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Der A400M erstmals in der Luft : „Es war ein phantastischer Flug“

Bild: afp

Seit den achtziger Jahren träumen die europäischen Militärs von einem eigenen Transportflugzeug, das Panzer, Hubschrauber und Planierraupen transportieren kann. Nun hat der Airbus-Militärtransporter A400M endlich seinen Jungfernflug hinter sich gebracht.

          „Venga, venga“, „los, los“, feuern die spanischen Mechaniker in ihren grellgelben Jacken das graue Ungetüm mit seinen krallenartigen Propellern an. Der A400M rollt auf einer Startbahn beim Airbus-Werk von Sevilla gerade seinem ersten Lufttest entgegen. Nur etwa eine halbe Minute lang muss der Lastenträger Anlauf nehmen, um dann um 10.15 Uhr in den südspanischen Himmel abzuheben.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Die 127 Tonnen Gewicht sind dem ersten europaweit gebauten Militärtransporter kaum anzumerken. Als er sich mit scheinbarer Leichtigkeit aufgeschwungen hat, atmen die Topmanager von Airbus und der Muttergesellschaft EADS sichtbar auf. Angesichts der dreijährigen Verspätung im Auslieferungsplan des Flugzeuges müssen sie den acht Kundenländern endlich greifbare Fortschritte melden.

          Seit den achtziger Jahren träumen die europäischen Militärs von einem eigenen Transportflugzeug, das auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist und ihnen den Einkauf oder die Anmietung von veralteten Maschinen aus den Vereinigten Staaten und Russland erspart.

          Kurz nach dem Start in Sevilla

          Ganz nah am Zaun des Rollfeldes im Airbus-Werk von Sevilla verfolgen mehrere tausend Beobachter den ersten Startversuch. Er beginnt mit 15 Minuten Verspätung, denn es kam zu kleinen Ungereimtheiten bei den Instrumenten. Beifall ertönt beim Abheben und - rund vier Stunden später - auch bei der Landung der Maschine.

          „Die Maschine ist erstaunlich leise“

          König Juan Carlos ist inzwischen mit seinem Jet eingetroffen, um der Landung beizuwohnen. Aus Frankreich kam Verteidigungsminister Hervé Morin, aus Deutschland der Staatssekretär Rüdiger Wolf. Gegen 14 Uhr rollt der erste luftgetestete A400 M nach der geglückten Landung an der Ehrentribüne des Airbus-Werks vorbei. Die Piloten winken aus den geöffneten Cockpitfenstern, König Juan Carlos streckt ihnen die aufgerichteten Daumen entgegen. Danach drehen die Testpiloten vor der zwei Fußballfelder fassenden Airbus-Werkshalle noch eine Ehrenrunde für die Mitarbeiter des Flugzeugherstellers.

          Deren Begeisterung und Stolz ist zu spüren. „Das ist unser Beitrag für Europa“, sagt der 28 Jahre alte Techniker Ricardo Martinez, der im Airbus-Flugtestzentrum von Sevilla arbeitet. „Es war ein phantastischer Flug“, sagt der britische Testpilot Edward Strongman, nachdem er sich des sicherheitshalber mitgenommenen Fallschirms entledigt hat.

          „Die Maschine ist erstaunlich leise, verglichen etwa mit der Transall“, sagt Oberstleutnant Walter Kirchhoff vom Führungsstab der deutschen Luftwaffe. Der niedrige Geräuschpegel ist eine der Qualitäten, die Airbus den Abnehmern versprochen hatte. Das Versprechen haben sie anscheinend eingehalten.

          Die ersten Maschinen sollen 2014 geliefert werden

          An den anderen Qualitäten muss jetzt weiter gearbeitet werden, so dass die erste Auslieferung in drei Jahren erfolgen kann. Der A400M soll ein Alleskönner in der Luft sein, der besonders hoch und weit fliegen kann, Panzer, Hubschrauber, Planierraupen oder Fallschirmspringer mitnimmt, andere Flugzeuge betankt und im Wüstensand auf einer Runway von nur 750 Metern landen kann.

          Entwickelt sind all diese Funktionen freilich noch nicht, doch immerhin gelang nun der Erstflug. 75 Jahre lang könne die Maschine im Dienst sein, sagt ein Airbus-Manager, was zählen da schon ein paar Jahre. Die Luftwaffe rechnet derzeit damit, die ersten Maschinen 2014 und die letzten 2020 in Empfang zu nehmen.

          In Stein gemeißelt ist das aber noch nicht, denn noch verhandeln die Kundenländer mit EADS und Airbus über eine Neugestaltung der Aufträge. Die alten Verträge auf Basis eines Festpreises von rund 20 Milliarden Euro für 180 Maschinen können EADS und Airbus nicht einhalten; die Mehrkosten erreichen einen satten einstelligen Milliardenbetrag.

          Staatssekretär Wolf, der am Rande des Erstfluges Gespräche führte, sagte auf Fragen von Journalisten nach der Bereitschaft Deutschlands, Airbus in den Verhandlungen entgegenzukommen: „Wir sind zunächst einmal zu gar nichts bereit.“ Die Verhandlungen brauchen spürbar noch etwas Zeit.

          Der Militärtransporter A400M

          Der A400M ist eines der größten europäischen Rüstungsprojekte. Die Bundeswehr ist mit 60 Flugzeugen größter Kunde vor Frankreich (50). Zu den Erstkunden gehören auch Spanien, Großbritannien, Belgien, Luxemburg und die Türkei. Das Flugzeug soll Hubschrauber und Kampfjets in der Luft betanken und 37 Tonnen Last schnell über lange Strecken transportieren können. An dem Projekt hängen rund 40.000 Arbeitsplätze in Europa, davon 11.000 in Deutschland.

          Im Bauch des Transporters findet ein Transporthubschrauber des Typs CH-47 Chinook Platz oder ein Sattelschlepplastwagen oder zwei Infanteriefahrzeuge. Im Notfall können 125 Tragen plus eine Intensivstation transportiert werden oder 116 Soldaten in voller Montur, auch Fallschirmjäger. Spezielle Ausstiegsmöglichkeiten erlauben es, dass zwei Soldaten gleichzeitig abspringen.

          Das Flugzeug hat vier Turbopropeller-Motoren mit einer Leistung von 11.000 PS . Entwickelt hat sie ein europäisches Team aus dem deutschen Hersteller MTU Aero Engines , dem britischen Konzern Rolls-Royce und dem französischen Unternehmen Safran. Airbus wollte die Motoren ursprünglich beim kanadischen Konzern Pratt & Whitney kaufen. Die Besteller pochten aber als Teil ihrer Standortpolitik auf eine Auftragsvergabe in Europa.

          Jeder Motor hat acht Propellerblätter mit einer Länge von jeweils fünf Meter. Sie rotieren pro Propellerpaar gegenläufig, wobei die inneren Motoren einwärts Richtung Rumpf drehen, die beiden äußeren Motoren drehen Richtung Flügelspitzen. Das System wurde für den legendären russischen Jagdbomber Tupolev Tu-95 „Bär“ erfunden.

          Der Listenpreis beträgt rund 100 Millionen Euro . Damit liegt die Maschine zwischen dem altgedienten Lockheed-Martin-Modell C-130 Herucles und der Boeing C-17. Der Hercules kann 21 Tonnen transportieren, der Boeing-Jet 75 Tonnen.

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