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Dauerstreit : Media-Saturn soll verkauft oder geteilt werden

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Kaufen und zugreifen will Media-Saturn-Minderheitsgesellschafter Kellerhals – allein Mehrheitseigner Metro ziert sich bislang. Bild: dpa

Um die Zukunft der Media-Saturn-Holding tobt ein emotionaler Dauerstreit. Jetzt plädieren die Minderheitsgesellschafter für mehr Sachlichkeit. Woran sie nun basteln.

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          Im bisher sehr emotional geführten Dauerstreit um das Sagen und um die operative Ausrichtung beim Ingolstädter Elektronikhändler Media-Saturn-Holding (MSH) tritt die Seite des Minderheitsgesellschafters Erich Kellerhals mit neuen Vorschlägen an den Mehrheitsgesellschafter Metro heran. Man sei bereit, dem Düsseldorfer Handelskonzern die etwas mehr als 78 Prozent ausmachende MSH-Beteiligung abzukaufen, kündigte Ralph Becker, Geschäftsführer der Convergenta Invest GmbH, im Gespräch mit dieser Zeitung an.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

          Über diese Gesellschaft hält das Family Office der Mediamarkt-Gründerfamilie Kellerhals ihren exakt 21,67 Prozent umfassenden Anteil an Media-Saturn. Zwar gab es schon früher vage Äußerungen in diese Richtung. Inzwischen habe man aber zwei im Einzelhandel erfahrene Finanzpartner im Boot, so dass die Gespräche heute sehr viel konkreter und zielführender geführt werden könnten als in der Vergangenheit. Entsprechende Gespräche habe man in Düsseldorf inzwischen auch angemeldet. Offenbar hat der Metro-Vorstandsvorsitzende Olaf Koch mit jüngsten Äußerungen bei Convergenta in ein Wespennest gestochen. Auf die Frage, ob er womöglich das Geld aus dem Kaufhof-Verkauf dazu nutzen werde, um zur Beendung des Gesellschafterstreits Kellerhals ein Angebot für dessen Anteile zu unterbreiten, hatte dieser von einer „schönen Idee“ gesprochen.

          Es ergebe keinen Sinn, diese „schöne Idee“ weiterzuverfolgen, kontert Becker jetzt. „Die Beteiligung der Convergenta ist nicht verkäuflich.“ In der Vergangenheit hatte die Seite von Kellerhals schon Lösungen wie ein Spin-off, also eine Abspaltung von MSH vom Metro-Konzern vorgeschlagen. Als neue Variante neben Kauf oder Abspaltung bringt Convergenta-Geschäftsführer Becker im Gespräch überdies ein weitere mögliche Lösung ins Spiel, nämlich eine Realteilung, eine Teilung des Vermögens etwa nach Ländern.

          Vorwürfe an der Tagesordnung

          „Wenn eine Ehe nicht mehr funktioniert, muss man über eine Trennung nachdenken“, sagt Becker. Im Falle einer gemeinsamen Offerte mit den nicht näher genannten Finanzinvestoren würde die Familie Kellerhals ihre Anteile voraussichtlich sogar aufstocken, kündigt Becker an. Das Modell wäre damit nicht ganz dem Vorgehen der Unternehmerfamilie Kreke vergleichbar, die bei der gemeinsam mit dem Finanzinvestor Advent erfolgten Übernahme des Douglas-Konzerns ihren Anteil leicht zurückgeführt hatte. Der 75 Jahre alte Selfmademan Kellerhals und die Mehrheitsgesellschafterin Metro liefern sich seit mehr als vier Jahren einen Machtkampf um das Sagen bei Europas größtem Elektronikfachhändler.

          Gegenseitige Vorwürfe sind dabei ebenso an der Tagesordnung wie juristische Auseinandersetzungen. Auch Gespräche zwischen Kellerhals und Vertretern des Familienunternehmens Haniel als Hauptaktionär der Metro haben in der Vergangenheit nicht gefruchtet. Ausgelöst worden ist die Dauerfehde seinerzeit von Eckhard Cordes, dem Vorgänger des heutigen Metro-Chefs Olaf Koch. Er schuf damals einen in der Satzung grundsätzlich erlaubten Beirat, in dem wichtige Unternehmensentscheidungen mit einfacher Mehrheit getroffen werden können. Cordes stieß sich an den weitreichenden Veto- und Mitspracherechten, die Kellerhals trotz seines unterhalb der üblichen Sperrminorität liegenden Anteils von knapp 22 Prozent über die Gesellschafterversammlung zugesichert worden waren.

