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Bahn-Neujahrsempfang in Berlin : Ansturm auf Fernverkehrstickets übertrifft Erwartungen

  • Aktualisiert am

Bahnchef Richard Lutz warnt davor, Zeit und Energie auf Nebenschauplätzen zu vergeuden. Bild: dpa

In der aufkeimenden Debatte über die Struktur der Deutschen Bahn hat sich Bahn-Chef Richard Lutz eingeschaltet. Eine Strukturdebatte lenke vom eigentlich Wichtigem ab: An erster Stelle stehe die Zufriedenheit der Kunden.

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          Gut 25 Jahre nach der letzten Bahnreform wird die Struktur der Deutschen Bahn AG immer öfter in Frage gestellt. In der aufkeimenden Debatte stehen sich zwei Modelle diametral gegenüber: eine engere Anbindung des Staatsunternehmens an die Politik oder aber die Herauslösung des Schienennetzes aus dem Konzern und die Überführung in eine Gesellschaft des Bundes. Bahn-Chef Richard Lutz hat sich jetzt in die Diskussion eingeschaltet. „Wir brauchen keine neue Diskussion über die Trennung von Netz und Betrieb, die das System Eisenbahn auf Jahre hinaus belasten würde“, warnte Lutz am Dienstag auf dem Bahn-Neujahrsempfang in Berlin.

          Niemand dürfe „Zeit und Energie auf Nebenschauplätzen vergeuden“, am wichtigsten sei die Zufriedenheit der Kunden. „Was unseren Kunden nützt, ist nicht weniger, sondern mehr Zusammenarbeit zwischen Infrastruktur- und Verkehrsunternehmen“, sagte Lutz. Auf diesem Weg sieht er sich durch die neuen Pünktlichkeitswerte bestätigt: Im Januar kamen 84,3 Prozent der Fernzüge pünktlich an – eine Verbesserung um 5,2 Prozentpunkte gegenüber Dezember und um 8 Prozentpunkte gegenüber Januar 2019.

          Nach der Mehrwertsenkung auf Ferntickets meldet die Bahn einen Ansturm auf ICE- und IC-Züge: „Wir sehen eine stark gestiegene Nachfrage bei Fernverkehrstickets, die unsere Erwartungen deutlich übertrifft", sagte Lutz. Das liege zum einen an der Senkung der Mehrwertsteuer auf sieben von 19 Prozent, zum anderen wollten Reisende auch eine klimafreundliche Alternative zu Auto und Flugzeug.

          Zu wenig Geld für Regionalnetze

          Lutz betonte, die Bahn wolle die Kapazität der Infrastruktur erhöhen, ihre Flotte erweitern, mehr Personal einstellen und die Digitalisierung vorantreiben. „Das alles sind dicke Bretter. Bei diesen Kraftanstrengungen muss man sich gut überlegen, ob man gesellschaftsrechtliche Strukturen darüber hinaus noch anpacken will.“ Gleichzeitig versicherte Lutz, der Bahn-Vorstand werde sich „keinem Dialog verweigern“, wenn in der Politik über das Pro und Contra veränderter Rechtsformen und Satzungen diskutiert werde.

          Nach dem gescheiterten Börsengang ist die Deutsche Bahn in den vergangenen zehn Jahren immer näher an die Politik herangerückt – was sich auch an der Besetzung des Aufsichtsrats ablesen lässt. Jüngst hat der Bund zudem seine finanziellen Zuwendungen verstärkt: 86 Milliarden Euro für das Schienennetz bis 2030 und eine Kapitalerhöhung um 11 Milliarden Euro. Wettbewerber treibt die Sorge um, der Konzern könne das Geld für andere Zwecke als die Infrastruktur verwenden – oder aber vor allem nach ihren Prioritäten für Fernverkehrsstrecken und in Ballungszentren.

          Bahnunternehmen warnen, für die Regionalnetze bleibe zu wenig Geld übrig. Tobias Heinemann, Geschäftsführer von Transdev, leitet daraus die Forderung ab: „Infrastruktur ist Daseinsvorsorge. Netz und Bahnhöfe müssen aus dem Konzern herausgelöst werden und ohne Renditeerwartung vom Bund in einer Infrastrukturgesellschaft betrieben werden.“ Ebenso sehen das die Verbände Mofair und NEE, in denen sich die Bahn-Konkurrenten im Personen- und Güterverkehr zusammengeschlossen haben.

          Die Bundesregierung tickt anders: Union und SPD haben sich im Koalitionsvertrag darauf verständigt, in den Bahn-Satzungen volkswirtschaftliche Ziele wie die Steigerung des Marktanteils der Schiene festzuschreiben und die Vorstände darauf zu verpflichten. „Nicht die Maximierung des Gewinns, sondern eine sinnvolle Maximierung des Verkehrs auf der Schiene“ stehe für den Bund im Vordergrund, heißt es im Vertrag, der auch ein Bekenntnis zum „integrierten Konzern“ enthält. Vom CSU-Abgeordneten Ulrich Lange kommt derweil der Vorschlag, die Bahn in eine GmbH umzuwandeln. In einer GmbH kann der Gesellschafter der Geschäftsführung Weisungen erteilen. Damit würden die Einfluss- und Kontrollmöglichkeiten des Bundes gestärkt.

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