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Der Vatikan : Gott, Geld und die Macht

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Als „Pakt mit dem Teufel“ gelten die Lateranverträge, 1929 abgeschlossen zwischen Heiligem Stuhl und Königreich Italien: Mit Milliarden wurde dem Vatikan der Verzicht auf den Kirchenstaat schmackhaft gemacht Bild: © Jean-Pierre Lescourret/Corbis

Der Vatikan ist ein Offshoreparadies für dunkle Finanzgeschäfte. Mitten unter den Pilgern im Kirchenstaat tummeln sich dubiose Geldwäscher und windige Prälaten. Ein Sittenbild.

          Für Don Pizarro ist der Vatikan ein Unterhaltungskonzern mit Sitz in Rom. Die Dialoge der Serie, die mit großem Erfolg in alle Welt verkauft wird, haben gewiefte Profis verfasst. Um dem immer anspruchsvolleren Publikum mehr zu bieten als ein paar lateinische Segenssprüche, so Don Pizarro, braucht es alle paar Jahre einen Toten oder besser noch einen spannenden Cliffhanger: „Dahinter steckt eine Menge Arbeit.“

          In Wirklichkeit gibt es Don Pizarro, diesen schmierigen Kurientheologen mit genervtem römischen Akzent, natürlich nicht. Er wird im italienischen Privatfernsehen verkörpert vom Komiker Corrado Guzzanti, dem die Rolle schon diverse Lästerungsklagen eingebracht hat. Wenn es aber wirklich ein Drehbuch einer katholischen Reality-Soap im Vatikan gäbe, dann hätten die Autoren mit dem Päderastie-Skandal, den vom Kammerdiener gestohlenen Dokumenten, den Intrigen zwischen Kardinälen, dem Schwarzgeld der Vatikanbank und als Höhepunkt dem sensationellen Rücktritt von Papst Benedikt XVI. wirklich in die Vollen gegriffen.

          Doch ist der Vatikan bei aller historischen Würde und bei allen spirituellen Aufgaben nicht in der Tat auch ein riesiger Medienkonzern, der gegen die Konkurrenz sein Produkt erfolgreich unter die Leute bringt? Der emeritierte Papst, ein kühler Analytiker, hat seinen Arbeitgeber genau so charakterisiert. Als er noch als Joseph Ratzinger der Glaubenskongregation vorsaß, verglich der Kardinal fürs deutsche Fernsehpublikum das Funktionieren des Vatikans mit einem multinationalen Konzern, in dessen Zentrale nun einmal die Informationen, die Geldflüsse zusammenlaufen - und am Ende die Entscheidungen fallen. Hartes Business eben.

          Nun wird kein anderer Global Player von einem greisen Chef geleitet, der niemals an einer Business School studiert hat und sich, abgeschirmt von zwei Zuarbeitern, die meiste Zeit mit komplizierten Ritualen und Gebeten beschäftigt. Kann das gut gehen? Nicht nur bei den Vatikanologen Italiens keimt daher der Verdacht, dass gerade das Missmanagement der zentralisierten Weltkirche ein Auslöser von Ratzingers resignativem Rücktritt gewesen ist. Eine „Phase der Reinigung“ müsse das ethisch saubere Funktionieren des Ganzen gewährleisten. Und es könnte allzu viele „Papabili“ geben, die in der Grauzone des Geschäftes Dreck am Hirtenstecken abbekommen haben. „Transparenz“, so der „Corriere della Sera“ vergangenen Freitag, „hat ihren Preis. Doch der Preis des Vertuschens könnte noch beträchtlich höher sein.“

          Wovon ist die Rede? Beobachtern des Kirchenstaates war es aufgefallen, dass seit Jahresbeginn und bis heute Kreditkarten und Geldautomaten im kleinsten Staat der Welt nicht mehr funktionieren. Die Wirtschaftsunion mit dem Staat Italien, die Währungsunion mit dem Euro, von denen der Vatikan pro Jahr sogar 670 000 in Form von Gedenkmünzen herstellen darf, sind de facto aufgehoben. Der Grund für diese harte Maßnahme sind endlose Ermittlungen der italienischen Finanzpolizei gegen das I.O.R., das „Istituto per le Opere di Religione“, das seit der Gründung 1942 de facto als Staatsbank des Vatikans fungiert. Eine Überweisung von 23 Millionen Euro wollten die Bankfunktionäre des I.O.R. schon 2010 keinem Besitzer zuweisen und beriefen sich wie seit jeher auf die Autonomie des Kirchenstaates. Das Verfahren wurde zwar 2011 nach der päpstlichen Einrichtung einer internen Finanzaufsicht sowie einem erstmaligen Gesetz gegen Geldwäsche eingestellt. Doch noch im Frühjahr 2012 galt der Vatikan für das amerikanische Außenministerium als Bankenplatz mit Anfälligkeit für Geldwäsche. Schließlich wurden auch in den Vorjahren Überweisungen von fast 200 Millionen Euro entgegen den internationalen Usancen nicht transparent gemacht. Diesmal jedoch sieht es so aus, als blieben im Machtkampf um mehr Transparenz die italienischen Behörden trotz Interventionen des geistlichen Bankpräsidenten, des italienischen Kurienkardinals Tarcisio Bertone, tatsächlich hart.

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