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Deutsche Bahn : Schonfrist für den Aufsichtsratschef – vorerst

Bahn-Aufsichtsratschef Felcht nach einem Treffen mit Bundesverkehrsminister Dobrindt Bild: dpa

Wie lange behält der Aufsichtsratschef noch seinen Posten? Der Stuhl von Utz-Hellmuth Felcht wackelt kräftig. Ein Nachfolger ist schon im Gespräch.

          Trotz des wachsenden Drucks nach dem Rücktritt von Bahnchef Rüdiger Grube bleibt Utz-Hellmuth Felcht vorerst Vorsitzender des Aufsichtsrates der Deutschen Bahn. Das hat sich am Mittwoch nach einem Gespräch mit Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) ergeben. Zuvor war darüber spekuliert worden, dass Felcht seinen Posten zur Verfügung stellen werde. Beobachter vermuten, dass Dobrindt ihm eine Schonfrist gewährte, um das Führungschaos bei der Bahn nicht noch zu verschärfen. Angeblich will Dobrindt sich nicht drängen lassen, mit allen Seiten reden und dann in Ruhe entscheiden – sowohl über den Posten des Vorstandsvorsitzenden als auch den des Aufsichtsratschefs. Über beide kann Dobrindt allerdings nicht allein befinden, sondern nur im Einvernehmen mit dem Bundeskanzleramt und dem Koalitionspartner SPD.

          Kerstin Schwenn

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Felcht wird vorgeworfen, sein mangelndes Geschick habe dazu geführt, dass die Bahn jetzt überraschend im Wahljahr ohne Vorstandsvorsitzenden dastehe. Felcht hatte zusammen mit den übrigen Mitgliedern des Personalausschusses – Verkehrsstaatssekretär Michael Odenwald, EVG-Chef Alexander Kirchner und Gesamtbetriebsratschef Jens Schwarz – vergangene Woche einen Kompromiss ausgehandelt, der eine Vertragsverlängerung um drei Jahre vorsah. Grube verzichtete im Gegenzug auf Gehaltserhöhung und Abfindung.

          Felcht weist Verantwortung zurück

          In der Aufsichtsratssitzung selbst wurden Grube dann aber nach heftigen Diskussionen nur noch zwei Jahre Verlängerung angeboten. Er trat daraufhin zurück und warf dem Aufsichtsratschef vor, sich nicht an Absprachen gehalten zu haben. Felcht wird unterstellt, den Kompromiss nicht im Vorfeld mit der Arbeitgeberseite ausgelotet zu haben. Außerdem sei es ihm nicht gelungen, in der Sitzung eine Eskalation zu vermeiden – etwa durch eine Sitzungsunterbrechung. Felcht weist die Verantwortung zurück. „Wer unsere Pressemeldung richtig gelesen hat, kann eindeutig nachlesen, dass die Entscheidung dort einstimmig gefallen ist“, sagte er am Mittwoch.

          Felcht ist seit 2010 Vorsitzender des Aufsichtsrates der Bahn. Auf den Posten berief ihn die schwarz-gelbe Bundesregierung. Der promovierte Chemiker galt als Vertrauter des ehemaligen Bundesverkehrsministers Peter Ramsauer (CSU). Als Dobrindt das Verkehrsressort übernahm, schien die Fortsetzung seines Vertrages zunächst als gefährdet, zumal Felcht damals schon 68 Jahre alt war. Doch letztlich blieb es bei der Personalie. Felchts Vertrag wurde im Frühjahr 2015 mit einer Laufzeit bis 2021 verlängert.

          Alter Bekannter im Gespräch

          Träte Felcht doch noch ab, wäre auch im Aufsichtsrat der Weg frei für einen Neubeginn. Als Nachfolger ist dem Vernehmen nach unter anderem Michael Frenzel im Gespräch. Der frühere Tui-Chef sitzt seit gut zwei Jahren im Aufsichtsrat, der damalige Bundeswirtschaftsministers Sigmar Gabriel (SPD) hatte ihn vorgeschlagen. Gabriel hätte ihn damals schon gern als obersten Bahnaufseher eingesetzt – nach dem Einstieg des früheren Kanzleramtsministers Ronald Pofalla (CDU) bei der Bahn betrachtete die SPD dies als Ausgleich. Der Aufstieg zum Vorsitzenden blieb dem Manager aber verwehrt. Frenzel, der bald 70 Jahre alt wird, war von 2001 bis 2005 – zu Zeiten von Hartmut Mehdorn – schon einmal Chefaufseher der Bahn.

          Derweil hat die Suche nach einem Nachfolger für Grube begonnen. Als eher unwahrscheinlich galt eine Reaktivierung des ehemaligen Vize-Bahnchefs Volker Kefer, der die Bahn Ende 2016 verlassen hat. Die SPD hegt große Vorbehalte gegen eine Berufung von Infrastrukturvorstand Ronald Pofalla; selbst in der Union gibt es kritische Stimmen gegen ihn. Als Kandidaten mit Chancen gelten der Schweizer Bahnchef Andreas Meyer sowie Sigrid Nikutta, zurzeit Chefin des Berliner Verkehrsunternehmens BVG. Nikutta war wie Meyer früher bei der Deutschen Bahn. Bevor sie 2010 nach Berlin wechselte, arbeitete sie als Produktionsvorstand der Bahntochtergesellschaft DB Schenker Rail Polska in Polen.

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