https://www.faz.net/-gqe-ahugl

Erwartungen gesenkt : Delivery Hero will deutschen Markt nicht um jeden Preis gewinnen

Abgestellt oder voll in Schuss? Das Logo von Delivery Hero auf einem Motorroller in Berlin. Bild: AFP

Das Liefergeschäft boomt – und ebenso stark wächst der Umsatz von Delivery Hero. Zum Neustart in Deutschland äußert sich Konzernchef Niklas Östberg jetzt aber überraschend zurückhaltend.

          3 Min.

          Pizza, Burger – und vielleicht noch ein paar Blumen dazu? Das Liefern von Essen, Lebensmitteln und Gütern des täglichen Bedarfs ist ein dominierender Wirtschaftstrend seit Beginn des neuen Jahrhunderts. Der Dax-Konzern Delivery Hero aus Berlin schlägt sich im weltweiten Wettbewerb mit einer Reihe von Lieferkonzernen gut. Auf seinem Heimatmarkt, in den der Konzern erst im Frühjahr wieder eingestiegen war, sind die Herausforderungen aber groß, wie Konzernchef Niklas Östberg am Donnerstag einräumte.

          Bastian Benrath
          Redakteur in der Wirtschaft.

          „Generell läuft es sehr gut“, sagte Östberg im Gespräch mit der F.A.Z. „Wir wollen aber nicht die Erwartung wecken, dass sich die Dinge schnell entwickeln werden.“ Das Deutschlandgeschäft könne in fünf Jahren einen positiven Beitrag zum Konzerngeschäft insgesamt leisten. „Aber wenn wir davon sprechen, der führende deutsche Lieferdienst zu werden, dann ist das eine Operation, die mehr als zehn Jahre dauern wird.“ Für Delivery Hero sei Deutschland kein Markt, den das Unternehmen um jeden Preis gewinnen müsse: „Wir werden sehen, wie es läuft.“

          Das steht im Kontrast zu den bisherigen Aussagen des Unternehmens zum Neustart in Deutschland. „Wir sind mit dem Start in Berlin sehr zufrieden“, hatte Delivery Heros Deutschlandchef Artur Schreiber im August der F.A.Z. gesagt. Man spüre eine sehr hohe Nachfrage und könne gute Lieferzeiten erzielen. Der Konzern tritt auf seinem Heimatmarkt unter der pinkfarbenen Marke „Foodpanda“ auf und liefert zur Zeit in Berlin, Hamburg, Frankfurt und München. Weitere Großstädte sollen folgen.

          „Lieferando ist sehr stark“

          Delivery Hero konzentriert sich in Deutschland wie in anderen Ländern darauf, Essen und Lebensmittel mit eigenen Kurieren zum Kunden zu bringen. Das unterscheidet sich vom Geschäftsmodell des deutschen Marktführers Lieferando, der primär Bestellungen vermittelt, Restaurants dann aber selbst ausliefern lässt. „Lieferando ist sehr stark“, räumte Östberg nun ein. Man merke die 14 Jahre Vorsprung, den der zum niederländischen Konzern Just Eat Takeaway gehörende Dienst in Deutschland habe.

          Lieferando startete hierzulande 2007. Ironie der Geschichte ist, dass Delivery Hero sein ehemaliges Deutschlandgeschäft unter der Marke „Foodora“ Anfang 2019 an Just Eat Takeaway verkauft hatte. Die knapp eine Milliarde Euro, die der Konzern dafür erhielt, steckte Delivery Hero in seine Expansion in Asien und dem Nahen Osten, zwei Weltregionen, in denen der Konzern traditionell stark ist.

          Ergebnisse treiben den Aktienkurs an

          Betrachtet man alle 50 Länder, in denen Delivery Hero auf der Welt tätig ist, läuft es jedoch gut für die Berliner. Ihre Jahresziele setzten sie deshalb am Donnerstag ein wenig nach oben. Es werde damit gerechnet, dass der Umsatz im Gesamtjahr am oberen Ende der Spanne von 6,4 bis 6,7 Milliarden Euro liegen werde. Im vergangenen Jahr hatten die Erlöse noch 2,8 Milliarden Euro betragen – bei einem Verlust von 1,4 Milliarden Euro. Delivery Hero schreibt weiterhin tiefrote Zahlen, nennt den Fehlbetrag allerdings in den am Donnerstag veröffentlichten Zahlen des dritten Quartals nicht.

          DELIVERY HERO SE NA O.N.

          -- -- (--)
          • 1T
          • 1W
          • 3M
          • 1J
          • 3J
          • 5J
          Zur Detailansicht

          Analysten lobten die Quartalsergebnisse als „solide“, der Aktienkurs des Unternehmens legte am Donnerstag um rund 2 Prozent zu. Inzwischen spürt Delivery Hero aber, dass die Menschen nach den Corona-Lockdowns wieder häufiger in Restaurants essen. Das Wachstum flachte von Juni bis September ab. Zwar stieg der Umsatz noch um 89 Prozent auf 1,8 Milliarden Euro, allerdings hatte das Plus im ersten Halbjahr noch bei 138 Prozent gelegen. Das Unternehmen investierte unter anderem stark in seine „D-Marts“ genannten Mini-Lagerhäuser, aus denen es in Städten Lebensmittel lokal ausliefert. Inzwischen betreibe es fast 900 solcher Standorte, sagte Östberg. Damit sei man internationaler Branchenführer.

          Die am Mittwoch verkündete Übernahme des finnischen Lieferdienstes Wolt durch den amerikanischen Marktführer DoorDash kommentierte Östberg verhalten. Wolt liefert in sieben deutschen Städten liefert und gehört damit hierzulande zu den größeren Lieferdiensten. DoorDash zahlt für Wolt 7 Milliarden Euro in Aktien. „Wir haben überlegt, in Wolt zu investieren, doch für uns hätte das keinen Sinn ergeben“, sagte Östberg. „Die Übernahme nun zeigt, dass DoorDash bereit war, für Wolt zu viel zu bezahlen.“ Seit dem vergangenen Quartal sei Delivery Hero in Bestellvolumen (GMV) und Umsatz größer als DoorDash und Wolt zusammen, sagte Östberg. Dennoch werde man den Mitbewerber mit Respekt behandeln.

          Weitere Themen

          Österreichs nie genutztes Kernkraftwerk Video-Seite öffnen

          Zwentendorf : Österreichs nie genutztes Kernkraftwerk

          In Betrieb gegangen ist das einzige Atomkraftwerk Österreichs nie, da sich die Menschen in einer Volksabstimmung in den siebziger Jahren gegen die Kernkraft entschieden. Aus Wien kommt nun heftiger Widerstand gegen die Brüsseler Taxonomie-Verordnung.

          Topmeldungen

          Auf dass die Kurse steigen mögen: der Bulle als Symbol für den Aufwärtstrend an der Börse.

          Hohes Risiko : Die Lieblingsaktien der Deutschen

          Biontech, Tesla, Curevac – die Privatanleger hierzulande stecken ihr Geld am liebsten in gewagte Investments. Nicht immer ist ihnen das Glück dabei hold.
          Sie sieht das Ansteckungsrisiko auch für Dreifachgeimpfte: Die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek

          Virologin Ciesek warnt : „Ansteckungsrisiko so hoch wie nie“

          Die Infektionszahlen sind so hoch wie nie. Die Gefahr einer Ansteckung rückt damit näher, warnt die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek. Doch die neuen Quarantäneregeln für Geboosterte passen nicht dazu.