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Junggesellenabschiede : Das organisierte Erbrechen

  • -Aktualisiert am

„So gut wie immer sind Alkohol und Frauen im Spiel“, sagt der Geschäftsführer einer Agentur. Bild: Picture Press/Ben Cawthra / eyev

Junggesellenabschiede werden immer beliebter. Für Agenturen sind sie ein gutes Geschäft. Hinsichtlich der Vorlieben von Frauen und Männern stellen sie große Unterschiede fest.

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          Männer im Tutu, im Dirndl, in Sträflingsuniform oder in flauschigen Tierkostümen; Frauen, verkleidet als Prinzessin oder Fee, mit Schärpe und Schleier, begleitet von angeheiterten Freunden in gleichen Kostümen oder einheitlichen Motto-T-Shirts: Ist schon wieder Karneval? Nein, es handelt sich um Junggesellenabschiede.

          Oft sind Junggesellin oder Junggeselle noch ausgestattet mit einem Bauchladen, der gefüllt ist mit Schnapsfläschchen, Kondomen, Wunderkerzen oder Plastikrosen. Manchmal müssen die angehenden Brautleute peinliche Aufgaben erfüllen.

          Der Junggesellenabschied in dieser Form ist nach Angaben der Kulturanthropologin Andrea Graf vom LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte in Bonn ein relativ junger Vorhochzeitsbrauch. Er komme vor allem aus den angelsächsischen Ländern und sei seit Ende der neunziger Jahre auch in Deutschland zu beobachten.

          Seinen Ursprung soll er in der griechischen Antike haben: Heiratete ein Spartaner, prüften ihn die Eltern der Braut auf Ehetauglichkeit. Die engen Freunde spielten eine wichtige Rolle, denn sie sollten den Bräutigam auf die Ehe vorbereiten.

          Immer mehr Alkoholexzesse

          Heute gehen die Paare geschlechtergetrennt mit ihren engsten Freunden noch einmal aus, um ihren „letzten Tag in Freiheit“ zu genießen. Seit den achtziger Jahren wurden die Abschiede Andrea Graf zufolge immer mehr zu Alkoholexzessen, und es ließ sich eine Tendenz zur Sexualisierung beobachten. Typische Programmpunkte seien seitdem Kneipentouren und der abschließende Besuch einer Stripbar.

          Mittlerweile habe der Junggesellenabschied den Polterabend abgelöst. Der Regensburger Kulturwissenschaftler Gunther Hirschfelder erklärt das mit der gesunkenen Einbindung der Menschen in ihre lokale Gemeinschaft. Außerdem passe der Abschied zur heutigen Event- und Partykultur. Hinzu komme, dass die „Smartphone-Generation“ besondere Erlebnisse suche, die sie fotografieren, erzählen und posten könne.

          Junggesellenabschiede sind auch ein Geschäft. Eine ganze Branche ist laut Graf entstanden: von Agenturen, die Junggesellenabschiede organisieren, bis hin zu Anbietern von Accessoires, die Motto-T-Shirts, Schärpe und Krönchen anbieten. Zu den Pionieren unter den Agenturen gehört Pissup, 2001 in Großbritannien von Mark Robertson und Neil Smith gegründet.

          Geführte Kneipentouren

          „Damit zählt Pissup zu den ersten professionellen Reiseagenturen für Junggesellenabschiede“, sagt Patrick Burmeier, Senior Manager für Kommunikation und Marketing von Pissup. „Damals etablierten sich die Billigflieger, mit denen es einfach war, für ein Wochenende von London nach Budapest und in andere osteuropäische Zielorte zu fliegen.“

          Seit 2007 führen Mads Thorsdal und Rasmus Christiansen aus Dänemark Pissup. Die Marke gehört nun zu einem internationalen Unternehmen mit dem Namen Custom Tours GmbH, das in Massagno in der Schweiz sitzt. Pissup ist nach eigenen Angaben der größte Anbieter im deutschsprachigen Raum.

          Man kümmert sich um die Organisation eines Junggesellenabschieds, vom Transport und Hotel bis hin zum eigentlichen Tag und Abend. Am beliebtesten waren im vergangenen Jahr laut Burmeier geführte Kneipentouren: Man besucht möglichst viele Kneipen und trinkt in jeder mindestens ein Bier.

          Schießen mit Kalaschnikows

          Sehr beliebt sei auch das Schießen, zum Beispiel mit Pistolen und Schrotflinten. „In Osteuropa sind vor allem die Kalaschnikow und andere Maschinengewehre beliebt.“ Ebenfalls oben auf der Beliebtheitsskala stehen Stripshows. Gebucht werden kann eine solche Show in einer Limousine, auf dem Hotelzimmer, in einem Club oder während des Essens. „So gut wie immer sind Alkohol und Frauen im Spiel“, berichtet Christiansen.

          Aber auch sportliche Aktivitäten wie Paintball, Gocart- oder Quadfahren fänden immer mehr Anhänger. Das am meisten nachgefragte Paket heißt „Prag: der Klassiker. Pub Crawl & Strip“ und kostet je nach Unterkunft zwischen 119 und 195 Euro ohne Anreise. In Köln kostet die Partynacht zwischen 135 und 165 Euro – mit Strip in einer Hummer-Limousine, Besuch in einem Stripclub inklusive Getränkeflatrate und zum Abschluss sexy Zimmermädchen.

          90 Prozent der Kunden seien männlich, sagt Burmeier. Männer seien bereit, doppelt so viel auszugeben wie Frauen. Aber auch der Markt für Junggesellinnenabschiede wächst. 2014 entstand in Berlin Chamica, eine Marke, die wie Pissup zu Custom Tours gehört. „Frauen zeigen sich kreativer als Männer und legen mehr Wert auf Individualität“, sagt Burmeier.

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