die Wahlen zum Aufsichtsrat – darunter auch die des derzeitigen Aufsichtsratsvorsitzenden Paul Achleitner. Alle drei Beschlüsse waren im vergangenen Mai mit großer Mehrheit von den Aktionären abgenickt worden.

          „Wenigstens bekommt man hier Wasser“, sagt ein Aktionär genervt. Überhaupt bleiben kleine Sticheleien gegen das Management auf der Versammlung nicht aus: Er würde gerne wissen, wie der Co-Vorstandsvorsitzende Anshu Jain die Veranstaltung inhaltlich verfolgt, stichelt der Aktionär Michael Bohndorf und spielt damit auf die fehlenden Deutschkenntnisse des Inders an. „Bekommt er eine Simultanübersetzung?“

          Ein anderer Aktionär will wissen, warum das Management bei der letzten Hauptversammlung den Kirch-Anwalt Enderle - der die Beschlüsse dann erfolgreich anfochte - nicht ausreichend habe zu Wort kommen lassen. Der Anwalt nerve zwar seit Jahren, aber das sei kein Grund, ihn nicht reden zu lassen, appelliert er an das Management. Bevor er anfügt: „Wollten da ein paar rechtzeitig heim zu Mutti?“ 

          Das Management lässt die Vorwürfe geduldig über sich ergehen. Spaß macht ihnen das nicht unbedingt, für das Publikum ist es bisweilen unterhaltsam: Das war auch schon früher so. Der ehemalige Deutsche-Bank Chef Rolf Breuer hätte Hauptversammlungen auch mal als „10-Stunden-Müll“ bezeichnet, sagt ein Aktionär am Mikrofon und fragt Fitschen, ob das heutige Management das auch so sehe. Der antwortet trocken, er kenne das Zitat nicht. Und falls es je so gefallen wäre, sei das nur die persönliche Meinung von Herrn Breuer.

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