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Umbau von ENBW : Eine neue Phase der Energiewende

ENBW wandelt sich. Es geht weg vom klassischen Energieversorger und hin zum Betreiber von Infrastruktur-Systemen. Bild: Archiv

Anders als Eon und RWE wird ENBW nicht aufgespalten. Der vormalige Atomkonzern wird dennoch gerade radikal umgebaut. Der Konzern richtet sich auf die nächste Stufe der Energiewende aus.

          5 Min.

          Haushoch türmt sich die Steinkohle am Rheinufer in Karlsruhe, direkt neben dem Kraftwerk der ENBW AG. Der Block 8, vor gerade mal eineinhalb Jahren in Betrieb genommen, gilt als das effizienteste Steinkohle-Kraftwerk in Europa, und doch ist er eine Investitionsruine. Die Umbrüche in der Welt des ENBW-Vorstandsvorsitzenden Frank Mastiaux zeigen sich hier besonders drastisch, auf dem „Innovationscampus“, unter der eindrucksvollen Rauchsäule des Kohlemeilers.

          Bernd Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Ludwigshafen.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Einst waren die Planer für das neue Kraftwerk neben der Baustelle untergebracht, jetzt soll in den verwaisten umgebauten Räumen eine kleine agile Truppe neue Geschäftsmodelle für die Energiewelt der Zukunft entwickeln. Nur zehn Autominuten von der Firmenzentrale in der Stadt entfernt und doch ganz anders: optisch eine Mischung aus Loft und Schülertreff, mit Stehtisch, bunten Zetteln an der Wand, Getränkekästen, Couch; der obligatorische Tischkicker für die Start-up-Atmosphäre ist ebenfalls da. Später wird Mastiaux Pizza bestellen, ganz so, wie es sich für eine solche Arbeitsumgebung gehört.

          Die Atomanlagen, Kohlenmeiler und Gaskraftwerke, die einst die Bilanz der ENBW zierten, verlieren rasant an Wert. Der 52 Jahre alte Mastiaux hat diesen Bruch kommen sehen und sich darauf eingestellt: schneller als seine Kollegen von RWE, Eon und Vattenfall, und man kann sagen: auch radikaler. ENBW hat die alte Welt früh abgehakt, früh in Windenergie investiert, neue Geschäfte ausgebaut und die einst wegen ihrer niedrigen Margen verpönten Netze behalten – um wenigstens ein stabiles Element für die Metamorphose zu haben. Und Mastiaux hat seine Pläne von Anfang an mit Zahlen untermauert. Nur so habe er die Mitarbeiter mitnehmen können, sagt er heute zufrieden.

          Eine neue Phase der Energiewende

          2020 soll ENBW nach seinen Vorstellungen ein operatives Ergebnis von 2,5 Milliarden Euro erzielen und damit das Erlösniveau vor der Energiewende wieder erreichen. Der Ergebnisbeitrag der konventionellen Kraftwerke wird bis dahin um 80 Prozent gefallen sein. Kompensiert werden soll der Verlust durch den Ausbau erneuerbarer Energien, mehr Netzentgelte und neue Geschäftsmodelle. In diesem Jahr verdiene ENBW mit Netzen und erneuerbaren Energien erstmals mehr als mit Erzeugung – ein Beleg, dass die Strategie richtig sei, sagt er. Richtig ist aber auch: Abschreibungen und Wertberichtigungen auf alte Anlagen und Stromverträge und die wegen der niedrigen Zinsen nochmals höheren Rückstellungen für Betriebsrenten belasten das Ergebnis erheblich: Nach neun Monaten stehen unterm Strich 192 Millionen Euro Verlust.

          Mastiaux sieht das anhaltend schwierige Umfeld als Bestätigung, auf dem eingeschlagenen Weg weiterzumachen. Anders als RWE und Eon hat sich ENBW nicht aufgespalten. „Teilung“, sagt Mastiaux, „kostet Zeit“. Geschwindigkeit aber sei im Wandel erfolgsentscheidend. Die Energiewende geht nun in eine neue Phase, davon ist Mastiaux überzeugt. Bisher sei sie durch den Ausstieg aus der Kernenergie und die Umstellung auf erneuerbare Energien geprägt gewesen, Politiker und Behörden, große Investoren hätten den Markt bestimmt. „In der nächsten Phase wird die Energiewende durch die Bürger getrieben“. Die Menschen würden jetzt die neuen Techniken im intelligent vernetzten Haus oder im Bereich der Elektromobilität für sich entdecken.

          Die Digitalisierung mache Verbraucher zu Energie-Unternehmern, und deren Fokus ändere sich gerade. Zu Beginn der Energiewende hätten Hausbesitzer Solaranlagen aufs Dach montiert, um möglichst viel Einspeisevergütung zu kassieren. Heute stehe die Freiheit und Autonomie im Vordergrund, das Gefühl, unabhängig von externen Versorgern zu sein. „Dieser Wandel hat erhebliche Folgen.“ Bisher wollten die Hausbesitzer nach Mastiauxs Worten so viel wie möglich der eigenproduzierten Energien verkaufen, heute gehe es ihnen darum, die eigenproduzierte Energie selbst zu nutzen, vielleicht sogar für das eigene Elektroauto.

          Ohnehin sieht der ENBW-Chef die Elektromobilität als Chance für seinen Konzern. Im Heimatmarkt Baden-Württemberg hat ENBW schon 350 Ladestationen gebaut, in diesem Sommer wurde über die Lade-Infrastruktur eines Großteils der Standorte der Tank- und Rast-AG ein Vertrag geschlossen. Vielleicht, sagt Mastiaux, wird eines Tages eine Gratis-Aufladung des Autos das Werbemittel eines Supermarkts sein. „Irgendwann, und das wird meiner Meinung nach nicht mehr lange dauern, wird es einen kräftigen Schub geben.“

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