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„Desertec“ : Das Wüstensolarprojekt kommt voran

Auch in der Wüste von Las Vegas stehen solarthermische Kraftwerke Bild: picture-alliance/ dpa

Strom aus Nordafrika: Seit vielen Jahren träumen Wissenschaftler vom Solarstrom aus der Wüste. Mitte Juni hat die Münchener Rückversicherung einen neuen Vorstoß gewagt. Nun sollen erste konkrete Schritte beschlossen werden.

          Das gigantische Solar-Wüstenprojekt Desertec in der Sahara nimmt eine vorläufige Form an. Auf dem Treffen von Unternehmen und auch Vertretern aus der Politik - zunächst aus Deutschland - sollen am kommenden Montag in München erste konkrete Schritte beschlossen werden. Gedacht ist an die Gründung einer Zweckgesellschaft etwa in Form einer GmbH, die sich mit den Vorbereitungen beschäftigen soll. Es geht zunächst um Grundsatzfragen dieses auf 400 Milliarden Euro geschätzten Projektes. Wer beteiligt sich? Wie kann sich ein derart großes Vorhaben rechnen und auch später umgesetzt werden?

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          „Es wird bestimmt zwei Jahre dauern, bis die Vorbereitungen abgeschlossen sind“, sagt René Umlauft, Vorstandsvorsitzender von Siemens Renewable, im Siemens-Konzern zuständig für das Geschäft mit erneuerbaren Energien wie Windkraft- und Solaranlagen. „Danach fängt die Detailplanung an.“ Dazu würde dann etwa die Festlegung der Trassen für die Stromleitungen oder die Schritte für den Auf- und Ausbau der Solaranlagen in der Wüste Nordafrikas gehören.

          Riesige Solarkraftwerke in der Sahara

          „Eine Möglichkeit wäre die Gründung einer GmbH als Zweckgesellschaft“, sagt Umlauft mit Blick auf die Sitzung am Montag, an der er teilnimmt. „Es sollte kein lockerer Zusammenschluss sein, sonst besteht die Gefahr, dass das Ganze im Sande verläuft.“ Für ihn wird es mindestens zehn Jahre dauern, bis der erste Strom aus Nordafrika in die europäischen Steckdosen fließt.

          Mitte Juni machte die Münchener Rückversicherung den Vorstoß zu einem Treffen am 13. Juli, um ein seit vielen Jahren von Wissenschaftlern angedachtes Projekt mit dem Namen Desertec anzuschieben, das aus der Visionenschmiede des Club of Rome stammt. Es sieht den Bau riesiger Solarkraftwerke in der Sahara vor, deren umweltfreundlicher und kohlendioxidfrei erzeugter Strom über Tausende von Kilometer nach Europa und damit auch nach Deutschland geliefert werden soll. Es geht um den Bau von solarthermischen Anlagen, die Dampf erzeugen, der Turbinen für die Stromerzeugung antreibt; anders als die gegenwärtig gängige Photovoltaik, mit der Sonnenstrahlen über Wechselrichter direkt in Strom umgewandelt werden.

          „Technisch ist alles machbar“

          Die Rede war von rund 20 Unternehmen, die sich an dieser Initiative unter der Führung der Münchener Rück mit deren Expertise in Katastrophen- und Klimaforschung beteiligen würden. Neben dem Rückversicherer und der Deutschen Bank wurden die Stromkonzerne RWE und Eon genannt, die Solarunternehmen Schott, Q-Cells und Solar Millenium, der deutsche Ableger des Schweizer Industriekonzerns ABB und eben Siemens. Umlauft rechnet damit, dass sich 12 oder 13 Unternehmen an der Zweckgesellschaft beteiligen könnten.

          „Wir wissen längst, dass es funktioniert“, sagt er. „Technisch ist alles machbar.“ Schließlich seien seit den Studien des Club of Rome viele Jahre vergangen. Heute gibt es schätzungsweise schon 50 Anlagen, die mit der Technik der Solarthermie arbeiten, sich im Bau befinden oder projektiert sind. Siemens hat daran einen Marktanteil von 80 Prozent. Auch die Übertragung von Strom über weite Strecken ist für Umlauft mittlerweile kein Thema mehr.

          In China errichtet Siemens eine Hochspannungsgleichstromübertragung (HGÜ) über 1400 Kilometer, die 5000 Megawatt - entsprechend einer Leistung von fünf Kernkraftwerken - übertragen kann. In der Bucht von San Francisco gibt es solche Stromautobahnen genauso wie zwischen der Nord- und der Südinsel Neuseelands. Die Übertragung funktioniert, ohne dass es große Energieverluste gibt, was bislang ein großes Problem gewesen ist. Neben Siemens ist ABB der zweite Anbieter dieser Technologie weltweit.

          Der Preis, der am Ende vom Verbraucher zu zahlen ist

          Trotz der ausgereiften Technik sieht der Siemens-Manager jedoch weiteren Handlungsbedarf, die Kosten zu senken. In einem Projekt dieser Dimension gebe es noch Spielraum. Denn neben den Investitionen und deren Finanzierung müsse es darum gehen, die Kosten je Kilowattstunde (KWh) zu senken - der Preis, der am Ende vom Verbraucher zu zahlen ist. Der ist mit veranschlagten 20 Eurocent im Vergleich zu den Gestehungskosten konventioneller Kraftwerke mit 4 bis 5 Cent deutlich teurer. Umlauft setzt auf Mengeneffekte, die sich mit dem Ausbau des Desertec-Projektes ergeben würden.

          Er vergleicht es mit der Entwicklung in der Windkraft: „Ein Megawatt hat einmal 3 Millionen Euro gekostet, heute sind es 1 Million Euro.“ Für ihn sind so viele Fragen offen, die auch nicht gleich mit der Sitzung am Montag beantwortet werden. Aber wichtig sei, dass ein klares Bekenntnis abgegeben wird und möglichst viele ihren Beitrag leisten. Deswegen muss in seinen Augen auch die Kooperation auf europäischer Ebene gesucht werden, genauso wie Unternehmen nicht ausgesperrt werden dürften, wenn sie sich beteiligen wollten. Immerhin treffen mit Siemens und ABB oder mit RWE und Eon Konkurrenten in der zu gründenden Zweckgesellschaft aufeinander. Umlauft: „Es geht um die Realisierung einer Vision, bei der alle mitmachen müssen.“

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