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Deutsche Bank : „Der Wandel kommt nicht über Nacht“

Das kommt gut an bei den Fotografen: Sobald sich die Köpfe der Co-Vorstandsvorsitzenden Fitschen (l.) und Jain nähern, klicken unzählige Kameras. Bild: dapd

Die Deutsche Bank steckt in vielen Skandalen auf einmal. Die Chefs Anshu Jain und Jürgen Fitschen sprechen auf ihrer ersten Bilanzpressekonferenz am liebsten von dem Kulturwandel, den sie dem Haus verordnet haben.

          Sie sind gekommen, um einen Verlust zu verkünden. „Unbefriedigend“ sei das Ergebnis, sagt der Co-Vorstandschef der Deutschen Bank, Jürgen Fitschen, aber so ein Wandel brauche eben Zeit. Gut sieht die erste Jahresbilanz des neuen Führungsduos der Deutschen Bank tatsächlich nicht aus: Im letzten Quartal des vergangen Jahres hat die Bank einen Verlust von 2,2 Milliarden Euro erwirtschaftet. Und nur weil es davor besser lief, kommt die Bank im Gesamtjahr noch auf einen Gewinn nach Steuern von 665 Millionen Euro. Im Jahr zuvor durfte ihr Vorgänger Josef Ackermann noch einen Gewinn von 4,3 Milliarden Euro verkünden.

          Tillmann Neuscheler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          So ist das oft mit neuen Vorständen. Sie bauen um, und das kostet Geld. Sie kehren die Bilanz aus, um möglichst viele Kosten gleich am Anfang in die Bücher zu bekommen und sie später loszuhaben. Auch Vorgänger Josef Ackermann hatte in seinem ersten Jahr an der Spitze der Bank einen Rückgang im „bereinigten Ergebnis“ vermeldet, nur Beteiligungsverkäufe brachten der Bank damals einen hohen Gewinn.

          Eine Milliarde für Rechtsstreits

          Jain und Fitschen haben erst mal eine zusätzliche Milliarde Euro eingeplant, um für ihre vielen Rechtsstreits zu zahlen. Unter anderem muss die Deutsche Bank Schadenersatz für die Pleite des Medienunternehmers Leo Kirch zahlen, wenn ein aktuelles Urteil Bestand hat.

          Doch das war nicht das einzige, was das Image der Deutschen Bank in den vergangenen Monaten beschädigt hat: Betrugsvorwürfe um komplexe Hypothekenanleihen in Amerika, ein Skandal um die Manipulation des wichtigen Libor-Zinses. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Co-Chef Fitschen, weil er eine fragwürdige Umsatzsteuererklärung unterschrieben hat – nun steht der Verdacht auf Steuerhinterziehung im Zusammenhang mit sogenannten Karussellgeschäften im Raum. Mitarbeiter wurden festgenommen, zu einer Razzia kamen Polizisten bewaffnet mit Pistolen ins Haus.

          Das waren keine schöne Bilder, die im Dezember für Aufruhr sorgten. Anhu Jain ging damals in Deckung und überließ die Öffentlichkeitsarbeit kurzerhand seinem Kollegen Fitschen. Den fuchsten die Bilder der Razzia so arg, dass er sogar zum Telefonhörer griff und sich beim hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier (CDU) beschwerte. Einziger Trost: Selbst Vorgänger Ackermann fand den Aufmarsch übertrieben.

          Und die Querelen sind längst nicht ausgestanden: Kommunen klagen gegen die Bank wegen Verlusten aus Zinswettgeschäften. Selbst der angesehene Justitiar der Bank wurde verhaftet wegen angeblicher Verdunkelungsgefahr. Und zuletzt wurde bekannt, dass die Deutsche Bank wieder sehr komplexe Kreditverbriefungen im Milliardenvolummen begeben hat, obwohl diese sogenannten CDOs (Collateralized Debt Obligations) in der Finankrise schwer in Verruf geraten waren. Sie bündeln die Risiken Tausender Einzelkredite.

          Jetzt reden Jain und Fitschen am liebsten vom Kulturwandel, den sie im vergangenen Herbst versprochen haben. Dass sie den Anteil der Boni an den Erträgen auf die Hälfte des Vorkrisen-Niveaus gesenkt haben. Boni für Führungskräfte würden künftig mit einer Verzögerung von 5 Jahren ausgezahlt. Im Investmentbanking würden viel weniger Risiken eingegangen als früher. Ein „fundamentaler Wechsel“ sei das, der Zeit brauche, sagt Jain: „Der Wandel geht nicht über Nacht“, sagt der Inder: „Er ist schmerzhaft, aber er lohnt sich“.

          Pflicht-Ethikkurse für die Mitarbeiter

          Man stehe weiterhin zum Investmentbanking, gibt Jain zu verstehen. Die Bank habe zwar die Risiken stark zurückgefahren, der Bereich bleibe aber sehr wichtig: Als er 1995 zur Deutschen Bank gekommen sei, habe die Bundesregierung der Bank kaum den Börsengang der Telekom zugetraut. Das sei ein „Weckruf“ gewesen, und das habe sich doch grundsätzlich geändert. Die Deutsche Bank habe inzwischen die vier größten Börsengänge aller Zeiten in führender Rolle begleitet, drei davon in China. 

          Mitte Dezember kam die Polizei zur Razzia in die Doppeltürme der Bank.

          Aber künftig soll alles „ethischer“ sein: Die Bank habe im vergangenen Jahr auch 2000 Lehrlinge ausgebildet, betont Fitschen. Und es wird sogar erwähnt, dass sich 7600 Mitarbeiter der Bank in ihrer Freizeit bei ehrenamtlichen Projekten engagieren. Das sei jeder vierte Mitarbeiter in Deutschland. Manager würden immer häufiger auf Pflichtschulungen geschickt: „Im laufenden Jahr werden wir weiter verpflichtende Seminare zum Thema ‚Verhalten im Geschäftsalltag und Ethik’ einführen“, erläutert Fitschen: „Wer die neuen Werte nicht teilt, sollte besser gehen.“

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