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Der Napoleon der Werbebranche : „Deutschland ist der starke Mann“

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Chef des größten Werbekonzerns der Welt: Martin Sorrell Bild: REUTERS

Grey, JWT, Ogilvy, Young & Rubicam und zuletzt Scholz & Friends - niemand hat so viele namhafte Werbeagenturen aufgekauft wie Martin Sorrell, Vorstandsvorsitzender des WPP-Konzerns. Und es sollen noch mehr werden.

          Es kommt selten vor, dass Briten Deutschland loben, zu stolz sind sie auf ihr eigenes Land, zu viele alte Ressentiments gibt es den „Krauts“ gegenüber. Nicht so Martin Sorrell. Der Vorstandsvorsitzende des britischen Werbekonzerns WPP kann gar nicht genug lobende Worte finden. Das Gespräch hat kaum begonnen, da sprudelt es schon aus ihm heraus: Brillant sei Deutschland, ausgesprochen wachstumsstark, das Tor zu Osteuropa. Er sei diesbezüglich „bullish“ eingestellt, noch „bullisher“ als vor einem halben Jahr schon, sagt Sorrell im Gespräch mit dieser Zeitung während des diesjährigen Werbefestivals im südfranzösischen Cannes. „Deutschland ist der starke Mann Europas.“ Sorrell wäre nicht Sorrell, wenn er seine Begeisterung nicht sofort in Zahlen packen würde. Und so rechnet er vor: Umgerechnet 5 Milliarden Dollar Umsatz erwartet er in diesem Jahr aus Nordamerika, 2 Milliarden Dollar aus Großbritannien, und an dritter Stelle: Deutschland mit 1,4 Milliarden Dollar.

          Außerhalb der Werbebranche kennt kaum jemand den Namen WPP, doch hinter dem unscheinbaren Kürzel verbirgt sich der größte Werbekonzern der Welt mit einem Jahresumsatz von 9,3 Milliarden Pfund (10,9 Milliarden Euro, 14,4 Milliarden Dollar). Zu Sorrells Reichs gehören Werbeagenturen wie JWT, Ogilvy, Young & Rubicam und Grey, aber auch der Marktforscher TNS und die PR-Agentur Burson-Marsteller. Und Sorrell setzt alles daran, dass sein Imperium noch größer wird. Bis zu 300 Millionen Pfund will er in diesem Jahr für Akquisitionen ausgeben, kündigt er an, damit ist das Budget dreimal so groß wie im vergangenen Jahr. „Wir haben wieder mehr finanzielle Flexibilität“, begründet er diese Entscheidung und führt abermals Zahlen an: Nach dem Kauf von TNS im Jahr 2008 sei der Verschuldungsgrad relativ hoch gewesen, das Verhältnis von Verbindlichkeiten zum Betriebsergebnis (Ebitda) habe 2,8 betragen. Mittlerweile sei diese Kennzahl unter 2 gefallen, deshalb der größere Spielraum für Zukäufe.

          Scholz & Friends bleibt unabhängig

          Eine bedeutende Summe hat Sorrell schon im April ausgegeben, als er die deutsche Agenturgruppe Commarco mit ihrem Flaggschiff Scholz & Friends übernahm, die zuvor im Besitz einer Beteiligungsgesellschaft und mehrerer Führungskräfte war. Den in der Branche kolportierten Kaufpreis von 150 Millionen Euro dementiert Sorrell, ohne die tatsächliche Summe zu nennen. Aber warum überhaupt Scholz & Friends? Schließlich handelt es sich um eine klassische Werbeagentur, die zum Beispiel die aktuelle Opel-Kampagne gestaltet. Sorrell aber hatte es zuletzt mehr auf Dienstleister aus dem Digital-Bereich abgesehen. „Das ist unfair“, entgegnet er, „Scholz & Friends ist eine sehr moderne, sehr digitale Agentur.“

          „Wir haben wieder mehr finanzielle Flexibilität”

          Mehrfach betont Sorrell im Gespräch, Scholz & Friends bleibe auch als Teil des WPP-Konzerns unabhängig. Er macht das aus gutem Grund. In der Werbung hat ein Umdenken stattgefunden. Wenn ein Unternehmen in den neunziger Jahren einen Werbeetat zu vergeben hatte, dann standen Agenturen aus einem der internationalen Werbekonzerne ganz oben auf der Liste. Doch deren Glanz ist verblasst. „In letzter Zeit gibt es eine Verschiebung hin zu unabhängigen Agenturen“, konstatiert Sorrell und nennt die Beispiele Jung von Matt und Kolle Rebbe. Diese gelten gemeinhin als kreativer. Deshalb liegt Sorrell viel daran, dass die Marketingabteilungen Scholz & Friends nicht als kleinen Teil des großen WPP-Konzerns sehen.

          Seitenhieb zur Konkurrenz

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