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Demenz : Der Preis des Alterns

Rund 1,2 Millionen Deutsche leiden an Demenz: Patienten im Altenpflegeheim im hessischen Eppstein Bild:

Demenz wird in einer alternden Gesellschaft zur Volkskrankheit. Pharmakonzerne sehen darin ein Geschäftsfeld, Angehörige eine psychische Last.

          3 Min.

          Altwerden, ohne alt zu sein – das wünschen sich viele. Fest steht: Die Menschen in Deutschland werden im Durchschnitt immer älter. Viele sind – auch im hohen Alter – noch körperlich und geistig fit. Altwerden ist für sie etwas Schönes. Doch nicht wenige leiden andererseits auch unter den diversen Alterskrankheiten: Muskelschwund, Knochenrückgang und dadurch bedingte chronische Schmerzen, Unsicherheiten beim Gehen und geringe Mobilität, Seh- und Hörschwäche, Inkontinenz. Die Liste der altersspezifischen Gesundheitsprobleme ist lang. Angst haben älter werdende Menschen vor allem vor kognitiven Einbußen. Denn Demenz ist im Alter geradezu normal: Jeder Zweite, der älter als 90 Jahre ist, leide an Demenz, berichtet der Münchner Palliativmediziner Christoph Fuchs vom Klinikum Neuperlach. Unter den Menschen zwischen 70 und 74 Jahren ist fast jeder zehnte dement. Was tun, wenn die geistige Kraft abnimmt?

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Eine Lösung sieht die Arzneimittelbranche in der Entwicklung von sogenannten Antidementiva. Aus Sicht der Unternehmen eröffnet sich hier ein großer Markt, mehr als 1,2 Millionen Menschen in Deutschland leiden derzeit an Demenz. Die Zahl der Patienten, die an Alzheimer leiden, der häufigsten Form des Gedächtnisschwunds, wird zurzeit weltweit auf 35 Millionen geschätzt. Das umsatzstärkste Gegenmittel, ein Präparat des amerikanische Pharmakonzerns Pfizer und seines japanischen Partners Eisai, wird für rund 3 Milliarden Dollar im Jahr verschrieben. In Deutschland ist das Medikament Axura vom Frankfurter Hersteller Merz das meistverkaufte Alzheimer-Mittel, gut 350 Millionen Euro Umsatz ließen sich damit im vergangenen Jahr erzielen. Durch die demographische Entwicklung wird die Verbreitung der Alzheimer-Krankheit weiter steigen. Bis 2050 rechnen Fachleute wie Harald Hampel, der Direktor der Frankfurter Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, mit einer Zunahme auf 113 Millionen Patienten rund um den Globus.

          Für die Manager in den Zentralen der großen Pharmakonzerne klingen solche Steigerungsraten nach einem großen Geschäft. Die Forscher in den Laboren treibt außerdem die Tatsache an, dass keines der zurzeit erhältlichen Mittel die Demenz heilt und selbst die aufschiebende Wirkung der eingesetzten Wirkstoffe umstritten ist. Deshalb haben die Unternehmen in den vergangenen Jahren viel Geld in die Entwicklung neuer Antidementiva gesteckt. Etwa die Hälfte der Ausgaben zur Erforschung von Krankheiten des Zentralen Nervensystems fließen in dieses Feld.

          Die geistige Leistung aber verbesserte sich dadurch nicht

          Der Durchbruch allerdings ist bislang ausgeblieben. Eine mit viel Vorschusslorbeer bedachte Alzheimer-Impfung etwa führte zu Hirnhautentzündungen. Und erst im vergangenen Jahr hat der amerikanische Konzern Eli Lilly mitgeteilt, dass ein neuentwickelter Wirkstoff zwar die für Alzheimer charakteristischen Proteine zurückdrängt, die sich als Plaques auf die Hirnzellen setzen und diese zerstören. Die geistige Leistung der Patienten aber verbesserte sich den klinischen Studien zufolge dadurch nicht.

          Mit Spannung werden nun die Studiendaten erwartet, die Pfizer und Johnson & Johnson im kommenden Jahr für eine gemeinsam entwickelte Substanz vorlegen wollen, die nach einem ähnlichen Prinzip wirkt. An einer anderem Stelle setzt der Schweizer Pharmakonzern Roche an, der vor zwei Wochen eine Kooperation mit dem Hamburger Biotechnologieunternehmen Evotec eingegangen ist. Die beiden Partner wollen eine Substanz entwickeln, die ein Enzym hemmt, das seinerseits den Botenstoff Dopamin im Hirn abbaut und auf diese Weise nach Ansicht von Fachleuten die Entstehung der Alzheimer-Demenz begünstigt. Außerdem versuchen Roche und andere Hersteller sogenannte Biomarker zu identifizieren, die schon lange vor dem Beginn der Gedächtnisschwäche auf die Krankheit hinweisen. „Wir müssen Alzheimer in Zukunft früher diagnostizieren und früher behandeln“, formuliert Harald Hampel das Ziel.

          7,5 Millionen Menschen werden häusliche Pflege brauchen

          Ob sich die Krankheit je heilen lassen wird, ist nicht absehbar. Demenzkranke brauchen jedenfalls vor allem Pflege und Betreuung. 2011 hat das Bundesgesundheitsministerium zum „Jahr der Pflege“ ausgerufen. In die Bresche springen vor allem die Angehörigen der Patienten. In Deutschland werden offiziellen Daten zufolge zwei Drittel aller 2,3 Millionen Pflegebedürftigen zu Hause versorgt, 750 000 davon leiden an Demenz. Gezählt werden in dieser Statistik aber nur diejenigen, die auch eine Pflegestufe anerkannt bekommen haben. „Hinzu kommen noch etwa drei Millionen, die Hilfe benötigen, aber noch keiner Pflegestufe zugeordnet sind“, überschlägt der Soziologe Stefan Reuyß vom Berliner Institut für sozialwissenschaftlichen Transfer. Die Zahl dürfte in Zukunft steigen. Fachleute gehen davon aus, dass 2030 etwa 7,5 Millionen Menschen in Deutschland häusliche Pflege und Unterstützung benötigen werden.

          Der Ausbau von Pflegeheimen und die Professionalisierung der ambulanten Pflegedienste stehen deshalb ganz oben auf der Wunschliste vieler Gesundheitsfachleute. Für die Angehörigen, die sich unentgeltlich und meist zusätzlich zu Kindererziehung und Beruf um ihre pflegebedürftigen Verwandten kümmern, ist der Druck enorm. „Sie leisten einen Vollzeitjob“, sagte Ulrike Mascher, die Präsidentin des Sozialverbands VdK Deutschland, jüngst auf einer Tagung in Berlin. Sie fordert eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Pflege, etwa in Form von flexibleren Arbeitszeiten, Home-Office-Möglichkeiten oder Freistellungen. Denn viele Pflegende empfinden die Betreuung ihrer Angehörigen als große Belastung. Im Extremfall zieht die Krankheit der Älteren wie in einem Teufelskreis auch die Gesundheit der Jüngeren in Mitleidenschaft: Studien belegen, dass pflegende Angehörige öfter selbst unter psychischen Problemen wie Burn-out oder Depressionen leiden als andere Arbeitnehmer.

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