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Der Vatikan : Gott, Geld und die Macht

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Statt hier gründlich aufzuräumen, so legen die Dardozzi-Papiere nahe, hat man das System unter dem Schutz der vatikanischen Immunität nur verfeinert. Paul Kasimir Marcinkus durfte seine Tage ohne Strafverfolgung auf einem amerikanischen Luxusgolfplatz beschließen, indes das System Tausender Nummernkonten und verhohlener Überweisungen bestehen blieb. Sogar eine eigene Filiale auf den Cayman-Inseln, die „als Missionsgebiet“ direkt Rom unterstellt wurde, leistet sich das I.O.R. Dass kirchentreue Politiker wie der Christdemokrat Giulio Andreotti, aber auch der Schiedsrichterbestecher Luciano Moggi bei der Vatikanbank fette Geheimkonten besitzen, konnten Nuzzis Enthüllungen glaubhaft machen. „Vater, der du bist Off-Shore“, kommentierten italienische Zeitungen hämisch.

Der Versuchung einer von kiebigen Kirchenfürsten abgeschotteten Bank mitten in der Metropole Rom und einem immensen weltweiten, nie bezifferten Immobilienvermögen - allein die Missionskongregation „Propaganda Fide“ nennt Liegenschaften für neun Milliarden Euro ihr Eigen - können dubiose Unternehmer nicht widerstehen. Es genügt eine Bestallung als päpstlicher Kammerherr oder der Deckmantel einer frommen Stiftung, und schon gehört man zu den glücklichen Kontonutzern des I.O.R., obgleich dort eigentlich nur Geistliche und Angestellte des Vatikans Einlagen haben dürften.

„Don Bancomat“

Ein Schlaglicht auf den Immobilienbetrug warf erst jüngst die „Congregazione dei Missionari del Preziosissimo Sangue“. Leiter dieser „Vereinigung der Missionare des kostbarsten Blutes“ war der römische Geistliche Evaldo Biasini, in dessen Umfeld nicht nur ein Ring von Knabenprostitution um einen nigerianischen Chorleiter im Vatikan herauskam. Als fast noch gravierender erwiesen sich die familiären Kontakte Biasinis mit römischen Bauunternehmern, die mit Schwarzgeld Politiker - etwa einen Minister der Berlusconi-Regierung - schmierten und glänzende Geschäfte mit vatikanischen Liegenschaften machten. Biasini führte für seine bettelarme Missionsbruderschaft rund fünfzig Konten, ein Dutzend allein bei der I.O.R., über die in wenigen Jahren weit über fünfzig Millionen Euro durch den Vatikan flossen. Der 84-jährige Priester bekam Hausarrest - und von der italienischen Öffentlichkeit den hübschen Beinamen „Don Bancomat“.

Weil es im Vatikan keine zentrale Rechnungslegung gibt, lassen sich solche Missstände nur schwer erkennen. Überlappende Kompetenzen der Kongregationen und die ohnehin kaum überschaubaren Wirtschaftsverflechtungen mit der Weltkirche machen den Vatikan zum letzten Finanzparadies in Europa - mit höllischen Gewinnen. Allein die flüssige Kriegskasse mit mindestens sechs Milliarden Euro, auf die auch für Entschädigungen von Päderasten-Opfern nur ungern zurückgegriffen wird, verdankt sich der Angst der Päpste, wie nach der Eroberung des Kirchenstaates 1870 durch Italien nahezu ohne Geldmittel dazustehen. Der gierige Papst Leo XIII. verspekulierte in Roms Immobilienblase um 1880 noch die Restfinanzen. Erst 1929 mit den Lateranverträgen, die Historiker heute als „Der Pakt mit dem Teufel“ bezeichnen, floss durch den faschistischen Diktator Mussolini wieder reichlich Geld in die Kasse. Das legten die Päpste sogleich ohne moralische Rücksichten an, beispielsweise auch in Waffenproduktion für Mussolinis Kriege. Kennzeichen der seit dem Mittelalter gewachsenen und nie grundlegend reformierten „Vatikan-AG“ bleibt eine obsessive Verschleierung und Geheimhaltung, die bis in Details wie zu Londoner Luxusimmobilien reicht, die sich seit Mussolinis Geldgeschenken im päpstlichen Besitz befinden.

Ob und wie die Geschäfte des Vatikans ehrlicher und offener gemacht werden können, darüber wird derzeit von den Kardinälen mindestens so eifrig diskutiert wie über die Person des künftigen Papstes. „Die Wurzel aller Übel ist die Habsucht“ - an diese Maxime aus dem Timotheusbrief erinnert die kreuzbrave italienische Kirchenzeitung „Famiglia Cristiana“. Bevor noch weitere Enthüllungen das Image des Konzerns beschädigen, lautet die Forderung aus berufenem Munde: Auflösung des I.O.R. und eine schnelle Umstellung zum „ethic banking“.

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