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Anshu Jain und Jürgen Fitschen : Banker auf Bewährung

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Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt: Der ganze Kulturwandel nützt nichts, wenn die Performance fehlt. Bild: dpa

Die Aktionäre der Deutschen Bank meutern: 2014 hat der Finanzkonzern ein Drittel seines Börsenwertes verloren. Wenn die Spitzenleute Jain und Fitschen nicht bald liefern, ist die Geduld der Eigentümer am Ende.

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          Anshu Jain feiert im April ein Dienstjubiläum in der Deutschen Bank. Exakt 20 Jahre arbeitet der Mann dann für den Finanzkonzern. Und um es vorwegzunehmen: Der Chef betrachtet seine Mission nicht als erfüllt – allen Anfechtungen zum Trotz. Der Inder kämpft um den Job, den er als den besten in der Finanzwelt erachtet: „Wo könnte ich mehr bewirken, mehr Einfluss nehmen?“

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nein, egal, wie groß der Druck auch werden mag, Ko-Chef Jain, ein smarter Kerl vor dem Herrn, bietet alle ihm eigene Coolness auf, um zu demonstrieren: Ein Typ seines Kalibers hat die Dinge im Griff. Immer. Auch wenn in diesen Tagen das Murren lauter wird, die ersten Investoren mahnen, der Aufsichtsrat solle die Reißleine ziehen, wenn die Bank nicht bald zeigt, wozu sie taugt: Reputation ramponiert, Aktienkurs katastrophal, lautet, grob gesprochen, die Kritik: So kann es nicht weitergehen.

          Das Risiko, Jain als Konzernchef neben Jürgen Fitschen zu installieren, war bekannt, Zweifler und Widersacher gab es zuhauf: Ein Inder, noch dazu ein Investmentbanker als Deutsche-Bank-Chef? Kann das gutgehen? Nur einen Verbündeten wusste Jain stets auf seiner Seite: die Kapitalmärkte, die wesentlichen Eigentümer der Bank, die ihn in dem beinharten Nachfolgekampf am Ende der Ära Ackermann mit auf den Schild gehoben haben.

          Von den Aktionären droht die ärgste Gefahr

          Als eine „Geldmaschine“ haben sie Jain seinerzeit gepriesen, ihm alle einschlägigen Orden umgehängt. Ob er Deutsch nur brockenweise spricht (was sich bessert) oder in den wilden Zeiten des Investmentbankings über die Stränge geschlagen hat – das alles interessierte diese Leute nur marginal, Anshu Jain war der Liebling der angelsächsischen Großinvestoren.

          Das Paradoxe: Genau von dort droht ihm nun die ärgste Gefahr. Die Aktionäre, gerade die großen, sind unglücklich, um nicht zu sagen frustriert. Und wie es ihre Art ist, zögern sie auch nicht, ihr Befinden dem Management zu vermitteln. Jain und Fitschen können ein Lied davon singen. Wegducken bringt nichts, die Profiinvestoren fordern ihr Recht, so viele Gespräche wie selten hat Jain mit ihnen vorige Woche am Randes des Weltwirtschaftsforums in Davos geführt. So war er etwa eingeladen von Blackrock, als weltgrößte Investmentgesellschaft einflussreicher Deutsche-Bank-Teilhaber. Der Chef Larry Fink bezeichnet Jain als seinen Freund, nett war’s auch wieder bei dem Dinner zwischen den beiden. Trotzdem hat Blackrock kein Geld zu verschenken.

          Die Ko-Vorstände der Deutschen Bank: Anshu Jain und Jürgen Fitschen

          Aktionäre sind aus Prinzip ungeduldig und erbarmungslos, allen voran die im eigenen Haus, die Investmentbanker in der Deutschen Bank. Denen gehört dank der in Aktien bezahlten Boni heute ein beachtlicher Anteil an dem Konzern (den genauen Prozentsatz weiß niemand). „Anshu Jain, der arme Kerl, kann bei diesen schlechten Kursen nur noch mit kugelsicherer Weste durch die Gänge laufen“, sagt der Führungsmann einer ausländischen Großbank. Mitleid ist eine perfide Art, sich an der Konkurrenz zu rächen. Tatsächlich hat die Deutsche Bank 2014 ein Drittel des Börsenwertes verloren, in einem Jahr, in dem der Dax von Rekord zu Rekord rauschte: Performance mangelhaft – das ist ein bitteres Zeugnis für eine Bank, die immer noch „passion to perform“, Leistung aus Leidenschaft, auf ihre Fahnen geschrieben hat.

          Das strapazierte Schlagwort vom Kulturwandel und den aufzulösenden Silos, mit denen die Doppelspitze angetreten ist, helfen nicht viel, wenn solche Zahlen hinten rauskommen. Mag die Bank in einzelnen Bereichen Marktanteile gewinnen, sich bei den Großkunden wacker schlagen, den Stresstest der EZB bestanden haben, im Börsenwert fällt sie zurück – das ist es, was haftenbleibt.

