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Der Waldorf-Konzern : Tinkturen und jede Menge Gemüse

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Die Anthroposophen tanzen gern und glauben an den guten Geist. Und sie können auch Wirtschaft. Banken, Bauern und Fabrikanten zählen zum Netz anthroposophischer Unternehmen.

          Die GLS-Bank in Bochum ist keine gewöhnliche Bank. Wer hier als Angestellter anfängt, fährt erst einmal ins schweizerische Dornach an das "Goetheanum", das Zentrum der Anthroposophen. Anfang des vorigen Jahrhunderts hat Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie, dort eine Hochschule ins Leben gerufen, die bis heute seine Theorien zu Medizin, Kunst, Waldorf-Pädagogik und biologisch-dynamischem Landbau vermittelt.

          Bettina Weiguny

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nur, was verschlägt die Banker in die Hochburg der Eurythmiker und Waldörfler? Sie sollen die Wurzeln der Banken kennenlernen, sagt der GLS-Sprecher. Schließlich geht die Genossenschaftsbank zurück auf Anthroposophen, die damit eine Waldorf-Schule finanzieren wollten.

          Das Erbe des österreichischen Esoterikers und Philosophen Rudolf Steiner (1861 bis 1925) lebst längst nicht nur in den Waldorf-Schulen weiter. Eine ganze Reihe von Firmen fußen auf seinem Fundament, auch solche, wo dieser Einfluss nicht vermutet würde, etwa der Software AG, oder schwäbischen Maschinenbauern wie Mahle und Voith.

          Mehr als 10 000 Unternehmer weltweit bekennen sich zur Anthroposophie, zumeist unbekannte Mittelständler, sagt Paul Mackay, der Vorsitzende der Anthroposophischen Gesellschaft in Dornach. 46 000 Anhänger zählt die Dachorganisation insgesamt, fast die Hälfte davon lebt im deutschsprachigen Raum. Neuzugänge weist die Bewegung seit Jahren nicht mehr auf.

          Dabei liegen die anthroposophischen Unternehmer im Trend. Ihnen hilft die Sehnsucht nach ethischem Wirtschaften, nach sozialökologischen Werten - bei Lebensmitteln, Kosmetik, Textilien, ja sogar im Finanzsektor. So gewinnt die GLS-Bank, lang belächelt als "Sandalen"- Bank, jeden Monat 1000 neue Kunden hinzu. Vom Bio-Boom nähren sich Alnatura, Demeter und Tegut. Und seit Hollywood-Stars wie Julia Roberts auf Naturkosmetik schwören, steigt der Umsatz bei Weleda und Wala (Dr. Hauschka) sprunghaft. Die Waldorf-Pädagogen wiederum profitieren von dem allgemein zu beobachteten Ansturm auf Privatschulen. Mehr als 1000 Waldorf-Schulen gibt es weltweit, 217 davon in Deutschland, dazu 1500 Kindergärten und Krippen.

          Viele Politiker schicken ihre Kinder auf die Waldorf-Schule

          Die erste Reformschule hat Rudolf Steiner 1919 gegründet. Ein Stuttgarter Geschäftsmann hatte ihn gebeten, eine Schule für die Arbeiterkinder der Zigarettenfabrik Waldorf-Astoria zu bauen - so kam die Institution zu ihrem Namen. Heute hat das Bildungsbürgertum die esoterisch angehauchte Arbeiterkinderschule für sich entdeckt, angetan von zweisprachigem Unterricht, kleinen Gruppen und der kreativen Note. Schauspieler, Schriftsteller und Künstler gingen daraus hervor (Michael Ende, Julia Franck, Rainer Werner Fassbinder). Auch zahlreiche Politiker schicken ihre Kinder auf die Waldorf-Schule, von Strauß-Tochter Hohlmeier bis hin zu den Schilys und Silvio Berlusconi. Ganze Unternehmerclans wurden dort geprägt; etwa die Familien Siemens, Porsche, Voith.

          Offensiv tritt vor allem Götz Werner, der Gründer der Drogeriemarkt-Kette dm, auf. Er redet gerne darüber, warum er seine Lehrlinge "Lernlinge" nennt, ihnen Theaterkurse spendiert und ein höheres Gehalt zahlt als in der Branche üblich. Schon mit bloßem Auge ist der Einfluss der Anthroposophie in der dm-Zentrale zu erkennen, ebenso am Sitz der Software AG, einem Gebäude mit schalenförmigem Dach und ohne rechte Winkel, den Formen der Natur nachempfunden. Sogar die Schreibtische sind hier sechseckig, damit die Mitarbeiter ja nicht das Erbe Steiners vergessen. Software-AG-Gründer Peter Schnell hat sein Vermögen Anfang der neunziger Jahre in eine Stiftung eingebracht, um das Geld "heilend" einzusetzen. Seine Firma sei nie "Spielwiese zur Anhäufung von Reichtum" gewesen, sagt der Anthroposoph.

          Viele Unternehmer sind zögerlicher in ihrem Bekenntnis zu den Lehren Steiners, aus Furcht, in ein schiefes Licht zu geraten. Teils werden die Anthroposophen belächelt als weltfremde Spinner, teils misstrauisch beäugt als Sekte. Nichts davon sei wahr, sagt Weleda-Chef Patrick Sirdey: "Natürlich gibt es ein paar Fundamentalisten, aber das sind Einzelfälle, die über die Anthroposophische Gesellschaft nichts aussagen." Gegen den Vorwurf der Geheimnistuerei wehrt sich auch Paul Mackay in Dornach: "Man muss es ja nicht jedem auf die Nase binden, dass er bei einer Möhre vom Demeter-Hof ein bisschen Anthroposophie mitisst." Weithin unbeachtet haben die Anthroposophen ein eigenes Netzwerk geschaffen, in der immer die gleichen Namen auftauchen. Man trifft sich regelmäßig, sitzt gegenseitig in den Kontrollgremien der geistig verbundenen Unternehmen. Und wenn ein Unternehmen aus ihrer Mitte in Schieflage gerät, hilft man sich auch mal mit Geld aus (ohne finanziell verflochten zu sein). So hat die Software AG-Stiftung die Privatuniversität Witten-Herdecke kürzlich mit einer Millionenspritze vor der Pleite bewahrt. Beide gehören zum Einflussbereich der Anthroposophen.

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