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Debatte um Handyhersteller : Politiker wollen Nokia boykottieren

  • Aktualisiert am

Proteste gegen Werksschließung in Bochum Bild: ddp

Die Debatte um die Schließung des Bochumer Nokia-Werkes geht weiter. Horst Seehofer und Peter Struck kündigten in der „Bild“-Zeitung einen Nokia-Boykott an. Peer Steinbrück bezeichnete das Vorgehen von Nokia als „Karawanenkapitalismus“. Michael Glos rief dagegen zur Versachlichung der Debatte auf.

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          Aus Protest gegen die Schließung des Nokia-Werkes in Bochum wollen mehrere Politiker einem Zeitungsbericht zufolge ihre Nokia-Handys zurückgeben. SPD-Fraktionschef Peter Struck sagte der“Bild“-Zeitung (Freitagausgabe): „Was Nokia in Bochum vorhat, ist eine Riesensauerei. Ich habe heute mein Büro gebeten, mir ein anderes Handy zu besorgen.“ Verbraucherminister Horst Seehofer (CSU) will dem Bericht zufolge sein privates Nokia-Handy zurückgeben und lässt für sein Ministerium prüfen, ob ein Boykott des Handy-Herstellers zulässig sei (siehe auch Video: Seehofer will Handy zurückgeben).

          „Ich habe den Leiter unserer Zentralabteilung angewiesen zu schauen, ob und unter welchen Bedingungen wir bei Nokia aussteigen können“, zitierte das Blatt Seehofer. Als Grund nannte er Solidarität gegenüber den Nokia-Mitarbeitern und ihren Familien.“Das Verhalten der Nokia-Manager erzürnt mich“, sagte Seehofer der Zeitung.

          Glos fordert Versachlichung der Debatte

          Nokia hatte diese Woche überraschend die Schließung des Werks mit rund 2300 fest angestellten Mitarbeitern zur Jahresmitte bekanntgegeben. Nokia will aus Kostengründen die Produktion nach Rumänien, zum Teil auch nach Ungarn und Finnland verlagern.

          Nokia : Seehofer will Handy zurückgeben

          Bundeswirtschaftsminister Michael Glos mahnte dagegen zu einer Versachlichung der Debatte. Er sieht die Abwanderung von Nokia aus Bochum als Kehrseite der Globalisierung. „Deutschland profitiert sehr stark von der Globalisierung. Wir haben aber auch die weniger schönen Seiten der Globalisierung zu ertragen“, sagte der CSU-Politiker dem „Hamburger Abendblatt“ laut Vorabmeldung.

          „Dazu gehört die Tatsache, dass Nokia sich entschließt, die gesamte Handyfertigung in ein Land mit niedrigeren Löhnen zu verlegen.“ Dies könne man sehr schwer aufhalten, da es sich um eine unternehmerische Entscheidung handele. „Was mich befremdet, ist die Vorgehensweise, dass man plötzlich über Nacht die Zukunftshoffnungen vieler Menschen zerstört, ohne vorher Alternativen anzubieten.“

          Glos' Staatssekretär Hartmut Schauerte sagte in einem Interview der „Neuen Osnabrücker Zeitung“, es wäre nach jetzigem Sachstand falsch, den Eindruck zu vermitteln, es liege „Subventionsabzocke“ vor. Hierfür gebe es keine Anzeichen. Nokia habe sich offenbar an die Bedingungen gehalten, von denen die öffentlichen Fördergelder abhängig gemacht worden seien. Lediglich ob die zugesagte Zahl neuer Arbeitsplätze geschaffen worden sei, werde noch geprüft. Bei einem Spitzengespräch mit der Nokia-Führung werde noch in dieser Woche eine weitere Klärung erfolgen.

          Steinbrück: „Das ist ein Ausdruck eines Karawanenkapitalismus“

          Bundesfinanzminister Peer Steinbrück hat dem finnischen Handy-Hersteller Nokia wegen der geplanten
          Schließung seines Bochumer Werkes eine Gefährdung der gesellschaftlichen Stabilität vorgeworfen. Den betroffenen Beschäftigten sollte man aber keine allzu großen Hoffnungen machen, dass die Entscheidung noch revidiert wird, warnte Steinbrück am Freitag im Deutschlandfunk. „Ich glaube, man sollte da keine falschen Hoffnungen entstehen lassen. Da sind die Entscheidungen offenbar in Finnland getroffen worden“, sagte Steinbrück, der bis 2005 Regierungschef in Nordrhein-Westfalen war.

          „Das ist ein Ausdruck eines Karawanenkapitalismus“, kritisierte Steinbrück den Konzern. Dessen Manager müssten wissen, dass sie mit dieser überraschenden und kaum nachvollziehbaren Entscheidung die Zustimmung vieler Menschen zu diesem Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell unterminierten. „Die Menschen verlieren Vertrauen, und das ist eminent gefährlich“, sagte er. Solche Vorgänge gefährdeten die gesellschaftliche Stabilität.

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