https://www.faz.net/-gqe-8p4lz

Deliveroo gegen Foodora : Straßenkampf ums Essen

Freie Fahrt für frisches Essen: Ein Deliveroo-Kurier in London Bild: AFP

Essen ausfahren für Restaurants, die selbst nicht liefern wollen. Das Geschäft von Deliveroo und Foodora klingt simpel. Doch der Konkurrenzkampf ist hart und ziemlich teuer. Den Kunden freut’s.

          5 Min.

          Der eine trägt Pink, der andere Türkis. Carsten Alig und Christian Kuschel sind kaum zu übersehen, wenn sie im Dienst sind. Im Dienst, das heißt: unterwegs mit dem Rad auf Frankfurts Straßen. Auf dem Rücken eine Thermobox, gefüllt mit deftigem Burger, pikantem Thai-Curry oder einer Familienportion Sushi. Auf Kuschels pinkfarbener Box prangt eine weiße Servierhaube, das Logo des Unternehmens Foodora. Alig dagegen fährt auf türkisfarbenem Grund ein Känguru spazieren, das Wappentier des Konkurrenten Deliveroo.

          Benjamin Fischer

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die beiden Start-ups - Deliveroo wurde 2013 in London gegründet und kam zwei Jahre später nach Deutschland, Foodora startete 2014 unter dem Namen „Volo“ in München - verfolgen dieselbe Geschäftsidee: Sie liefern für Restaurants, die selbst keine Fahrer beschäftigen wollen, Mahlzeiten aus. Nicht für die Dönerbude von nebenan, sondern für teurere, hippe Läden. Foodora und Deliveroo stellen die Fahrer und übernehmen auch gleich die gesamte Logistik hinter der Bestellung. Alles läuft per App: Der Kunde ordert, das Restaurant und ein Fahrer kriegen eine Benachrichtigung, bezahlt wird nicht bar, sondern per Paypal oder mit der Kreditkarte.

          Die Idee hat sich schnell ausgebreitet. Deliveroo meldet in Deutschland ein Bestell-Wachstum von 20 Prozent im Monat, auch Foodora gibt an, rasant zu wachsen. Schon jetzt liefern sich die beiden Pioniere einen knallharten Konkurrenzkampf. Ganze Straßenzüge werden zugekleistert, U-Bahn-Stationen in Pink und Türkis tapeziert, die sozialen Medien mit Anzeigen geflutet.

          Schwarze Zahlen? Erst in vielen Jahren

          Nicht mehr lange, dann dürften weitere Wettbewerber auf den Markt drängen: Der Anbieter Lieferando, eigentlich nur eine Plattform für Restaurants mit eigenem Lieferdienst, baut seine eigene Lieferflotte auf. Und der Taxi-Schreck Uber will den in Amerika etablierten Dienst „Ubereats“ nach Deutschland bringen.

          Es ist eine Wette darauf, dass sich das Geschäftsmodell auf Dauer als rentabel erweisen wird. Bisher ist davon noch nichts zu sehen. Denn am Anfang stehen erst einmal Kosten: für die Büros in jeder Stadt, für die Ausrüstung, für die Fahrer, die App und die Tabletcomputer in den Partnerrestaurants. Deliveroo machte 2015 einen Verlust von etwa 21 Millionen Euro. Foodora mauert, was konkrete Zahlen angeht. Der Chef der Muttergesellschaft Delivery Hero, an der die Berliner Start-up-Schmiede Rocket Internet beteiligt ist, räumte allerdings schon einmal ein, er rechne erst in vielen Jahren mit schwarzen Zahlen bei Foodora.

          Geld in die Kassen fließt durch die Liefergebühr und eine Provision je Bestellung. Beide Anbieter nehmen hier je nach Vertrag 30 bis 35 Prozent vom Bestellwert - das ist ziemlich genau die Marge, mit der die meisten Restaurants kalkulieren. An der Provision lässt sich also kaum schrauben, sonst drohen Gastronomen abzuspringen. Damit sich die Angelegenheit für sie lohnt, bieten sie ihre Gerichte über die Bringdienste ohnehin oft etwas teurer an als im eigenen Lokal.

