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Das Unternehmergespräch: Sennheiser : "Wir müssen weg von der Alleinherrschaft"

Vier Jahre soll der Abnabelungsprozess dauern, danach will sich Jörg Sennheiser aus dem Geschäft der Firma heraushalten. „Mit 70 Jahren ziehe ich mich zurück“, verspricht er. Bild: Pilar, Daniel

Seit 20 Jahren gibt Jörg Sennheiser den Ton an. Schweren Herzens leitet er nun den Generationswechsel ein.

          Was für eine überflüssige Frage! Jörg Sennheiser, Aufsichtsratsvorsitzender des gleichnamigen Familienunternehmens, winkt gelangweilt ab. "Selbstverständlich gibt es Übernahme-Angebote, sogar mehrere jeden Monat", sagt er. Der Sohn des Unternehmensgründers stockt kurz, lächelt und schiebt ein lang gedehntes "ja-jaaa" hinterher. Sein Tonfall macht klar: Die Interessenten können sich die Telefongebühren sparen. Er will nicht verkaufen. Niemals. Der Mikrofon- und Kopfhörerhersteller aus der Wedemark nahe Hannover soll vielmehr so lange wie möglich im Familienbesitz bleiben.

          Abschreckende Beispiele gibt es reichlich

          Christoph Schäfer

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Um das abzusichern, hat Jörg Sennheiser in den vergangenen zwei Jahren viele Gespräche geführt. Der 66 Jahre alte Haupteigentümer redete mit den anderen vier Gesellschaftern der Firma, seiner Schwester Karin und seinen drei Kindern Daniel, Andreas und Alannah. Er zog versierte Juristen zu Rate und erkundigte sich bei anderen Familienunternehmern, wie sie den Übergang auf die nächste Generation vollzogen haben.

          Abschreckende Beispiele dürfte Sennheiser bei seinen Recherchen leicht gefunden haben: Im Konflikt ums unternehmerische Erbe hat sich die Verlegerfamilie Neven DuMont ebenso verkracht wie die Bankiersfamilie Finck. Die Tchibo-Erben sind genauso zerstritten wie die Familienstämme Peek und Cloppenburg oder der Getränkeclan Berentzen. Die Bahlsen-Erben stritten sich sogar so heftig, dass der Keks-Konzern geteilt werden musste.

          Regelwerk mit offener Flanke

          Damit ihm der Generationswechsel besser gelingt, hat sich Jörg Sennheiser mit seiner Familie vor Kurzem auf eine 25 Seiten starke Charta geeinigt. Ihr Kernziel ist es, den Betrieb als Familienunternehmen zu erhalten. In der Charta finden sich weiche Passagen, die den Angehörigen Werte wie Fairness und Vertrauen ans Herz legen. Es gibt aber auch Regeln für den unangenehmsten Fall. Falls ein Gesellschafter aussteigen will und Geld sehen möchte, haben die übrigen Familienmitglieder ein Vorkaufsrecht. Den Wert der Anteile sollen Wirtschaftsprüfer nach einem festgelegten Verfahren ermitteln. "Es ist so ausgestaltet, dass sich ein Verkauf der Anteile nicht rentiert", sagt Sennheiser. Wenn sich die Parteien nicht einigen, müsse am Ende der Präsident der Industrie- und Handelskammer in Hannover als Schlichter entscheiden.

          Die vereinbarten Regeln klingen scharf, sie sind es aber nicht. Vielmehr hat die Charta eine weit offene Flanke: Sie setzt ausschließlich auf das Prinzip der Freiwilligkeit. Am Anfang habe er versucht, die Charta juristisch bindend zu machen, erklärt Sennheiser. Doch seine Juristen rieten ab. Ein verbindliches Dokument hätte auch Ansprüche festgeschrieben, sagt er. "Das wäre der Anfang vom Familienkrieg gewesen."

          „Die Leistung zählt, nicht die Herkunft“

          Die Familie, das merkt man schnell, liegt dem Unternehmer sehr am Herzen. Ein Mal im Jahr gibt es einen Familientag, an dem alle Sennheisers mit ihren Ehepartnern und Kindern teilnehmen. Im vergangenen Jahr ging es zum Wandern auf den Pfänder am Bodensee. Deutlich zu sehen ist auch der Stolz, mit dem der Vater auf seine Söhne blickt, wenn sie in der Nähe sind. Gerne erzählt er, dass Daniel und Andreas im März 2008 in den Betrieb eingetreten sind. Anfang dieses Jahres hat sie der Senior ins Team der Geschäftsführer geholt. Daniel ist seitdem für die Strategie und die Finanzen verantwortlich, sein jüngerer Bruder Andreas leitet die Werke, die Logistik und den operativen Einkauf. "Es ist schon ein Unterschied, wenn ein Sennheiser draufschaut und die Mitarbeiter das auch wissen", sagt der Vater.

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