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„Post persönlich“ : Der Postbote wird zum Seniorenbetreuer

Hat der Briefträger künftig wieder Zeit für ein Schwätzchen? Bild: ddp

In Bremen sollen Briefträger nach älteren Menschen schauen und ihnen ein Leben in den eigenen vier Wänden ermöglichen. In anderen Ländern ist solch ein Service schon gang und gäbe.

          Was im Ruhrgebiet vor einigen Jahren zu wenig Zuspruch fand, will die Deutsche Post nun in Bremen versuchen: Briefträger sollen dort bei älteren oder behinderten Menschen nach dem Rechten schauen, ihnen Bargeld vorbeibringen und sie über Hilfsdienste informieren. „Post persönlich“ nennt der Bonner Briefkonzern sein Angebot, das Mitte Mai anlaufen soll. Die Initiative kommt von der Stadtverwaltung. Der Post-Service ist Teil eines größeren Verbundprojekts namens „Herbsthelfer“, mit dem die Stadt Senioren zu Hause und im Altenheim unterstützen will. Dafür hat sich Bremen auch mit Wohlfahrtsverbänden, der Sparkasse und der AOK-Krankenversicherung zusammengetan.

          Helmut Bünder

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Die Post kooperiert bei ihrem geplanten Service mit den Johannitern. Wenn die Briefträger um Hilfe gebeten werden oder auf ihrer Runde vergeblich klingeln und den Eindruck haben, dass etwas nicht stimmt, können sie deren Hilfskräfte anrufen, die sich dann weiter kümmern oder Verwandte informieren. Auch regelmäßige SMS-Mitteilungen an Angehörige sollen angeboten werden. Für den kostenpflichtigen Bargeldservice arbeitet die Post mit der Sparkasse zusammen. Senioren können dort per Telefon Bargeld bestellen, das die Briefträger gegen eine Gebühr nach Hause bringen. Sie sollen auch gezielt über die Dienstleistungsangebote der Bremer Wohlfahrtsorganisationen informieren. Deren freiwillige oder angestellte Helfer kommen ins Haus, um Essen zu kochen, zu putzen oder auch, um sich nur mit den Senioren zu unterhalten. Die Preise sind so niedrig, dass sie auch für den kleinen Geldbeutel geeignet sind.

          Der Bedarf ist groß

          Ein Ziel ist es, dass die Leute länger in ihren eigenen vier Wänden leben können. Dafür versucht die Stadt, auch ihre Verwaltung seniorenfreundlicher zu machen. Über das Bürgertelefon können ältere Menschen ohne Internetanschluss per Post Formulare bestellen; auch sollen städtische Angestellte in die Altenheime kommen, um deren Bewohnern Behördengänge zu ersparen. Ein Mediendienst gehört ebenfalls zu dem Projekt: Altenheime sollen E-Books und Tablet-Computer erhalten. Für das Modellprojekt investiert die Stadt bis zum Jahresende nach Angaben einer Sprecherin 245.000 Euro. Bis Ende 2019 seien 460.000 Euro eingeplant. Ausgleichszahlungen der Stadt an die Post seien nicht vorgesehen. Wie viel der Konzern für seinen Service nehmen wird, wollte ein Sprecher noch nicht verraten. Einzelheiten würden auf einer Pressekonferenz am Freitag bekanntgegeben.

          Bei ihrem ersten Anlauf, einem groß angelegten Test in Essen, Mülheim und Umgebung mit mehr als 200.000 Haushalten, hatte die Post im Jahr 2004 knapp 40 Euro im Monat verlangt. Mangels Nachfrage war das Projekt nach wenigen Monaten eingestellt worden. Die Idee, die Post einzusetzen, um ein Auge auf hilfsbedürftige Menschen zu haben, ist naheliegend. Wenn der Briefträger ohnehin jeden Tag vorbeikommt, kann er auch darauf achten, ob alles in Ordnung ist. Ein kurzes Schwätzchen an der Haustür hilft gegen die Langeweile, und wenn der Postbote den Eindruck gewinnt, dass etwas nicht stimmt, ist schnell Alarm geschlagen. Der Bedarf ist groß, denn der Anteil der Senioren wächst. Kommen derzeit in Deutschland knapp 30 Rentner auf 100 Berufstätige, wird sich diese Zahl bis 2050 den aktuellen demographischen Hochrechnungen zufolge auf 60 mehr als verdoppeln.

          Hinzu kommt, dass immer mehr ältere Menschen allein leben und auch keine Angehörigen in der Nähe haben. In anderen Ländern ist es seit Jahren gang und gäbe, dass die Postboten auch auf das Wohlergehen von Senioren achten. Die amerikanische Post hatte dazu schon 1982 ein Programm „Carrier Alert“ eingeführt, in Teilen Frankreichs kann der Briefträger ebenfalls für solche Zusatzdienste engagiert werden. Für die Postgesellschaften steckt darin auch eine geschäftliche Chance. Überall werden weniger Briefe verschickt, neue Einnahmequellen könnten den Umsatzschwund bremsen helfen. Auch die Gewerkschaft Verdi unterstützt deshalb den neuen Anlauf der Post, weil der Zusatzservice Arbeitsplätze sichern könne.

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