          2015 muss die Wende bringen

          Das Jahr 2015 muss nun die Wende bringen. So ähnlich formuliert Jain es selbst. Eine neue Strategie muss her, eine richtige Strategie, eine, die den Namen auch verdient, also länger hält als das, was die Doppelspitze zu ihrem Start im Sommer 2012 vorgelegt hat. Das verlangt auch Oberkontrolleur Paul Achleitner, der Jain zwar tapfer verteidigt, im Übrigen aber stets betont, dass er, falls nötig, vor harten Schnitten nicht zurückschreckt.

          Noch vor der Hauptversammlung im Mai wollen Jain und Fitschen liefern, eine „Strategie 2020“ oder wie auch immer das Programm heißen wird, das einen weiteren Umbau von Konzern wie Vorstand nach sich ziehen wird. „Wenn es wieder nichts wird mit dem großen Wurf, dann stellt sich die Führungsfrage. Der Vorstand hat noch einen Schuss“, warnt ein Großinvestor und droht vorsorglich schon mal mit einem „heißen Tanz“ auf dem Aktionärstreffen.

          Gegen den Ärger hilft vor allem eines: gute Zahlen, am besten positive Überraschungen. Am kommenden Donnerstag haben Jain und Fitschen die Gelegenheit dazu, dann legen sie das Ergebnis für das Jahr 2014 vor, und nach allem, was man hört, wird es zumindest weniger schrecklich als befürchtet.

          Was garantiert fehlen wird, ist die frohe Botschaft, nach der sich alle Beteiligten sehnen: „Altlasten beseitigt“. Nein, diese Überschrift wird es nicht geben, die juristischen Scharmützel dauern an in der Bank der 1000 Klagen. Die Manipulation des Libor-Zinssatzes ist nur der prominenteste Fall.

          Im Laufe dieses Jahres will der Vorstand die gröbsten Streitfälle bereinigen, allein: die Bank hat es nicht in der Hand, sie ist den Unwägbarkeiten der Justiz, gerade in Amerika, ausgeliefert. Und solange das so bleibt, solange nicht klar ist, wie viele Milliarden noch draufgehen für die Sünden der Vergangenheit, fassen Profis die Aktie nur mit spitzen Fingern an.

          Der zweite Grund für den Abschlag auf die Deutsche-Bank-Papiere: Niemand vermag gegenwärtig zu erkennen, was genau der Konzern künftig sein will: nur Investmentbank (unwahrscheinlich), nur Filialbank (unprofitabel) oder irgendwas dazwischen (die wahrscheinlichste Variante). „Wir bieten das an, was der Kunde von uns will“, lautet die vage Auskunft des Vorstands. Strittig ist nur: Welcher Kunde? Und braucht dieser Kunde morgen überhaupt noch eine Bank? Wer heute unter 25 ist, wird wahrscheinlich nie in seinem Leben eine Filiale betreten, hat Anshu Jain erkannt und mehr Tempo im Digitalen gefordert, was allein freilich auch noch keine Strategie ausmacht.

          Andere Häuser sind da weiter. In der Schweiz etwa hat die UBS ihr Investmentbanking auf das Allernötigste zusammengestrichen, in England hat Barclays – in der Vergangenheit am ehesten mit der Deutschen Bank vergleichbar – das Konzept „Universalbank“ für überholt erklärt. In Amerika diskutieren sie, JP Morgan zu zerschlagen.

          Die Deutsche Bank aufzuspalten ist eines der möglichen Szenarien, die in Frankfurt kursieren: also Privatkunden samt Postbank abtrennen, dies löst für sich genommen freilich kein Problem: Dem Investmentbanking setzt die Regulierung zu, und mehr Vorsicht bedeutet weniger Marge. Auf der anderen Seite verwüstet die EZB – als Kollateralschaden ihrer Billionenbombe – ehemals solide Geschäfte der Bank, genauer: aller Banken.

          In Nullzinszeiten gibt’s von den Privatkunden nun mal nichts zu holen, auch im Transaction Banking, wo der Zahlungsverkehr für Konzerne abgewickelt wird, ist nicht viel zu gewinnen – Strafzinsen sind zumindest für diesen Bereich auch in der Deutschen Bank nicht mehr ausgeschlossen.

          Die führende Universalbank der Welt zu bauen, das war bisher Jains Anspruch, das neue Konzept muss er schleunigst formulieren. Klar ist nur so viel: Die neue Deutsche Bank wird schlanker, mit einer kürzeren Bilanz, weniger Filialen und weniger Mitarbeitern. Wie das Personal an der Spitze heißt, muss sich spätestens Ende diesen Jahres weisen. Dann ist zu klären, wer die Deutsche Bank regiert, wenn 2017 der Vertrag von Jürgen Fitschen altersgemäß endet. Anshu Jain wird dann 54 Jahre alt sein und 22 Jahre im Konzern.

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