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Linde-Konzern : Vorstände verflüchtigt

Und die Börse würde in Trance verfallen, wenn Wolfgang Reitzle wieder das Ruder übernähme. Bild: Reuters

Der Industriegase-Konzern Linde steckt in seiner tiefsten Krise. Dem Dax-Konzern sind sowohl der Vorstandsvorsitzende und der Finanzvorstand abhandengekommen – ein bemerkenswerter Vorgang.

          Unter der Führung des bisherigen Vorzeigemanagers Wolfgang Reitzle und mit dessen Zutun ist der Industriegase-Konzern Linde in seine schwerste Krise geraten. Dem Dax-Konzern sind der Vorstandsvorsitzende und der Finanzvorstand abhandengekommen, ein in der deutschen Wirtschaft wahrlich bemerkenswerter Vorgang. Doch damit enden die Überraschungen noch nicht: Während das seit langem angespannte Verhältnis Reitzles mit Wolfgang Büchele in einem nach außen ehrenvollen, versöhnlichen und damit gesichtswahrenden Abgang mündet, ist Finanzmann Georg Denoke vom Hof gejagt worden. Das ist auf den ersten Blick erstaunlich. Denn Denoke war lange Zeit loyaler Weggefährte des Aufsichtsratsvorsitzenden und früheren Vorstandschefs Reitzle. Wer hätte also mit einer solchen Entwicklung gerechnet?

          Wenn diese Personalien aber in einen Zusammenhang mit den ebenfalls völlig überraschend gescheiterten Fusionsgesprächen mit dem amerikanischen Linde-Wettbewerber Praxair gestellt werden, versteht man, was hier vor sich geht. Denn das Führungschaos folgt einem vergifteten Arbeitsklima nach dem Motto „jeder gegen jeden“. Mittendrin steht Wolfgang Reitzle. Seit Jahresanfang hat es in dem sonst so verschwiegenen, auch wegen der Produkte nicht unbedingt im Blick der Öffentlichkeit stehenden Konzern ein zunehmendes Grundrauschen gegeben.

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          Da zeichnete sich zunächst die Rückkehr Reitzles zu Linde ab; dieses Mal - nach zwei Jahren Abkühlung - als Chefkontrolleur. Danach bahnte sich an, was unausweichlich schien: das Zurechtstutzen des Vorstandschefs, der es wagte, eigene Wege zu gehen. Reitzle bekam Munition mit der schlechten Kursentwicklung der Aktie, die unter ihm meistens nur den Weg nach oben kannte. Operative Schwäche, nicht im Gasegeschäft, wohl aber im Anlagenbau als Folge des Ölpreisverfalls und eine Prognosekorrektur Ende 2015 haben eine Steilvorlage für die Kritik an Büchele gegeben. Die kolportierten Attacken gegen ihn setzten sich fort.

          Die im August durchgesickerten, dann gescheiterten Fusionsgespräche mit Praxair sorgten in diesem Kontext für ein Wunder: Der Aufsichtsrat bot dem 57 Jahre alten Wolfgang Büchele, der im Mai 2014 sein Amt antrat, die Verlängerung des Vorstandsvertrages über den April 2017 hinaus an. Doch die Realität hielt schnell wieder Einzug, jetzt wird Büchele doch im nächsten Frühjahr gehen. In einer Art Selbstkasteiung zeigte er sich „persönlich enttäuscht“, dass es nach dem Platzen des Geschäfts mit Praxair nicht gelungen ist, Linde an die Spitze zu führen. Offenbar hat man sich auf eine Sprachregelung geeinigt, im Gegenzug begleitet von warmen Reitzle-Worten „eines von Vertrauen und Loyalität geprägten Verhältnisses“. Nicht mehr und nicht weniger.

          Denn tatsächlich ist das Verhältnis zu Reitzle irreparabel zerstört. Zu sehr hat der frühere BASF-Vorstand versucht, eigene Akzente zu setzen und schnellstens vollmundige Mittelfristziele eines verletzten Reitzle zu kassieren. Das war Majestätsbeleidigung. Und Denoke? Frust hat sich nach zwölf Jahren angestaut. In dieser Zeit hat er an der Seite des Machers Reitzle dessen erfolgreiche Neuausrichtung von Linde vom Mischkonzern zum fokussierten, starken Gasehersteller begleitet - inklusive der friedvollen Integration des feindlich übernommenen britischen Konkurrenten BOC. Denoke machte sich deshalb Hoffnung auf den Chefposten - und wurde enttäuscht. Nun ist er der böse Bube, der sich in Sachen Praxair widerborstig gegeben haben soll, weil er im Nachgang um den Posten fürchtete. So etwas kommt selbst in höchsten Managementkreisen nicht an.

          Das Ergebnis: Der Finanzvorstand wird kommissarisch ersetzt durch den Treasury-Chef Sven Schneider. Und Büchele ist ein Vorstandschef als „lahme Ente“ ohne Führungsautorität. Linde ist also führungslos geworden. Das geschieht in einer Zeit, in der politische und wirtschaftliche Unwägbarkeiten in der Welt kaum noch zu überschauen sind. Zudem stehen wahrhaft größere Herausforderungen an, als schiere Größe zur Strategie zu erklären und über den Verlust der Führungsposition in einem oligopolistischen Markt mit vier namhaften Anbietern zu lamentieren. Linde wäre auch stark genug, mag der französische Erzrivale Air Liquide mit dem Kauf der amerikanischen Airgas auch enteilt sein.

          Den Anlagenbau auf Vordermann bringen, sich auf die Erfordernisse der auch im Gasegeschäft unausweichlichen Digitalisierung mit neuen Konzepten einstellen, das sind Aufgaben. Tatsächlich aber ist Linde nun über Monate hinweg geschwächt. Einen Finanzchef zu finden ist noch die geringste Bürde. Die Suche nach einem neuen Vorstandsvorsitzenden wird dauern. Vor der Tür der Zentrale dürfte dieser am 1. Mai 2017 jedenfalls nicht stehen. Ein Führungsvakuum in dieser zeitlichen Dimension kann sich ein Dax-Konzern nicht erlauben. Und damit kommt - wieder - Wolfgang Reitzle ins Spiel. Der Gedanke mag verwegen, aber nicht auszuschließen sein: Gestrauchelte Unternehmen haben in ernsten Lagen kurzfristig den Aufsichtsratsvorsitzenden zum Feuerwehrmann in den Vorstand geschickt. Und die Börse würde in Trance verfallen, wenn „Mr. Linde“ wieder das Ruder übernähme.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

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