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Debatte über Nahrungsmittelpreise : „Die Lebensmittel-Lager sind keineswegs leer“

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Plädiert für den Einsatz von Gentechnologie in der Landwirtschaft: Michael Mack Bild: AFP

Der schweizerische Pflanzenschutz- und Saatgutkonzern Syngenta sieht noch enorme Möglichkeiten, die Produktivität der Landwirtschaft zu steigern. Dazu müssen aus seiner Sicht aber auch in Europa die Chancen der Gentechnologie genutzt werden. Ein Gespräch mit Vorstandschef Michael Mack.

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          Für Michael Mack ist in der Debatte über die „Nahrungsmittelkrise“ schon einiges schiefgelaufen. Er spielt auf angebliche Versorgungsengpässe und die Gefahr von Hungersnöten an, auf die überbewertete Rolle der Biotreibstoffe für den Preisanstieg und auf die mögliche Ausdehnung der Anbauflächen. Diese propagiert zum Beispiel Brasiliens Staatspräsident Lula da Silva. Brasilien sei ein Einzelfall, meint Mack, Vorstandsvorsitzender von Syngenta, dem größten Pflanzenschutz- und Saatgutkonzern der Welt. Ebenso sieht er in der Preisentwicklung erhebliche Verzerrungen. Die Welternährungsorganisation nannte dieser Tage eine durchschnittliche Steigerung von 57 Prozent zwischen März 2007 und 2008. „Darin steckt eine deutlich spekulative Komponente“, sagt Mack in seinem Büro am Konzernsitz in Basel.

          Im Bemühen um Versachlichung der Diskussion legt der Manager Statistiken zur Lagerhaltung vor. Bei Weizen, Mais und Soja sind die Vorräte in den vergangenen beiden Jahren gesunken. „Aber die Lager sind keineswegs leer“, erklärt Mack, und Reis sei ungefähr in derselben Menge verfügbar wie zuvor. Der Anbau zur Verwendung als Biotreibstoff nehme nur langsam zu. Dennoch herrscht rund um die Welt Panik: Exportverbote, Hamsterkäufe von Privaten und sogar einzelnen Ländern sowie Preissprünge deuten für Mack klar in diese Richtung. Dabei sei Gelassenheit durchaus gerechtfertigt, die Felder müssten nur intensiver bewirtschaftet werden. Neben Dünger könnten dies bessere Saaten und ein verstärkter Pflanzenschutz bewirken, also die beiden Geschäftsfelder, die der Syngenta-Konzern hauptsächlich bearbeitet. Auch die Gentechnik erwähnt Mack in diesem Zusammenhang.

          „Es sind die Straßen und Brücken“

          Dem steht zum Beispiel die Sicht des von UN, Weltbank und EU geförderten Weltlandwirtschaftsrats entgegen, der behauptet, die Produktivitätssteigerung durch technologische Fortschritte sei an ihre Grenzen gestoßen. Mack kommt einer solchen Sichtweise insoweit entgegen, als er Verbesserungsbedarf auf vielen Gebieten sieht, zum Beispiel in den Maschinenparks, der Bewässerung und auch in der Behandlung der einzelnen Getreide- und Reissorten.

          Die Chancen der Gentechnologie sollten genutzt werden, sagt Michael Mack

          Wo ist der größte Engpass? Der Syngenta-Chef gibt eine überraschende Antwort: „Es sind die Straßen und Brücken.“ Mit anderen Worten: Vielerorts müsste die Infrastruktur mit großzügigen Investitionen verbessert werden, damit die Landwirte ihre verderbliche Ware schneller und mit weniger Transportverlusten auf die Weltmärkte bringen könnten. Das Potential für eine bessere Versorgung sei nämlich vorhanden. Mack führt als Beispiel Russland an. Nach seinen Worten ist die landwirtschaftliche Fläche dort dreimal so groß wie in Westeuropa. Die Produktivität betrage hingegen nur ein Drittel.

          „Die Europäer sind zu reich, um die Engpässe zu erkennen“

          Mit dem Ziel der Produktivitätssteigerung der Landwirtschaft treibt Syngenta seine eigenen Forschungsaktivitäten voran. In diesem Monat sind zusätzliche Einrichtungen in Stein am Rhein eingeweiht worden, vor wenigen Tagen wurde mit Peking ein weiterer Stützpunkt für die Biotechnologie angekündigt. Hiervon profitiert das Unternehmen sichtbar. Neue Produkte erzielten im Pflanzenschutz 2007 eine überproportionale Umsatzsteigerung von 20 Prozent auf 1,2 Milliarden Dollar und im ersten Quartal dieses Jahres sogar von 24 Prozent. Patentabläufe sind zugleich ein nicht so großes Problem wie zum Beispiel in der Pharmaindustrie. Auch der Umsatz von Syngenta beruht zu 50 bis 60 Prozent auf nicht patentgeschützten Produkten.

