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Nachts Reisen : Das Ende der Reise im Pyjama

Österreichische Bundesbahnen übernehmen teilweise

Ist die Einstellung der Nachtzüge wirklich so „alternativlos“, wie die Bahn behauptet? Thomas Sauter-Servaes, Verkehrswissenschaftler der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, hat sich bereits in seiner Doktorarbeit mit den Zukunftschancen der Nachtzüge befasst. Die ökonomischen Gründe der Bahn, für die er einst als Projektleiter im Fernverkehr tätig war, will er nicht wegwischen: Nachtzüge seien personalintensiv, man könne sie tagsüber nicht nutzen. Beides macht sich nicht gut in der Bahnbilanz. In einer Machbarkeitsstudie für die Bahn prüfte der Verkehrsexperte 2013 ein Konzept, nach dem neue Hochgeschwindigkeitszüge, die sich in Nachtzüge verwandeln könnten, auf sehr langen Entfernungen unterwegs sein könnten. Mit Tempo 300 ließen sich Städte wie Madrid und London über Nacht verbinden, mit Zwischenhalt in Paris und Barcelona. Doch die Studie blieb ohne Folgen.

Mit der Einstellung der DB-Nachtzüge droht eine Tradition zu enden, die vor rund 150 Jahren begann, als George Pullman die Erfindung des Schlafwagens von Amerika nach Europa brachte. Aber vielleicht endet die Geschichte hierzulande doch nicht ganz: Andere Betreiber könnten in die Nische rücken. So haben beispielsweise die Russischen Eisenbahnen (RZD) ihre Verbindungen von Moskau über Berlin nach Paris auf drei in der Woche erhöht. Deutsche Nachtzugfreunde hoffen außerdem auf die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB), die schon jetzt zweitgrößter Nachtzugbetreiber in Deutschland ist. In den ÖBB wuchs das heimische Nachtzugsegment 2015 um vier Prozent, hat inzwischen einen Anteil von 17 Prozent am Fernverkehrsumsatz. Die Expansion im Nachbarland gehörte zu den Ideen des bisherigen ÖBB-Vorstandschefs Christian Kern, der gerade zum österreichischen Bundeskanzler gekürt worden ist.

„Die Zeichen der Zeit nicht erkannt“

Derzeit fahren schon nachts Züge von Wien nach Düsseldorf und Hamburg. Der ÖBB-Aufsichtsrat machte Ende April grundsätzlich den Weg frei für den Ausbau der Nachtverbindungen von Hamburg, Berlin, Düsseldorf und München nach Österreich, Italien und in die Schweiz. Aus Wien ist zu hören, zumindest einen Teil des Nachtzugerbes der Deutschen Bahn wollten die Österreicher übernehmen. Dabei könnte es eine Zugverbindung von Hamburg nach Zürich geben, die nicht über Österreich verläuft. Angeblich geht es um Investitionen von einer Viertelmilliarde Euro.

Einen Ausweg aus dem Schlafwagen-Dilemma verspricht außerdem eine ungewöhnliche Allianz von heimischen Verkehrsfachleuten: Michael Cramer, EU-Parlamentarier der Grünen, will am Dienstag in Berlin zusammen mit Lokführergewerkschaftschef Claus Weselsky ein neues Nachtzugkonzept unter dem programmatischen Namen „LunaLiner“ vorstellen.

Von der Vision sind nicht nur Fahrgastverbände begeistert. Der Grünen-Bahnpolitiker Matthias Gastel sagt, die zentrale Lage Deutschlands sei geradezu ideal für Nachtzüge. „Da die Deutsche Bahn die Zeichen der Zeit nicht erkannt hat, wird dieses mitteleuropäische Nachtzugnetz wohl künftig von Österreich aus betrieben werden.“ Die Proteste gegen Nachtflugverkehr und Flughafenausbauten könnten die Renaissance der Nachtzüge noch befeuern. Dabei bliebe die Deutsche Bahn sogar im Geschäft – denn an die Netz AG müssten die neuen Betreiber ordentlich Trassengebühren zahlen.

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