          Kaum einer kennt Deliveroo und Foodora

          Trotzdem glauben Fachleute, dass sich die Sache auf Dauer durchsetzen wird. Der Trend zur Liefergesellschaft, in der sich jeder alles nach Hause bringen lässt, ist schließlich ungebrochen. Und wenn so eine verrückte neue Idee aus dem Internet-Zeitalter erst einmal genug Freunde gefunden hat, gibt es kein Halten mehr - dafür gibt es genug Beispiele, allen voran den Zimmervermittlungsdienst Airbnb, der jetzt schon mehr wert ist als die größte Hotelkette der Welt. Bei der Reiseplanung vieler Deutscher ist Airbnb nicht mehr wegzudenken.

          Deliveroo und Foodora streben nach dem gleichen Stellenwert für Mittagspause und Abendessen. Noch ist da Luft nach oben: Laut einer Studie des Marktforschers Omniquest kennen aktuell 13 Prozent der Deutschen die beiden Dienste, 8 Prozent haben zumindest einen davon auch schon einmal genutzt. Die Investoren glauben offensichtlich daran, dass sich bald noch viele andere überzeugen lassen werden: Deliveroo hat schon 475 Millionen Dollar Fremdkapital eingesammelt. Foodoras Muttergesellschaft Delivery Hero will dieses Jahr an die Börse gehen, im Raum steht eine Bewertung von rund drei Milliarden Euro.

          Gute Aussichten für alle, die sich ihr Lieblingsessen aus dem Restaurant gerne nach Hause bringen lassen. Sie profitieren von der Werbeschlacht, die sich die beiden Anbieter zurzeit liefern, wenn sie einen der vielen Gutscheine nutzen, die zurzeit in rauhen Mengen verteilt werden.

          Foodora sind 19 Städte nicht genug

          Und die Betreiber der angesagten Restaurants bekommen von den Lieferdiensten jede Menge Gratis-PR, wenn sie sich auf eine exklusive Partnerschaft mit einem der beiden Platzhirsche einlassen. Selbst die Speisekarten sponsert Foodora beispielsweise einer Pizzeria im Frankfurter Bahnhofsviertel.

          Die beiden Bringdienste unterscheiden sich nicht nur in der Farbe, sondern auch in der Strategie. Foodora-Mitgründer Emanuel Pallua glaubt, das Konzept könne in allen Städten mit 250.000 oder mehr Einwohnern funktionieren. Zu den 19 deutschen Städten, in denen die Firma bisher präsent ist, sollen deshalb noch viel mehr kommen. Deliveroo dagegen will sich auf Großstädte beschränken. Zuerst soll deshalb das bestehende Angebot in Berlin, Frankfurt, München, Hamburg, Köln und Düsseldorf ausgebaut werden, eine Expansion in andere Städte steht zurzeit nicht zur Debatte.

          Auch bei der Bezahlung der Fahrer gibt es Unterschiede. Deliveroo beschäftigt rund 1000 Fahrer in Deutschland und zahlt festangestellten Kurieren 9 Euro in der Stunde, die 1800 Foodora-Fahrer kommen ebenfalls auf einen Stundenlohn von 9 Euro. Wer - wie Carsten Alig von Deliveroo und Christian Kuschel von Foodora - Zusatzfunktionen übernimmt, ein kleines Team leitet oder in den Restaurants nach dem Rechten schaut, erhält 11 Euro.

          „An Geld für eine anständige Bezahlung der Angestellten dürfte es nicht mangeln“

          Trinkgeld kommt obendrauf. Man denke über eine Lohnerhöhung nach, heißt es von Foodora. Deliveroo verweist derweil auf ein Modell für Selbständige, das nach dem Akkord-Prinzip funktioniert. Wer besonders schnell fährt, könne damit immerhin auf 15 Euro die Stunde kommen, rechnet Deutschland-Chef Felix Chrobog vor. Das funktioniert über ein geringeres Grundgehalt von nur 7,50 bis 8,50 Euro. Dafür erhält der Fahrer je 1 bis 3 Euro pro ausgelieferter Bestellung zusätzlich. Immerhin 40 Prozent der Deliveroo-Kuriere in Deutschland fahren nach diesem Modell.

