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Wirecard-Chef : Der Aufstieg des geheimnisvollen Zahlungsabwicklers

Mastermind und Großaktionär: Wirecard-Chef Markus Braun. Bild: dpa

Der Erfolg von Wirecard hat Markus Braun zum Milliardär gemacht. Dass der Finanzdienstleister vor dem Aufstieg in den Dax steht, reicht ihm nicht. Er will das Bargeld abschaffen.

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          Eigentlich könnte sich Markus Braun entspannt zurücklehnen und den Erfolg seiner Wirecard AG genießen. In eineinhalb Jahrzehnten hat der Vorstandsvorsitzende aus einer Start-up-Gesellschaft, die im Zuge des New-Economy-Crashs unterzugehen drohte, einen international aufgestellten Zahlungsverkehrsanbieter gemacht, den die Börse mit rund 24 Milliarden Euro bewertet. Die Wirecard-Aktie steigt jetzt in die erste Reihe der deutschen Börsenwerte auf und ersetzt dort die Commerzbank. Wirecard ist nach Zalando die erfolgreichste deutsche Gründerstory des vergangenen Jahrzehnts.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          Am Donnerstag, dem Tag des Aufstiegs, könnte Braun also mit seinen 1000 Mitarbeitern im Foyer der fünfstöckigen Unternehmenszentrale im Münchner Vorort Aschheim auf den Erfolg anstoßen. Aber solche Feierlichkeiten meidet der 49 Jahre alte Manager lieber. Und entspanntes Zurücklehnen kommt für einen wie ihn sowieso nicht in Frage.

          Bezahlen „unsichtbar machen“

          Braun sitzt in seinem nüchternen Besprechungszimmer und denkt lieber an die Zukunft. Mit dem Erreichten gibt er sich nicht zufrieden. „Wir haben das Beste noch vor uns“, sagt der schlanke Mann, setzt die randlose Brille ab und schwärmt vom Einkaufen ohne Bargeld. Alles soll digital werden. Schon heute machen Smartphones mit Wirecard-Funktion die herkömmlichen Giro- und Kreditkarten überflüssig.

          Künftig geht es um digitale Zahlungslösungen per App, Smartwatch oder Fingerabdruck und Iris-Erkennung. Braun will das Bezahlen „unsichtbar machen“, wie er im Gespräch mit der F.A.Z. erzählt. Neben dem Besprechungszimmer gibt es einen kleinen Showroom, schwarze Wände, ein paar Terminals und jede Menge Smartphones. Braun nimmt eines in die Hand und simuliert den Einkauf per Fingerabdruck in einem virtuellen Rewe-Supermarkt. Natürlich geht das in der Wirecard-Welt auch mit einem Fitnessarmband, das vor das Lesegerät der Registrierkasse gehalten wird. Unterschrift oder Pin-Eingabe sind überflüssig. Alles soll so einfach wie möglich sein, am besten merkt der Konsument gar nicht, dass er Geld ausgibt.

          Banklizenz seit 2005

          Dafür arbeitet Braun ziemlich hart. Sechzehn-Stunden-Tage sind für ihn normal. Und von seinen Mitarbeitern erwartet er das ebenfalls. Ihm mache die harte Arbeit nichts aus, sagt er, im Gegenteil: „Die Schönheit des Lebens entsteht durch Intensität. Es macht mir viel Freude, auf der Bugwelle der Innovation zu agieren.“ Über sein Privatleben spricht der gebürtige Österreicher kaum. Braun ist verheiratet und hat eine Tochter. Wenn er nicht in Aschheim ist, ist er gern in Wien, geht dort in die Oper, treibt Sport. Das muss genügen. Nicht einmal Mitarbeiter, die recht eng mit ihm zusammenarbeiten, wissen, ob der Chef lieber Tennis oder Golf spielt. Braun hat in Wien Wirtschaftsinformatik studiert, arbeitete dann bei einer Unternehmensberatung und promovierte nebenher. Seine Doktorarbeit handelte von einem Modell, mit dem sich die Geschwindigkeit von Computerprogrammen vorhersagen lässt.

          Braun sieht zwar nicht so aus wie ein Nerd, ginge aber glatt als ein solcher durch. Ein typischer Zahlenmensch eben, keiner, der besonders empathisch wirkt. Weil er so wenig über sich selbst redet und die Öffentlichkeit meidet, umgibt ihn die Aura des Geheimnisvollen. Das hat auch mit der Entstehungsgeschichte des 1999 gegründeten Unternehmens zu tun. Wirecard ging aus dem Zusammenschluss mit einer anderen Dotcom-Gesellschaft hervor, der börsennotierten Infogenie AG. Mit der Übernahme der Xcom Bank im Jahr 2005 erhielt das kleine Unternehmen eine Banklizenz und konnte nun die gesamte Wertschöpfungskette des Zahlungsverkehrs abdecken.

          Harte Jahre und Schmuddelimage

          Doch Braun hatte es von Anfang an auf den Zahlungsverkehr im Internet abgesehen. Wie Amazon-Gründer Jeff Bezos glaubte er früh daran, dass eines Tages die Menschen im Internet alles Erdenkliche einkaufen würden. Den Vergleich mit der Internetikone Bezos weist Braun in aller Bescheidenheit natürlich von sich – und hört es doch gern.

          Die Anfangsjahre waren beschwerlich. Die Wirecard-Kunden stammten vornehmlich aus der Porno- und der Glücksspielindustrie. Früh haftete dem Unternehmen, das sich als Zahlungsdienstleister zwischen Kreditkartenfirmen und Internetanbieter setzte, ein Schmuddelimage an. Und selbst als später seriösere Kunden wie Fluglinien, Online-Reisebüros und Einzelhändler hinzukamen, blieb Wirecard irgendwie in der Grauzone. Mehrmals wurde das im Tec-Dax notierte Unternehmen zum Spielball unseriöser Spekulanten.

          WIRECARD

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          Erstmals im Jahr 2008 wetteten sie auf fallende Aktienkurse. Braun wehrte sich, redete mit Investoren, beruhigte die Börsianer. Doch immer wieder kam es zu derartigen Angriffen. Zuletzt noch vor zwei Jahren, als das selbsternannte Analysehaus Zatarra einen 100-Seiten-Bericht über Wirecard erstellte: Betrug, Geldwäsche, Korruption, illegales Glücksspiel lauteten die Vorwürfe. Und obwohl der Name Zatarra an der Börse völlig unbekannt war, verlor die Wirecard-Aktie innerhalb weniger Stunden ein Viertel ihres Wertes. Braun tat das, was er in solchen Situationen schon häufiger tun musste, er beruhigte die Investoren.

          Und er tat noch etwas anderes: Wie in all den Jahren zuvor nutze er die Kurseinbrüche, um selbst Wirecard-Aktien zu erwerben. Heute ist er mit gut sieben Prozent der Anteile Großaktionär. Sein Aktienpaket ist mehr als 1,5 Milliarden Euro wert. Er könnte sich entspannt zurücklehnen, mehr Zeit mit seiner Familie verbringen, häufiger in die Wiener Oper gehen oder regelmäßiger Sport treiben. Doch Braun surft lieber auf der Bugwelle der Innovation. Jeff Bezos arbeitet ja auch noch.

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