https://www.faz.net/-gqe-8hlyn

Nachts Reisen : Das Ende der Reise im Pyjama

Vor der Abschaffung: im Nachtzug der Deutschen Bahn Bild: LAIF

Eine Bahnfahrt im Nachtzug ist etwas Besonderes. Doch die Deutsche Bahn schafft zum Dezember alle Nachtzüge ab. Neue Anbieter könnten das Geschäft weiterführen.

          Einst wollte ein Bahnchef namens Hartmut Mehdorn die Speisewagen abschaffen. Doch das Volk empörte sich und brachte die Bahnspitze zur Umkehr. Plötzlich entwarfen prominente Fernsehköche den Speisezettel der Bahn, fast vergessen war der von der DDR geerbte Mitropa-Mief. Für das Wohlfühlen an Bord ist der Speisewagen essentiell: Nur Unpünktlichkeit regt Bahnkunden mehr auf als das Fehlen von heißem Kaffee oder kaltem Bier. Rund 15 Jahre nach dem erfolglosen Angriff auf das „Essen auf Rädern“ soll nun eine andere Bahntradition sterben: Mehdorns Nachfolger Rüdiger Grube will die Nachtzüge abschaffen. Im Dezember soll Schluss sein mit dem Schlafwagengeschäft. Politikvorstand Ronald Pofalla überbrachte dem Publikum die schlechte Nachricht im letzten Winter, passenderweise auf dem Klimagipfel in Paris.

          Kerstin Schwenn

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Wer heute „Nachtzug“ in eine Internet-Suchmaschine eingibt, findet zwar zuallererst die Angebote von City Night Line, dem Nachtzug der Deutschen Bahn – verbunden mit dem zeitlosen Versprechen: „Reisen Sie mit dem City Night Line entspannt über Nacht und starten Sie Ihre Entdeckungstour direkt am Morgen, zum Beispiel in Amsterdam, Berlin, Prag, Rom oder Zürich.“ Doch der Schein der Normalität trügt: Auf den zehn Linien sind nur noch Restplätze verfügbar. Die Liege- und Schlafwagen gehen in die letzte Saison.

          „Alternatives Konzept“ in Planung

          Nie mehr im Pyjama reisen? Der Aufschrei der Bahngemeinde ist unüberhörbar. Die Befürworter übertönen jene, die Liegewagen für unbequem halten, enge Nachtabteile nicht mit wildfremden Menschen teilen wollen und deshalb Billigflieger in aller Herrgottsfrühe vorziehen. Im Internet werden Unterschriften gegen Grubes Pläne gesammelt. Die Initiatoren wollen Romantik und Reisekultur bewahren – und das Klima schützen. Wer nachts nicht mehr Bahn fahren könne, steige auf das klimaschädliche Flugzeug um, warnen sie.

          An diesem Dienstag wollen sie ihre Petition dem Vorsitzenden des Bundestags-Verkehrsausschusses, dem Bahngewerkschafter Martin Burkert (SPD), übergeben. Bis zum Wochenende waren um die 27.000 Stimmen gegen die Abschaffung der Nacht- und Autozüge zusammengekommen. Doch Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) und die Abgeordneten werden nicht viel ausrichten können. Diesmal wird die Revolte wohl – anders als bei den Speisewagen – nicht zur Revision führen.

          Das Argument der Bahnführung gegen die Nachtzüge ist kurz und schmerzhaft: Total unwirtschaftlich. Nachdem sich McKinsey-Berater über das Thema gebeugt hatten, rückte die Bahn sogar von der ursprünglichen Idee ab, wenigstens einige Nachtzüge weiter fahren zu lassen. Fernverkehrs-Chefin Birgit Bohle schreibt: „Die Prognose der Wirtschaftlichkeit der Nachtzugverkehre ist für die kommenden Jahre trotz der Sanierungsmaßnahmen stark negativ.“ Und ferner: „Eine Investition in das Produkt ist wirtschaftlich nicht tragfähig.“ Die angespannte Situation des Fernverkehrs dürfe nicht weiter belastet werden. Das Nachtzugdefizit erreichte zuletzt bei 90 Millionen Euro Umsatz den Rekordumfang von 30 Millionen Euro. Weil die Linien nach Paris und Kopenhagen besonders negativ herausragten, fielen sie dem Sparkurs früh zum Opfer. So verkehrte der letzte Nachtzug nach Paris Ende 2014. Schon länger ruht die Verbindung Berlin–Brüssel.

          Die „City Night Liner“ gehören ab Dezember der Geschichte an.

          Weil es an Rentabilität fehlte, nahm die Bahn zuletzt nicht mehr viel Geld in die Hand, um Liege- und Schlafwagen zu modernisieren. Zudem macht sie es Kunden nicht leicht, Nachtfahrten längere Zeit im Voraus im Internet zu buchen. Kritiker monieren, das Nachtangebot auf diese Weise immer unattraktiver zu gestalten sei die falsche Strategie. Dass die Nachfrage der Nachtfahrer vorhanden ist, verkennt auch die Deutsche Bahn nicht. Belegt wird dies auch durch den wachsenden Zuspruch zu nächtlichen Fernbusreisen. Die Bahn plant nun zum Fahrplanwechsel im kommenden Dezember ein „alternatives Konzept“: Nach dem Ende aller City-Night-Line-Züge sollen IC-Busse und „Nacht-ICE“ eingesetzt werden. Mit den nächtlichen Reisen, verklärt in vielen Romanen und Filmen, werden die Fahrten im aufrechten Sitz allerdings nicht mehr viel gemein haben. Wer einen Nachtzug bucht, hat eigene Erinnerungen oder Filmbilder im Kopf: „Zwei Fremde im Zug“ von Patricia Highsmith zum Beispiel, Billy Wilders „Manche mögen’s heiß“, Alfred Hitchcocks „Der unsichtbare Dritte“, Agatha Christies „Mord im Orientexpress“ oder Pascal Merciers „Nachtzug nach Lissabon“.

          Weitere Themen

          Wo Wien jetzt eine Küste hat

          Seestadt Aspern : Wo Wien jetzt eine Küste hat

          In der Seestadt Aspern entstehen 10.000 Wohnungen – unter anderem im höchsten Holzhochhaus der Welt. Die Mieten sind niedrig, die Verkehrsanbindung ist gut. Echte Wiener würden trotzdem nie so weit nach draußen ziehen. Und nun?

          Topmeldungen

          Lencke Steiner, Spitzenkandidatin der Bremer FDP für die Bremer Bürgschaftswahl, könnte einem Jamaika-Bündnis im Wege stehen.

          FDP in Bremen : Im Reich des Tschakka

          Die aus dem Fernsehen bekannte Spitzenkandidatin der Bremer FDP, Lencke Steiner, gilt als Marketingtalent, aber auch als Hindernis für eine Jamaika-Koalition – beides steht in einem Zusammenhang.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.