          Einig sind sich beide Seiten indes längst darin, dass der Gesellschafterstreit für das operative Geschäft der mit der Konkurrenz starker Onlinehändler wie Amazon kämpfenden Handelsgruppe alles andere als förderlich ist. So regt die Convergenta-Geschäftsführung jetzt an, die bisher zwischen dem Mediamarkt-Gründer und Organen der Metro völlig ergebnislos geführten Gespräche auf einer operativeren Ebene und damit sachorientierteren Basis weiterzuführen. Dazu bietet sie sich auch selbst an.

          Offen für professionellen Mediationsprozess

          „Wir sind jederzeit dazu bereit, über die strategischen Zielsetzungen zu sprechen und gemeinsam die Leitplanken für das Unternehmen zu definieren“, sagen der für Recht und Steuern zuständige Geschäftsführer Becker und sein für die operativen Angelegenheiten verantwortlicher Kollege Henry Jaeger. Auch einem professionellen Mediationsprozess stehe man offen gegenüber, wenn ein geeigneter Mediator für diese Rolle gefunden würde. „Wenn Metro das als zielführende Lösung ansieht, sind wir gesprächsbereit“, macht die Geschäftsführung den Wunsch nach der Rückkehr auf die Sachebene deutlich.

          Allerdings scheinen die Streithähne bei wichtigen strategischen Ansätzen für das Unternehmen diametrale Auffassungen zu vertreten. Während Metro beispielsweise mit Blick auf die Preisgestaltung im Internetzeitalter zentralere Strukturen bevorzugt, plädiert Convergenta für eine dezentrale Führung und spricht sich für mehr Unternehmertum in den einzelnen Märkten aus. Man sei auch nie gegen den erforderlichen Einstieg in den Onlinehandel gewesen, betont Jaeger. Allerdings müssten Übernahmen solcher Internethändler auch passen und wichtiges Knowhow mitbringen, über das MSH für Online nach seiner Meinung bisher nicht verfügt. Krach gab er zuletzt um den Kauf der recht kleinen Internetplattform iBood, die das Media-Saturn-Management ohne vorherige Involvierung der Gesellschafterversammlung erworben hat.

          Über ihr umfassendes Mitspracherecht möchten die Minderheitsgesellschafter ihre eigenen Handelskompetenzen und strategischen Vorstellungen einbringen, wie sie hervorheben. Vor diesem Hintergrund tut sich längst ein weiteres ernstes Problem in Ingolstadt auf. Denn seit dem plötzlichen Abgang des MSH-Chefs Horst Norberg im vergangenen Jahr ist die oberste Führungsspitze unbesetzt. Der Metro-Konzern hatte zwar seinerzeit sein Vorstandsmitglied Pieter Haas interimistisch als stellvertretenden Geschäftsführungsvorsitzenden nach Ingolstadt entsandt. Aber nun läuft eine bisher erfolglose, offenbar äußerst schwierige Suche nach einem Norberg-Nachfolger. Denn es wird über Stellenprofil und Kompetenzen des künftigen CEO gestritten: Die Vertreter des Mediamarkt-Gründers wollen den klassischen GmbH-Geschäftsführer, „der im Rahmen einer klar definierten Strategie und eines eindeutigen Katalogs zustimmungspflichtiger Geschäfte der Gesellschafterversammlung operativ entscheiden darf und damit vergleichbare Befugnisse wie andere GmbH-Geschäftsführer von Unternehmen dieser Größe hat“, wie Becker formuliert.

          „Kopf- und Führungslosigkeit“ befürchtet

          Metro möchte sich zwar nicht zu internen Personalthemen äußern. Grundsätzlich vertritt der Konzern nach den Worten eines Sprechers aber die Philosophie, dass das operative Geschäft und die strategischen Weichenstellungen eines großen Unternehmens wesentlich von den Menschen gestaltet werden sollten, die Expertise haben und auch für die Umsetzung verantwortlich sind – nämlich die Geschäftsführung selbst, und damit nicht die Eigentümer oder Gesellschafter. Die MSH-Gruppe macht mit rund 65000 Mitarbeitern rund 21 Milliarden Euro Umsatz und ist in fünfzehn europäischen Ländern vertreten.

          Sollten sich die Parteien nicht bald einigen, fürchtet er eine „Kopf-und Führungslosigkeit“, zumal auch Verträge weiterer Geschäftsführer bisher nicht verlängert wurden, weil dies der Zustimmung beider Gesellschafter bedarf. Convergenta hatte versucht, Haas mit einer Klage vor dem Landgericht Ingolstadt von seinem Interimsamt abzuberufen. Diese wurde aber im Frühjahr abgewiesen, weil aus Sicht der zuständigen Kammer keine relevanten Pflichtverstöße vorlagen. Gegen den Spruch wurde inzwischen Berufung eingelegt, wie Convergenta dieser Zeitung bestätigte.

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