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Deutsche Bahn auf Chef-Suche : Alles hört auf kein Kommando!

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Staat marschiert voran: Bundesverkehrsminister Dobrindt (rechts) lässt Rüdiger Grube hinter sich herlaufen. Bild: Reuters

Die Deutsche Bahn schlingert durch ihre Krise. Die Regierung sucht dringend nach einem neuen Chef. Noch besser wäre es, sie hätte ein Konzept für den angeschlagenen Konzern.

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          Claus Weselsky ist kein Mensch, der gerne zugibt, von irgendetwas überrascht worden zu sein. Dafür ist dem 57-jährigen Chef der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) sein Ruf als abgebrühter Verhandler zu wichtig. Aber am vergangenen Montagmorgen war auch er verdattert. Der Gewerkschafter führt seit Januar Schlichtungsgespräche mit der Deutschen Bahn; mit zwei Gewerkschaftskollegen, drei Vertretern des Konzerns sowie den Schlichtern Bodo Ramelow (Linke) und Matthias Platzeck (SPD) diskutierte Weselsky am Montag darüber, wie die 35.000 Lokführer und Zugbegleiter künftig mit ihren freien Tagen umgehen sollen.

          Plötzlich begannen die Handys zu brummen. Eilmeldung: Bahn-Chef Rüdiger Grube, 65, sei soeben zurückgetreten. Der Aufsichtsrat wollte seinen Vertrag nicht, wie von Grube gefordert, bis 2020, sondern nur bis 2019 verlängern. „Wir waren alle verdutzt“, sagt Weselsky. Rasch sei das Ganze dann aber „bahnamtlich bestätigt“ worden.

          Bahnamtlich. So reden nicht die Manager im DB-Glaspalast am Potsdamer Platz in Berlin; die erzählen, wenn, dann von „digitalen Multiservice-Mobilitätsplattformen“ und vom Verkehrsmittel Zug als digitalisiertem „Third Place“ der Generation „Always on“. „Bahnamtlich“ sagen Leute, die lange genug im Geschäft sind, um sich zu erinnern, dass der Konzern mal Bundesbahn hieß, geführt von einem „Ersten Präsidenten“, Besoldungsgruppe B 11. Lange her.

          Am 1. Januar 1994 wurde aus der Bundesbahn die Deutsche Bahn. Das war und ist zwar eine Aktiengesellschaft, aber im hundertprozentigen Staatsbesitz, mit allen Konsequenzen: Die Frage, wer Grube nachfolgt, entscheidet kein privatwirtschaftlich denkender Eigentümer, sondern die Regierung. Die denkt auch viel, aber selten wie ein Unternehmer.

          Für Pofalla kam Grubes Abgang zu früh

          Bis vor kurzem galt der frühere Kanzleramtsminister und CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla als Grubes Kronprinz. Der 57-jährige Jurist vom Niederrhein hat sich 2014 aus der Politik verabschiedet und sich 2015 für eine zweite Karriere bei der Bahn entschieden. Vor eineinhalb Jahren rückte er in den Vorstand auf, seit Januar leitet er das wichtige Infrastrukturressort. Wäre Grubes Vertrag verlängert worden und würde Angela Merkel die Wahl im Herbst gewinnen, dann hätte Pofalla in Ruhe zeigen können, dass er nicht nur politische Strippen ziehen, sondern ob er auch managen kann. In dem Fall, so der Plan, wäre er aufgerückt. Doch jetzt hat Grube hingeworfen, aus Pofallas Sicht viel zu früh.

          Aus dem Umfeld der Konzernspitze und dem Aufsichtsrat heißt es, der CDU-Mann sei noch nicht abgeschrieben. Aber es wird schwer für ihn, in der großen Koalition die nötige Rückendeckung zu erhalten. Die SPD strotzt seit dem fulminanten Start ihres Kanzlerkandidaten Martin Schulz vor Selbstbewusstsein.

          Kirsten Lühmann, SPD-Verkehrspolitikerin und Aufsichtsratsmitglied der Bahn, hat sich bereits öffentlich gegen Pofalla ausgesprochen – sicher mit Segen der Parteiführung. Der Aufsichtsrat habe Pofalla erst im Januar zum Netz-Vorstand gemacht und den Technik-Bereich bewusst ausgegliedert, sagt Lührmann. Pofalla habe noch zu wenig Erfahrung mit der Bahn-Technik, habe es geheißen. „Dann kann ich aber nicht acht Wochen später sagen, er ist geeignet, Vorstandsvorsitzender zu werden.“

          Grubes Abgang kommt zur Unzeit für Merkel

          Pofallas zweite Hürde ist das Kanzleramt selbst. Merkel kennt und schätzt ihren Parteifreund seit Jahrzehnten, aber auch für sie kommt Grubes Abgang zur Unzeit. Im Wahlkampf ist nur noch eine Frage relevant: Dient eine Personalentscheidung dem Machterhalt oder nicht? Selbst wenn Merkel mit der SPD noch einen Deal aushandeln könnte, wäre ein Bahn-Chef Pofalla für die Opposition ein gefundenes Fressen: Schaut, wie die Kanzlerin sich den Staat zur Beute macht! Statt einen echten Manager für den 300.000-Mitarbeiter-Konzern zu holen, missbraucht sie die Bahn als CDU-Versorgungswerk! So in etwa.

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