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Warenhauskette : Den Hema-Läden droht das Aus

Wohin geht die Fahrt? Die Hema-Kette will sich auf Wachstum in den Kernmärkten konzentrieren. Bild: ddp

Der niederländische Warenhauskonzern erwägt, Deutschland zu verlassen. Das steckt dahinter.

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          Den deutschen Filialen von Hema droht das Aus. Der niederländische Warenhauskonzern erwägt unter seiner neuen Führung, sich aus Deutschland zurückzuziehen und die hiesigen achtzehn Läden zu schließen. Er untersucht momentan die Zukunft des Deutschlandgeschäfts. „Das ist in der Prüfung, und sobald wir Nachrichten dazu haben, werden wir das mitteilen“, sagte eine Sprecherin auf Anfrage der F.A.Z. Im Laufe des Jahres und möglichst vor November solle die Entscheidung fallen. Hema hatte 2002 den ersten Laden in Deutschland eröffnet und expandierte von 2017 an verstärkt. Mittelfristig wollte das Unternehmen hierzulande auf bis zu 100 Filialen kommen.

          Klaus Max Smolka
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Aus Kundensicht wäre der Rückzug ein Schlag für alle, welche die niederländische Kaufhauskette aus Besuchen im Nachbarland kennen und jetzt auch in Deutschland besuchen. Viele schätzen die Mischung aus moderaten Preisen, ansprechendem Design und typisch niederländischen Produkten. Das Sortiment ist ein Sammelsurium aus Einrichtungsgegenständen, Haushaltsgeräten, Textilien, Elektrokleingeräten, Drogerie-, Schreib- und Süßwaren – eine Kombination aus Edel-Woolworth und Niedrigpreis-Manufactum mit Elementen von Rossmann und dm.

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          In der Heimat gehört Hema mit seinen allgegenwärtigen Kaufhäusern geradezu zum Kulturerbe, wie schon der Originalname hinter dem Akronym suggeriert: Hollandse Eenheidsprijzen Maatschappij Amsterdam – Holländische Einheitspreisgesellschaft Amsterdam. 1926 eröffnete die erste Filiale, als Warenhäuser noch eher eine schicke Klientel bedienten. In den vergangenen zwei Jahrzehnten wechselten die Eigentümer mehrmals. Unter einem Finanz­investor wurde das Unternehmen mit Schulden beladen, kam in finanzielle Schwierigkeiten. Ein niederländischer Unternehmer erwarb Hema, bevor im vergangenen Jahr Kreditgeber ihm die Kontrolle abnahmen. Als Retter trat Ende vergangenen Jahres die Familie Van Eerd, Eignerin der Supermarktkette Jumbo, zusammen mit dem Investor Parcom auf den Plan.

          Seit einem Monat ist eine neue Vorstandsvorsitzende an Bord, Saskia Egas Reparaz. Sie kam vom Filialisten Etos, der im Drogeriemarktsegment ähnlich bedeutend ist wie Hema unter den Warenhäusern. Egas Reparaz’ Vorgänger hatten das Unternehmen internationalisiert und exportierten dabei das heimische Ladenkonzept. Im Jahr 2014 etwa trat Hema in den britischen Markt ein. Nachdem das Unternehmen 2017 Expansion in Deutschland ankündigte, stellte die damalige Landeschefin Beatrice Schnell 70 bis 100 Filialen im neu­erschlossenen Markt in Aussicht, so jedenfalls wurde sie in der Lebensmittel Zeitung wiedergegeben.

          Nun folgt die strategische Kehrtwende. Man wolle sich auf Wachstum in den „Kernmärkten“ konzentrieren, heißt es, und die werden definiert als die drei Benelux-Länder Niederlande, Belgien und Luxemburg sowie Frankreich. Erste Konsequenz: Aus dem Vereinigten Königreich zieht sich der Warenhaus­betreiber zurück, wie er am Donnerstag vergangener Woche bekanntgab. Das sei bedauerlich, aber Hema habe nie eine solide Position im dortigen Markt aufbauen können, ließ Egas Reparaz wissen. Sechs Filialen werden geschlossen.

          Daneben betreibt Hema Geschäfte in Österreich und Spanien und eben die eineinhalb Dutzend Läden in Deutschland. Wie die Unternehmenssprecherin am Montag auf Anfrage sagte, wird nun die Zukunft aller Märkte außer Benelux und Frankreich geprüft – auch die Deutschlands. Die Optionen? „Sehr einfach gesagt, beinhaltet das: Bleiben wir im Land oder ziehen wir uns zurück?“ Für die hiesigen Beschäftigten und Kunden verheißt das wenig Gutes. Wenn ein Unternehmen solche Prüfungen öffentlich bekanntgibt, ist das Aus wahrscheinlicher als die Beibehaltung – schließlich entsteht in der Zwischenzeit Unruhe bei Mitarbeitern und auch Lieferanten. Offiziell heißt es, die Entscheidung könnte auch dahingehend ausfallen, dass man nicht nur bleibt, sondern wächst.

          Die Entscheidung soll „im Laufe des Jahres“ fallen – möglichst aber in den kommenden paar Monaten. „Ich erwarte, dass es mehr Klarheit vor dem 1. November gibt“, sagte die Sprecherin, betonte aber: „Das ist die Erwartung, und das ist auch das Ziel, aber es ist nicht gesagt, dass das dann definitiv der Zeitpunkt ist. Wir nehmen uns Zeit, wir wollen genau vorgehen.“ Finanzzahlen will das Unternehmen für Deutschland nicht preisgeben. Subjektiv gesehen wird beispielsweise die Filiale in Frankfurt seit der Öffnung gut besucht. Monatelang war sie während des Lockdowns coronabedingt geschlossen.

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