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Junggesellenabschiede : Das organisierte Erbrechen

  • -Aktualisiert am

Frauen gehen in Luxushotels

Eines der Chamica-Angebote verspricht „volle Verwöhnung im 4-Sterne-Luxushotel“ sowie ein Barguide für vier Stunden, mit dem die „hippsten Bars“ in Barcelona aufgesucht werden; es kostet 330 Euro. Nach Burmeier bevorzugen Frauen Wellnessangebote und Shoppingtouren.

Pissup und Chamica sind nach Aussage von Burmeier deutscher und skandinavischer Marktführer, die Nummer zwei in Frankreich und die Nummer fünf in Großbritannien. Etwa 10 bis 20 Prozent der Deutschen nähmen für die Organisation des Junggesellenabschieds die Hilfe von Agenturen in Anspruch. Man schätze, dass 80 Prozent der Brautpaare inzwischen einen Junggesellenabschied feierten.

Mit Pissup sind im vergangenen Jahr nach eigenen Angaben rund 30 000 Kunden verreist, etwa 20 000 kamen aus Deutschland. Fast 90 Prozent hätten im Ausland gefeiert, vor allem in Prag, Amsterdam, Budapest und Bratislava. Die meisten Gruppen gäben etwa 300 bis 400 Euro je Kopf aus, im Inland seien es 150 bis 300 Euro.

Lieber nichts Peinliches

Die Wunderwerkstadt UG in Berlin spezialisiert sich seit 2008 nach Aussage der Inhaberin Linda Bollenberg auf die Organisation von Junggesellenabschieden, die den „Fokus weg vom Bauchladen hin zum schönen Event legen“. Man tue nichts, was Braut oder Bräutigam im Nachhinein unangenehm sei.

Bollenberg gibt ein Beispiel: Freunde hätten dem Bräutigam eine Baggerfahrt ermöglicht, weil der angehende Bauingenieur noch nie auf einem Bagger gesessen habe. Die Agentur organisiert im Jahr rund 300 möglichst individuelle Junggesellenabschiede. „Wer bei uns bucht, gibt meist zwischen 70 und 200 Euro je Person aus.“ Der Renner seien Bootstouren und Floßfahrten in Kombination mit Stripevents.

Frauen wünschten sich oft ein professionelles Fotoshooting, Männer viel Action. Laut Bollenberg gibt es einen Trend zum Außergewöhnlichen, und der Druck auf die Trauzeugen, das zu liefern, sei enorm. Mit den Junggesellenabschieden hat die Agentur 2017 rund 125 000 Euro erlöst.

Geschlechter-Klischees stimmen

Für Lingoevents in Offenbach sind Junggesellenabschiede nach Aussage des Geschäftsführers Carsten Sallmann mit einem Anteil von 80 Prozent das Hauptgeschäftsfeld. Rund 1500 Gruppen buchten im Jahr, die Nachfrage steige stetig. Die Agentur bietet auch Sprachreisen, Bildungsurlaube und Firmenveranstaltungen an. Im vergangenen Jahr lag der Umsatz bei 1,2 Millionen Euro.

Man sei einer der großen Anbieter für Junggesellenabschiede in Deutschland; inzwischen habe die Agentur 17 Mitarbeiter. Gefragt sind Berlin, Hamburg, München, Köln und Düsseldorf, im Ausland Amsterdam, Mallorca und Prag. Nach Sallmanns Aussage lag der Anteil der Frauen auf Männer treffe das Klischee Alkohol, Steak und Strip zu.

In Großbritannien ist laut Burmeier der Markt viel größer. „Dort wird rund die Hälfte aller Junggesellenabschiede über Agenturen organisiert.“ Auch in Frankreich gebe es inzwischen einen Markt. „In den vergangenen zwei Jahren hatten wir jeweils ein Wachstum von knapp 50 Prozent.“ Der Umsatz in Deutschland liege im einstelligen Millionenbereich.

Gastwirte wehren sich

Inzwischen gibt es in manchen Städten Initiativen gegen die Junggesellentouren. „Aber wir unterscheiden uns von den privat organisierten Touren. Bei allem Spaß achten wir darauf, dass nichts aus dem Ruder läuft“, behauptet Pissup-Geschäftsführer Christiansen. Dass aber auch einmal über die Stränge geschlagen werde, finde er andererseits völlig legitim. „Genau genommen, geht ja auch der mit einem Augenzwinkern gewählte Name unserer Agentur Pissup (englisch für Besäufnis) auf diese Angewohnheit zurück.“

Vor allem in Regensburg sind Junggesellenabschiede nicht mehr in allen Gaststätten willkommen. Martin Stein, Gastwirt der Kneipe „Wunderbar“ hat eine Initiative gegründet, die sich „Gegen das organisierte Erbrechen“ nennt. Ihr haben sich vierzehn weitere Bars, Kneipen und Cafés angeschlossen. Mit einem Aufkleber an der Tür signalisieren die Gastwirte, dass Junggesellenabschiedsgruppen nicht erwünscht sind.

„Über die Jahre ist aus einem letzten Aufbäumen vor der Ehe eine Olympiade der Peinlichkeiten, der Aggressionen und der Zerstörungswut geworden“, findet Stein. Die Einbußen an Umsatz durch den Bann seien nicht groß. „Es ist ja so, die kommen rein und haben dann zum Teil ihre eigenen Getränke dabei.“ Und sie vertrieben jeden normalen Gast.

Der Artikel stammt aus dem Schülerprojekt „Jugend und Wirtschaft“, das die F.A.Z. gemeinsam mit dem Bundesverband deutscher Banken veranstaltet.

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