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Dax-Unternehmen : Chefjuristen schaffen es kaum noch in die Vorstandsetagen

Für die Ressorts Integrität und Recht bei der Volkswagen AG zuständig: Hiltrud Werner Bild: Imago

Vor zehn Jahren waren juristische Fachleute in vielen Vorständen gefragt. Heute bündeln selbst einige große Konzerne Rechtsfragen mit anderen Ressorts. Dabei kann eine enge Einbindung von Juristen durchaus von Vorteil sein.

          Was haben die Vorstände Hiltrud Werner (Volkswagen), Wolfgang Nickl (Bayer) und Karl von Rohr (Deutsche Bank) gemeinsam? Ihre Unternehmen sind hohen Rechtsrisiken ausgesetzt: Werner, von Februar 2017 an im Volkswagen-Konzen für Recht und Integrität zuständig, muss die vielen Rechtsstreitigkeiten in der Abgas-Affäre mit koordinieren. Nickl lässt sich über den Fortgang in den Glyphosat-Klagen von den Bayer-Anwälten berichten. Und der Deutsche-Bank-Vize-Chef von Rohr sieht sein Haus inmitten von Cum-Ex-Durchsuchungen und muss einen vermutlich anstehenden Personalabbau von rund 20.000 Arbeitsplätzen steuern. In diesen wichtigen strategischen, letztlich aber rechtlichen Fragen, vertrauen die drei Dax-Konzerne im Vorstand auf langjährig erfahrene Manager – formell findet sich in dem Führungsgremium aber kein Chefjurist wieder.

          Marcus Jung

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Damit sind Volkswagen, Bayer und Deutsche Bank im Dax und auch im Aktienindex der mittelgroßen Unternehmen (M-Dax) in bester Gesellschaft. Lediglich in 9 der 80 größten börsennotierten Unternehmen in Deutschland befasst sich der Leiter der Rechtsabteilung auch als formales Vorstandsmitglied mit den juristischen Fragen des Unternehmens. Dies geht aus einer Erhebung des global führenden Personalberater Korn Ferry hervor, der dafür die Internetseiten und die Geschäftsberichte der Unternehmen ausgewertet hat.

          Im Kreis der Dax-Konzerne verantworten lediglich bei Daimler, Deutscher Telekom, Fresenius, Lufthansa und Thyssen- Krupp die Chief Legal Officer auch das Rechts-Ressort auf Vorstandsebene. Die Studienergebnisse zeigen zudem, dass mehr als ein Drittel der Unternehmen nicht erkennbar ausweist, welches Vorstandsmitglied für Rechtsfragen verantwortlich ist – nach Informationen der F.A.Z. berichtet der Leiter der Rechtsabteilung von Bayer an Finanzvorstand Nickl.

          Häufig werden Kompromisse gemacht

          Für Peter Heuschen, bei Korn Ferry auf die Rekrutierung von Führungskräften in den Bereichen Legal, Risk und Compliance spezialisiert, ist das ein deutlicher Unterschied zu Konzernen aus dem angelsächsischen Raum. Dort sitzt der Chefjurist weitaus häufiger im obersten Führungsgremium. „Unternehmen, die ihren General Counsel im Vorstand verankern, senden ein deutliches Signal über die Relevanz von Legal und Compliance in der Unternehmensführung und damit auch in der Unternehmenskultur“, sagt Heuschen. Er wirbt für mehr Rechtsfachleute in Vorständen. Top-Juristen würden schließlich einen qualitativen, nicht nur einen quantitativen Blick hinsichtlich der wirtschaftlichen Risiken eines Unternehmens mit einbringen.

          Trotz der generellen Bedeutung für Unternehmen wird „Recht“ in deutschen Konzernen häufig mit anderen Zuständigkeiten, oft mit Personal, zusammengefasst. So geben die Autoren der Studie an, dass in 63 Prozent aller im Dax und M-Dax enthaltenen Unternehmen die Verantwortlichkeit für den Rechtsbereich einem Vorstand mit Mehrfach-Zuständigkeit zugeordnet ist.

          Juristen verlieren an Bedeutung

          So ist es auch derzeit noch im Fall von Thomas Kremer, im Vorstand der Deutschen Telekom zuständig für Datenschutz, Recht und Compliance. Der Jurist scheidet zum 31. März 2020 altersbedingt aus, seine Aufgaben übernimmt dann zusätzlich Personalvorständin Birgit Bohle. Die einst in vielen Vorständen dominanten Juristen verlieren an Boden und Bedeutung: Standen vor 10 Jahren vielen Chefjuristen noch die Türen für den Aufstieg offen – mehr als 13 Prozent aller Vorstände hatten seinerzeit Rechtswissenschaften studiert – waren es laut einer Umfrage im Jahr 2017 nur noch 3 Prozent aller neuen Dax-Vorstände.

          Auch wenn also im Großteil der Konzerne der Chefjurist keinen Platz mehr am Tisch im obersten Führungsgremium hat, spricht sich Heuschen für eine besonders enge Anbindung an den Vorstand aus. Dazu gehöre, den Leiter der Rechtsabteilung so früh wie möglich in Entscheidungen mit einzubeziehen, damit dieser rechtliche Risiken und Chancen im Vorfeld beleuchten könne, sagt Heuschen - „damit er nicht mit vollendeten Tatsachen konfrontiert wird.“ Denn die Realität in vielen Unternehmen sehe so aus: „Erst wird das Produkt entwickelt, das Marketing geplant oder ein wichtiger Vertrag ausgehandelt – und im Anschluss der Jurist herangezogen, um es möglichst rechtssicher zu verpacken.“

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