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Umbau der Deutschen Bank : Gewerkschaften loben Sewings Entlassungspläne

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Sie wollen und sollen es richten: Paul Achleitner und Christian Sewing (links) Bild: Reuters

18.000 Arbeitsplätze sollen der Neuausrichtung der Deutschen Bank zum Opfer fallen. Trotzdem verteidigt nicht nur Verdi-Chef Bsirske das Vorhaben.

          Die Gewerkschaften stellten sich hinter den Umbau bei der Deutschen Bank – und das, obwohl dieser weltweit 18.000 Arbeitsplätze kostet. Bis 2022 soll jede fünfte Stelle wegfallen. „Das deutliche Verkleinern des Investmentbankings ist eine radikale Neuausrichtung der Deutschen Bank“, sagte Verdi-Chef Frank Bsirske, der im Kontrollgremium des Instituts sitzt. Es gehe darum, die Bank langfristig zu stabilisieren.

          „Inwiefern dies Auswirkungen auch auf die Infrastrukturbereiche in Deutschland hat, können wir im Moment nicht beziffern“, so Bsirske weiter. Die Gewerkschaft erwarte, dass die Deutsche Bank auf betriebsbedingte Kündigungen verzichte und der Personalabbau sozialverträglich erfolge.

          Ähnlich äußerte sich Stephan Szukalski, Bundesvorsitzender der Gewerkschaft dbv: „Ich glaube, dass die beschlossenen Maßnahmen in die richtige Richtung gehen. Es könnte ein echter Neuanfang für die Deutsche Bank sein.“ Allerdings dürfte der Arbeitsplatzabbau auch an Deutschland nicht spurlos vorbeigehen, die Postbank-Integration läuft ohnehin bereits auf Hochtouren. Details, wie sich die Stellenstreichungen genau verteilen, ließ die Deutsche Bank zunächst noch offen. Der Aktienkurs der Bank legte am Montagmorgen indes um vier Prozent.

          „Heute haben wir die umfassendste Transformation der Deutschen Bank seit Jahrzehnten vorgestellt“, sagte Konzernchef Christian Sewing am Sonntag nach einer Sitzung des Aufsichtsrats. „Wir packen all das an, was notwendig ist, um das volle Potenzial unserer Bank zu entfalten: unser Geschäftsmodell, unsere Kosten, unser Kapital und unser Führungsteam.“ Man habe keine andere Möglichkeit, so der Vorstandschef gegenüber n-tv.

          „Bad Bank“ für Bilanzrisiken

          Seit Wochen war klar, dass die Deutsche Bank nach der abgeblasenen Fusion mit der Commerzbank angesichts mauer Gewinne ihre Strategie noch einmal überdenkt und auch vor tiefen Einschnitten nicht zurückscheut. Nun steht der Fahrplan: Die Kosten sollen bis Ende 2022 um sechs Milliarden Euro auf dann 17 Milliarden fallen. Dazu streicht Sewing insbesondere im Investmentbanking, das bei den Frankfurtern schon lange keine Gewinnmaschine mehr ist: Aus dem weltweiten Aktienhandel will sich die Deutsche Bank komplett zurückziehen. Und auch der Anleihehandel, lange Zeit das Aushängeschild der Deutschen Bank, muss abspecken. Damit ist Sewing, seit etwas mehr als einem Jahr im Amt, radikaler als alle seine Vorgänger, die tiefe Einschnitte im Kapitalmarktgeschäft stets scheuten - teils auch in der Hoffnung, die Sparte werde sich irgendwann schon wieder erholen.

          Für die Aktionäre bedeutet der neuerliche Umbau der Deutschen Bank einmal mehr Verzicht: Für 2019 und 2020 soll es keine Dividende geben, zumindest dieses Jahr erwartet die Deutsche Bank wegen der Umbaukosten einen Verlust - das vierte Verlustjahr binnen fünf Jahren. Immerhin sollen die Anleger nicht erneut um frisches Geld gebeten werden. „Der Verzicht auf eine Kapitalerhöhung ist grundsätzlich positiv, belastet aber auf Jahre die Ertragskraft der Bank“, sagte Alexandra Annecke von Union Investment, dem Fondshaus der Volks- und Raiffeisenbanken. „Die Aktionäre brauchen weiter einen langen Atem.“ Nach Einschätzung von Michael Hünseler vom Vermögensverwalter Assenagon sind die Pläne der Bank auf Kante genäht. „Die Fehlertoleranz des Plans, gemessen am Kapitalbedarf, ist gering.“

          DT. BANK

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          Wenn Sewing erfolgreich ist, soll die Bank 2022 deutlich profitabler sein und eine Rendite von acht Prozent abwerfen - im internationalen Vergleich immer noch wenig, aber ein Vielfaches der im vergangenen Jahr erreichten 0,5 Prozent. Das Ziel ist, die Bank, die 1870 gegründet wurde, um deutsche Unternehmen ins Ausland zu begleiten, wieder zurück zu ihren Wurzeln führen. Das deutsche Geschäft mit Firmenkunden und die Transaktionsbank, die für viele nationale und internationale Unternehmen Dienstleistungen wie etwa den Zahlungsverkehr anbietet, sollen zu einer Unternehmensbank gebündelt werden. Auch viele kleine und mittlere Unternehmen, die bisher von der Privatkundenbank bedient wurden, sollen künftig dort angebunden sein.

          Was von der Investmentbank übrig bleibt, soll sich ebenfalls hauptsächlich auf Dienstleistungen für Unternehmen konzentrieren. So sollen in der Investmentbank Bereiche wie Kredit- und Devisenprodukte ausgebaut werden. Was nicht mehr benötigt wird, landet in einer internen „Bad Bank“. Sie soll Bilanzrisiken in Höhe von 74 Milliarden Euro - ein Fünftel der gesamten Bilanzrisiken der Bank - möglichst wertschonend abbauen. Ihre letzte interne „Bad Bank“ hatte die Deutsche Bank Ende 2016 nach knapp vier Jahren geschlossen, anfangs hatte sie ein Volumen von 128 Milliarden Euro.

          Bis Ende 2022 rechnet der Vorstand mit Belastungen von insgesamt 7,4 Milliarden Euro durch den Umbau - allein drei Milliarden wurden im zweiten Quartal verbucht. Deshalb fuhr das Geldhaus im zweiten Quartal einen Verlust von 2,8 Milliarden Euro nach Steuern ein. Die vollständige Bilanz soll am 24. Juli veröffentlicht werden.

          Die Kosten für den Umbau will die Bank aus eigener Kraft stemmen. Die Kapitalpolster dürften aber abschmelzen - die Bank setzt sich künftig eine harte Kernkapitalquote (CET 1) von mindestens 12,5 Prozent zum Ziel, nachdem bislang mindestens 13 Prozent angestrebt wurden.

          Auch der Vorstand wird umgekrempelt. Mit Privatkunden-Chef Frank Strauß, Regulierungsvorständin Sylvie Matherat und Investmentbanking-Chef Garth Ritchie verlassen gleich drei Vorstände das Führungsgremium zum 31. Juli. An ihrer Stelle ziehen der Vertrauensmann des Großaktionärs Katar, Stefan Simon, der ehemalige SAP-Vorstand Bernd Leukert und Christiana Riley, die bisher Finanzchefin der Unternehmens- und Investmentbank war, in den Vorstand ein.

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