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Der Rezession zum Trotz : Jede Menge Dirndl

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Die Münchner machen auch mit dem Verleih von Oktoberfestkleidung ein Geschäft Bild: AFP

In München steht ein Hofbräuhaus. Trachten trägt man heute aber nicht nur in Bayern. Offenbar sprengt der herbstliche Trachtenkarneval die bayerisch-alpenländischen Grenzen, weil sich mit Oktoberfesten und den dazugehörigen Accessoires Geld verdienen lässt. Der Markt für Trachtenmoden wächst.

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          In Simmerath bei Aachen geschah es jüngst, dass der Schützenverein sein jährliches Patronatsfest feierte - mit Brezen, Weißbier, weiß-blauer Rautendekoration und Schützengattinnen, die in Dirndln erschienen. Im münsterländischen Legden spendierte derweil ein Festveranstalter allen Damen, die im Dirndl zum örtlichen Oktoberfest kamen, ein Getränk. Und aus dem Ostwestfälischen ist zu hören, dass am kommenden Wochenende auf dem "195. Hövelmarkt" Lederhosen und Dirndl im Festzelt "ausdrücklich erwünscht" seien - die schönsten Trachten würden prämiert. Wen kann es da noch wundern, dass die Feuerwehr Hückeswagen im Bergischen Land ihr 100-jähriges Bestehen im Festzelt feierte, und zwar nicht mit roten Helmen, sondern in alpenländischer Tracht. Nicht anders gekleidet erscheinen die Menschen auf der kleinen Schwester des Münchner Oktoberfestes, der Cannstatter Wasen in Stuttgart.

          Da wächst ein Markt heran. In München ist es bereits seit Jahren so, dass mehr und mehr der rund 6 Millionen Wiesn-Gäste in Trachten zum Massenbesäufnis erscheinen. Wer das Verkleidungsgebot nicht beachtet, fällt mittlerweile so auf wie ein Zivilist auf dem Kölner Karneval. Den wachsenden deutschen Dirndl-Markt teilen viele Hersteller unter sich auf. Die bayerische Firma Countryline, ein sehr günstiger Anbieter, beliefert Händler und Supermärkte mit seiner Fabrikware. Solche Dirndl kosten oft weniger als 100 Euro. Der Umsatz steige von Jahr zu Jahr und auch in der Rezession, entgegen der allgemeinen Wirtschaftsentwicklung, sagt ein Unternehmenssprecher. In der ersten Wiesn-Woche bilden sich in München vor den Türen der Billig-Trachtenläden lange Schlangen.

          „Die Verkäufe steigen massiv, das ist wirklich erfreulich“

          Traditionelle Trachtenhersteller aus dem Oberbayerischen, wie der Fabrikant Hammerschmid, machen ihr Geschäft im mittleren Preissegment. "Die Verkäufe steigen massiv, das ist wirklich erfreulich", sagt Geschäftsführer Claus Hammerschmid. Das Familienunternehmen lässt in Osteuropa fertigen und verkauft Zehntausende Dirndl im Jahr, vermehrt auch im nichtbayerischen Ausland wie in Köln, wo derzeit auch ein Oktoberfest stattfindet.

          Da wächst ein Markt heran

          Auf der anderen Seite scheint auch der Hochpreismarkt für Dirndl, die mehr als 2000 Euro kosten, zu wachsen. In München betätigen sich mehrere Angehörige der lokalen Schickeria als Trachten-Desi-gnerin, etwa Sabine Lanz, frühere Käfer, Barbara Engel, frühere Herzsprung, oder Nika Schottenhamel, frühere Wiesnwirt-Gattin, die heute gern mit leuchtenden Seidenstoffen arbeitet.

          Lodenfrey, Hersteller von Luxusdirndln, will seine Umsatzzahlen nicht verraten, gibt aber an, der Verkauf sei in den vergangenen Jahren stets gestiegen, meist im zweistelligen Prozentbereich. Lodenfrey verkauft Dirndl zu Preisen von 179 bis 2800 Euro, die meisten davon im mittleren und höheren Preissegment. Gabriele Hammerschick, Leiterin des Einkaufs, sagt: "Der Trachtenverkauf geht auch in Stuttgart sehr gut, und man muss auch mal einen Blick nach Berlin werfen, da tut sich auch was." Die Kaufhauskette Galeria Kaufhof blickt sowieso schon nach Berlin. In der Filiale am Alexanderplatz gibt es seit vergangenem Jahr bayerisch anmutende Trachten, seit diesem Jahr sogar das ganze Jahr lang. Dirndl verkauft Kaufhof in bundesweit 19 Filialen, zum Beispiel auch in Chemnitz. "Das ist ein sogenannter Just-for-fun-Artikel", sagt eine Sprecherin.

          Offenbar sprengt der herbstliche Trachtenkarneval die bayerisch-alpenländischen Grenzen, weil sich mit Oktoberfesten und den dazugehörigen Accessoires Geld verdienen lässt, so wie mit Halloween- und Weihnachtskitsch, aber anders als mit Aprilscherzen und Fronleichnamsprozessionen, die daher als Bräuche in dieser Zeit an Bedeutung verlieren. Die Münchner machen auch mit dem Verleih von Oktoberfestkleidung ein Geschäft. Der Verleih "Kostümkontor" bietet für drei Tage Landhausdirndl (33 Euro), Miederdirndl (40 Euro) oder aber ein ärmelloses Miederblüschen mit "großem Ausschnitt" (6 Tage für 7,14 Euro) an. "Im Moment laufen ungefähr 150 Lederhosen von uns auf der Wiesn herum", sagt Mitbewerberin Daniela Jobst, die den Verleih "Trachtengabi" betreibt.

          Landfrauentracht, ironisch gewendet

          Die Landfrauentracht wurde ab dem frühen 19. Jahrhundert auch von Stadtdamen getragen. Auf dem Oktoberfest hingegen trugen noch um 1900 nur sehr wenige Wiesn-Gäste Tracht. Vor 99 Jahren dann, auf dem 100. Oktoberfest im Jahr 1910, eroberten die beiden westfälischen Unternehmerbrüder Wallach den Dirndlmarkt. Sie kleideten alle Teilnehmer des Festzuges mit Trachten ein. In den frühen 30er Jahren, nach dem Erfolg der Operette "Im weißen Rössl", kleideten sich immer mehr urbane Münchnerinnen mit dem Dirndl - auch als Ausdruck eines neuen Elitebewusstseins.

          Heute ist vermutlich alles wieder nur ironisch gemeint: pinkfarbene Teeny-Dirndl, bauchfreie Dirndl, Totenkopf-Dirndl. Oder das lustige "Dirndl-Shirt" der jungen Münchner Modedesignerin Verena Wagner. Das ist ein beidseitig bedrucktes T-Shirt, das wie ein zugeknöpftes Dirndl aussieht. Einige tausend davon hat Wagner verkauft. "Kleine Grüppchen von vier, fünf Leuten bestellen das gern, um damit mal einen Tag Spaß zu haben", sagt sie, "es haben aber andererseits noch nicht sehr viele Münchner bei mir bestellt." Ihre Kunden sind Berlinerinnen, Ostdeutsche, Japanerinnen, Amerikanerinnen. Auch bei homosexuellen Männern komme das Shirt gut an, sagt die Designerin. "Ich glaube, dass die Leute das als eine lustige Verkleidung sehen. Es ist ein Scherzartikel und mittlerweile tausendmal auffälliger als ein Dirndl."

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