          Der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi ist all das ein Graus. „Hinter den Unternehmen stehen finanziell überaus potente Anlegergruppen, da dürfte es an Geld für eine anständige Bezahlung der Angestellten nicht mangeln“, sagt der Gewerkschafter Jan Jurczyk. Unter anständig versteht Verdi: nach Tarif. In Frankfurt wären das aktuell 1990 Euro im Monat bei 38 Stunden in der Woche. Plus Urlaubsgeld und Jahressonderzahlung käme ein Fahrer auf knapp 24 300 Euro im Jahr.

          Wo ist mein Essen gerade? Einmal Mitverfolgen bei Deliveroo (links) und Foodora (rechts)

          Wichtiger als der Protest der Gewerkschaft ist für die Fahrradkuriere im Alltag jedoch, wie die App ihres Arbeitgebers programmiert ist. Sie ist das Herzstück der Lieferdienste. Ob pink oder türkis, beide beschäftigen ein eigenes Team, das die Plattform permanent weiterentwickelt. Über die App läuft die gesamte Bestellung. Ist sie eingegangen, bestimmt ein Algorithmus den Fahrer, der dann über sein Handy den Weg angezeigt bekommt - keiner soll zu viel Leerlauf haben, denn Leerlauf kostet Geld.

          Testweise auch Burger von Mc Donald's

          Der Kunde kann derweil von zu Hause aus den Status seiner Order verfolgen. Mit der App können die Anbieter auch die Fahrleistung eines jeden Fahrers analysieren. Hohes Tempo ist unabdingbar, wirbt Foodora doch mit einer Lieferzeit von höchstens 30 Minuten. Das sei nötig, damit die Qualität des Essens gewahrt bleibe. Deshalb liefern sowohl Foodora als auch Deliveroo nur maximal in einem Radius von 2,5 Kilometern. In Stoßzeiten kann dieser eingeschränkt werden, die App macht’s möglich.

          Wer den Straßenkampf ums Essen gewinnt, das könnte also auch daran hängen, wer die beste App hat. Ganz abgesehen von den schnellsten Fahrern und den beliebtesten Restaurants. Im Prinzip, sagt Management-Professor Arnd Huchzermeier von der Wirtschaftshochschule WHU, sei der deutsche Markt groß genug für vier oder fünf verschiedene Wettbewerber. Womöglich kauft am Ende aber auch einer die anderen auf, wie es auf dem Fernbus-Markt geschehen ist. Zeitweise konkurrierten hier 40 Unternehmen, jetzt hat Flixbus einen Marktanteil von 80 Prozent.

          Bis auf weiteres aber umgarnen die Bringdienste ihre Kundschaft mit allen möglichen Ideen. Schon lassen sie die Beschränkung auf höherklassige Restaurants beiseite und bringen probeweise auch Fastfood von McDonald’s nach Hause - Deliveroo in München, Foodora in Köln. Und sie testen, wie Deliveroo in London, ob sich mit zusätzlichen mobilen Küchen der Einzugsbereich gefragter Restaurants erweitern lässt. Bald soll es das auch in Deutschland geben. Obendrein liefert Deliveroo Craft-Beer oder Wein aus, um seine Fahrerflotte besser auszulasten. Weitere Angebote für alle, die gerne auf „Bestellen“ klicken, dürften folgen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Bildungsministerin Karliczek : Die Unterfliegerin

          Bildungsministerin Anja Karliczek gilt als ungeschickt, die Länder wollen sie in der Debatte um Bildungszusammenarbeit sogar ausbooten. Sie macht trotzdem weiter. Ein Porträt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.