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Nach Debatte bei Google : Wie sexistisch ist das Silicon Valley?

Sie weiß, wie man Druck macht: Youtube-Chefin Susan Wojcicki Bild: Reuters

Google entlässt einen Programmierer nach umstrittenen Äußerungen über Frauen. Der Fall wird zum Politikum. Wie geht man im Silicon Valley mit den Vorwürfen um?

          7 Min.

          Damit hatte Eric Schmidt bestimmt nicht gerechnet: Der Verwaltungsratschef des Internetkonzerns Google nahm vor zwei Jahren an einer Podiumsdiskussion auf der Digitalkonferenz „South by Southwest“ im texanischen Austin teil. Neben ihm saßen Megan Smith, eine frühere Google-Managerin, die mittlerweile einen Posten in der amerikanischen Regierung angenommen hatte, sowie der Autor Walter Isaacson. Die Gruppe sprach unter anderem über die Notwendigkeit, die Präsenz von Frauen in der Technologiebranche zu steigern. Ganz am Ende meldete sich eine Frau aus dem Publikum zu Wort, und was sie sagte, klang erst unverfänglich. Sie wies auf Forschungsergebnisse hin, wonach Frauen häufiger beim Reden unterbrochen werden als Männer. Dann holte sie zur Attacke aus. Sie fragte Schmidt und Isaacson, ob ihnen eigentlich bewusst sei, dass sie Megan Smith in der vorangegangenen Diskussion viel öfter ins Wort gefallen seien als sich gegenseitig. Im Saal brandete begeisterter Applaus auf. Die beiden Männer auf der Bühne lächelten gequält, keiner von ihnen nahm zu der Frage Stellung. Für Eric Schmidt, der einen der mächtigsten Internetkonzerne der Welt repräsentierte, dürfte es ein unbehaglicher Moment gewesen sein. Ihm wurde von der Fragestellerin ein Spiegel vorgehalten und suggeriert, er verkörpere Voreingenommenheit gegenüber Frauen, wenn nicht sogar blanken Sexismus.

          Roland Lindner
          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Wie frauenfeindlich Google und andere Technologieunternehmen im kalifornischen Silicon Valley sind, ist in der vergangenen Woche abermals zum Gegenstand einer hitzigen Debatte geworden. James Damore, ein 28 Jahre alter Google-Mitarbeiter, hat auf einem internen Online-Portal des Unternehmens eine langatmige Abhandlung veröffentlicht, in der er auf Ursachensuche für den vergleichsweise niedrigen Anteil von Frauen in der Branche ging. Er argumentierte, dies erkläre sich nicht nur mit Diskriminierung und Voreingenommenheit, sondern auch mit „biologischen Differenzen“ zwischen den Geschlechtern. Er führte einige dieser vermeintlichen Unterschiede auf, etwa dass Frauen neurotischer seien als Männer, weniger anecken wollten und mehr „auf Gefühle und Ästhetik als Ideen ausgerichtet“ seien. Er beklagte sich über die verschiedenen Programme und Kurse, die Google rund um Förderung von Vielfalt („Diversity“) in der Belegschaft abhält, und nannte sie diskriminierend. Allgemein prangerte er eine „linksliberale Voreingenommenheit“ und eine „politisch korrekte Monokultur“ im Unternehmen an, die Andersdenkende zum Schweigen verdamme.

          Damores Text sorgte im Unternehmen für einen Aufruhr und sickerte an die Öffentlichkeit durch. Viele Google-Mitarbeiter waren empört und werteten das Manifest als sexistisch, manche machten ihrem Ärger auf Twitter Luft. Es entbrannte eine Diskussion, die Google und die ganze Technologiebranche an einem wunden Punkt traf. Die Unternehmen, die seit Jahren wegen ihrer geringen Frauenanteile in Erklärungsnot sind, beteuern regelmäßig, sie täten alles, um mehr Vielfalt ins Personal zu bringen. Damores Text aber könnte Zweifel an der Glaubwürdigkeit dieser Versuche wecken. Eine frühere Google-Mitarbeiterin fragte in einem Blogeintrag, was für eine Kultur wohl im Unternehmen herrschen müsse, wenn jemand meine, es sei akzeptabel, solche Ansichten zu verbreiten.

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