          Aber die Zukunft der Nahrungsmittelversorgung kann damit nicht gesichert werden. Mack verweist auf Prognosen, dass bis 2030 das Getreideangebot um rund 50 Prozent gesteigert werden müsse. Dies könne nur zum kleineren Teil durch eine Ausweitung der Anbauflächen geschehen. Der Vorstandsvorsitzende plädiert vielmehr entschlossen für den Einsatz der Gentechnologie in der Landwirtschaft – zur Bewältigung des Bevölkerungswachstums, zur Abdeckung des Futtermittelbedarfs für Schlachttiere angesichts steigenden Wohlstands und eines erhöhten Fleischkonsums in großen Schwellenländern sowie zur Befriedigung der Nachfrage nach Biokraftstoffen.

          Europa kann nach der Überzeugung von Mack diese Entwicklung nicht stoppen. Der amerikanische Manager warnt. „Die Europäer sind mit ihrer Kaufkraft zu reich, um die Engpässe schon jetzt wirklich zu erkennen. Aber vor allem in der Futtermittelversorgung der Viehzüchter werden die Probleme bald auf sie zukommen“, meint er. Tatsächlich bauen nach Branchenangaben rund um den Globus bereits zwölf Millionen Landwirte auf mehr als 114 Millionen Hektar gentechnisch veränderte Pflanzen an. Auf dem alten Kontinent sind es indes nur 100.000 Hektar. Mack redet den Europäern ins Gewissen: „Die weltweite Akzeptanz der Biotechnologie in der Landwirtschaft nimmt zu.“

          „Ansehnliche Absatzsteigerungen“

          Als Unternehmen steht Syngenta vor einem weiteren guten Geschäftsjahr. Die am Dienstag zur Generalversammlung vorgelegten Zahlen für das erste Quartal belegen dies: Zu konstanten Wechselkursen stieg der Umsatz, wie Anfang des Monats in Aussicht gestellt, um ein Fünftel. Im Pflanzenschutz betrug die Steigerungsrate 22 Prozent, im kleineren Saatgutgeschäft 13 Prozent. Daneben wirkte sich im Quartalsumsatz der Dollarrückgang aus, so dass der Konzern insgesamt um 28 Prozent auf 3,8 Milliarden Dollar zulegte. Dahinter standen „ansehnliche Absatzsteigerungen“, wie es in dem Zwischenbericht heißt. Ertragszahlen gibt Syngenta erst zum Halbjahr bekannt. Aber schon jetzt sagt Mack, dass, wo immer möglich, auch die Preise weiter erhöht würden. Im ersten Quartal konnte das Unternehmen seine Preise schon um durchschnittlich 3 Prozent anheben.

          2007 war für den Konzern bereits gut gelaufen. Bei einem Umsatzwachstum um 15 Prozent auf 9,2 Milliarden Dollar zog der Reingewinn vor Wertberichtigungen und Restrukturierungskosten um 27 Prozent auf 1,1 Milliarden Dollar an. Über die Dividende und Aktienrückkäufe erhielten die Aktionäre gut eine Milliarde Dollar. Ungefähr derselbe Betrag ist für 2008 in Aussicht gestellt worden. Mack schließt angesichts des weiterhin starken Wachstums von Syngenta einen höheren Betrag nicht aus. Vorderhand belässt er es allerdings bei der Formulierung: „Wir folgen dem Ansatz, die Dividenden im Gleichklang mit einem steigenden Ergebnis je Aktie zu erhöhen. Überschüssige Barmittel führen wir durch Aktienrückkäufe an unsere Aktionäre zurück.“ Darüber hinaus will sich Mack die Flexibilität für Akquisitionen erhalten. Er macht dabei einen klaren Unterschied. „Im Pflanzenschutz gehört unser Portfolio zu den besten der Branche“, formuliert er. Anders die Sparte Saatgut, die bisher gut ein Fünftel zum Gesamtumsatz beiträgt. Hier ist Syngenta nach Monsanto und Dupont zur Zeit der drittgrößte Anbieter auf der Welt, hier hegt Mack offenbar weiter gehende Ambitionen: „Im Saatgutgeschäft wollen wir auch extern wachsen. Die Tür steht offen.“

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