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DB Regio gegen Privatbahnen : „Die Ausschreibungswelle wird den Markt verstopfen“

  • Aktualisiert am

Wettbewerb auf Schienen: DB Regio und Abellio Bild: picture alliance / dpa

Die Hälfte des Schienenpersonennahverkehrs wird neu vergeben. Nicht für jede Strecke dürfte sich ein Bewerber finden. Ein F.A.Z.-Doppelinterview mit Frank Sennhenn, Vorstandsvorsitzender von DB Regio, und Bernard Kemper, Chef der Privatbahn Abellio.

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          Seit 15 Jahren gibt es Wettbewerb im Schienen-Regionalverkehr. Trotzdem kommt die Deutsche Bahn mit DB Regio immer noch auf einen Marktanteil von 78 Prozent. Woran liegt es?

          Sennhenn: Das Geschäft unterliegt sehr langfristigen Verkehrsverträgen. Der Wettbewerb kann ja immer nur dann in Bewegung kommen, wenn Altverträge auslaufen. Zugleich hat DB Regio in den bisherigen Neuausschreibungen allerdings auch ganz gut gepunktet.

          Wo wird sich der Marktanteil von DB Regio längerfristig einpendeln?

          Sennhenn: Wir hoffen in einer Zehnjahresperspektive auf etwa 70 Prozent, aber wir kalkulieren auch ein, dass es weniger werden könnte.

          Bernard Kemper
          Bernard Kemper : Bild: GGG

          Kemper: Für die Hälfte aller Verträge gibt es in den nächsten zwei, drei Jahren eine Neuausschreibung. Wir werden die Chance zur Erhöhung unserer Marktanteile nutzen.

          Was können die Wettbewerber besser als die DB?

          Kemper: Wir sind sicherlich flexibler und haben nicht den großen Overhead der Deutschen Bahn. Zudem haben wir eine andere Einstellung zu Service und Kunden. In den Befragungen zur Kundenzufriedenheit schneiden Privatbahnen in der Regel besser ab als die DB Regio.

          Sennhenn: Das ist heute nur noch zum Teil richtig. In einzelnen Regionen haben wir die Wettbewerber auch schon auf die zweiten und dritten Plätze verwiesen. Doch ohne Frage: Die Optimierung von Service und Kundenorientierung bleibt für uns eine wichtige Aufgabe. Dabei kommen wir voran, denken Sie nur an die 200 Millionen Euro, die wir jetzt in Sicherheit, Sauberkeit und Schadensfreiheit investieren.

          Die Konkurrenz fährt auf den Schienen der Bahn, bezieht ihren Strom von der Bahn und zahlt Bahnhofsgebühren an die Bahn. Ist so ein fairer Wettbewerb überhaupt möglich?

          Sennhenn: DB Regio zahlt ebenfalls für Infrastruktur, Energie und andere Leistungen der Konzerngesellschaften. Dieser Markt wird von der Bundesnetzagentur sorgfältig überwacht; die Zugangsbedingungen und Preise der Wettbewerber sind allesamt behördlich reguliert und genehmigt.

          Kemper: Das ändert nichts an der Diskriminierung der Wettbewerber. Denken Sie nur an die speziellen DB-Regio-Rabatte für Bahnstrom. Das kann bei Ausschreibungen, bei denen es um Centbeträge pro Zugkilometer geht, entscheidend sein. Die einzig richtige Lösung wäre die Trennung von Netz und Betrieb, um die Liberalisierung voranzubringen.

          Sennhenn: Dazu von meiner Seite nur ein Hinweis auf die Situation in Großbritannien. Dort gibt es aus gutem Grund eine Debatte darüber, Netz und Betrieb wieder enger zusammenzuführen, weil die Kosten eines gefahrenen Eisenbahnkilometers wesentlich höher sind als zum Beispiel in Deutschland.

          Der Bundesgerichtshof hat die Direktvergabe neuer Verkehrsaufträge weitgehend gekippt. Wird der Ausschreibungszwang den Wettbewerb beleben?

          Sennhenn: In der gegenwärtigen Situation lässt sich das so einfach nicht beantworten, denn uns erwartet in den kommenden fünf Jahren ohnehin eine Vergabewelle mit etwa 110 Ausschreibungsverfahren. Das ist eine Herausforderung, die der Markt unter den heutigen Bedingungen nicht ohne weiteres stemmen wird. Damit meine ich nicht nur die Eisenbahnen, sondern auch die Aufgabenträger, die die Verkehrsleistungen bestellen. Die Vergabewelle wird den Markt verstopfen und den Wettbewerb eher behindern.

          Kemper: Die Ausschreibungspflicht fördert den Wettbewerb, weil sie alte Strukturen aufbricht. Viele Verträge wären doch ohne die BGH-Entscheidung wieder an den früheren Anbieter gegangen. Aber es stimmt: Die Ausschreibungsflut wird uns allesamt vor riesige Probleme stellen.

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