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Das Geld geht aus : Der Nano allein wird Tata nicht retten

Nano statt Motorrad - das ist die Philosophie von Ratan Tata Bild: AFP

Während Autobauer rund um die Welt auf Halde produzieren, präsentiert Tata mit großer Geste den Verkaufssart des Billigautos Nano. So viel Ansturm erwartet man, dass die ersten Wagen verlost werden sollen. Jenseits der schillernden Vorstellung aber kämpft Tata mit Pech und Pannen - nicht nur beim Nano.

          Es gehört Glück dazu, ab Sommer das billigste Auto der Welt zu besitzen. Denn während der Rest der Branche rund um die Welt auf Halde produziert, wird der Tata Nano in Indien unter Kaufwilligen verlost. „Ein Computer wird unter den Bewerbern die ersten 100.000 auswählen“, kündigte Ratan Tata, der Vorsitzende des Verwaltungsrates von Indiens größtem Konglomerat, an diesem Montag in Bombay (Mumbai) an.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Der Kurs der Aktie von Tata Motors Ltd. gewann währenddessen an der Börse gut 8 Prozent - mehr, als bislang insgesamt in diesem Jahr. Nur: So gefeiert der Kleinwagen auch ist, seinem Hersteller wird der Kleine kaum aus der Patsche helfen. Mit der Markteinführung des indischen Minis soll für den Tata-Konzern ein neues Kapitel beginnen. Denn Finanzkrise und Expansionsstrategie haben tiefe Kratzer in der Bilanz hinterlassen. An der in Indien bejubelten Übernahme der Marken Jaguar und Rover von den ehemaligen britischen Kolonialherren für 2,3 Milliarden Dollar vor genau einem Jahr hat sich Tata fast verhoben. Und der Nano konnte nicht, wie geplant, im vergangenen Herbst auf die Straße gebracht werden, sondern wird erst im Juli kommen. Denn ausgerechnet das Vorzeigeprojekt der indischen Automobilindustrie wurden Opfer von politischen Querelen, die zum Schließen des gerade für 300 Millionen Dollar fertiggestellten Werkes in Westbengalen und zum Umzug der Fabrik nach Sanand in Gujarat führten - sie aber wird erst Ende des Jahres fertig. Als reichte das nicht, folgte Ende November vergangenen Jahres der Terroranschlag auf das altehrwüdige Taj-Hotel, Wahrzeichen des Subkontinents wie auch des Konzerns.

          „Ein bezahlbares Fahrzeug für jedes Wetter“

          Noch zeichnen die schwarzen Brandspuren den wuchtigen Granit der Mauern. Doch wo, wenn nicht im Taj-Hotel hätte Tata nun den Neuanfang ausrufen sollen? Von der Untergangsstimmung war bei Tata am Montag wenig zu spüren: „Wir sind überwältigt von dem Aufsehen für den Nano. Wir wollten nicht mehr, als indischen Familien ein bezahlbares Fahrzeug für jedes Wetter bereit zu stellen“, stapelte der 71 Jahre alte Tata tief. Um es zu erhalten, müssen sich die Inder innerhalb von zwei Wochen ab dem 9. April bei 30.000 Filialen von Tata-Unternehmen, Banken oder im Internet anmelden. Wer ausgelost wird, muss 2999 Rupien (43,15 Euro) anzahlen. Auf mittlere Sicht will Tata den Nano auch in Amerika und Europa anbieten.

          Stolz präsentiert der Unternehmenschef sein Billigauto

          Alle warmen Worte der heutigen Festveranstaltung aber können die Probleme nicht überdecken. Denn schon morgen wird Tata wieder um Geld kämpfen müssen. Der Nano wird dabei kaum helfen. Statt geplanter 250.000 können solange nur 50.000 Einheiten gefertigt werden, bis das Werk in Gujarat fertig sein wird. 350.000 Einheiten aber müssten das Band verlassen, bevor der Nano in die Gewinnzone fährt, schätzen Analysten. „Wir werden mit dem Nano Gewinne machen, mehr sage ich nicht“, wehrte Tata alle Fragen am Montag ab.

          Dass Tata Motors das Geld ausgeht - darauf deuten einige Zahlen hin. Im letzten Quartal wies der Hersteller erstmals seit sieben Jahren einen Verlust aus. 11 Prozent Zinsen mussten die Inder inzwischen für eine dreijährige Anleihe zahlen. Ihre Barmittel sollen nur noch bei 100 Millionen Dollar liegen. Im Juni aber wird ein Kredit über 2 Milliarden Dollar fällig werden, den Tata für den Kauf von Jaguar und Land-Rover aufgenommen hat. Dabei steigen seine Zinsen für jeden weiteren Kredit: Denn die Ratingagenturen haben Tata schon herabgestuft. Der Börsenwert der Tochtergesellschaften hat sich in Jahresfrist auf rund 25 Milliarden Dollar halbiert.

          Für die Zulieferer ein zweischneidiges Schwert

          Auch für die Zulieferer ist der Tata Nano ein zweischneidiges Schwert. Denn einerseits sind auch BASF, Behr, Bosch, Conti, Mahle, Freudenberg oder ZF durchaus stolz, Elektronik, Reifen, Plastikteile und Lacke zum Vorzeigeprojekt beizusteuern. Andererseits aber fürchten sie, dass nun andere Auftraggeber die Preise abermals drücken, seien die Tata-Lieferanten doch in der Lage, zum Billigpreis zu produzieren. Denn viele der technischen Innovationen gehen auf die Entwicklungsarbeit der Zulieferer zurück. Auch die abermaligen Verzögerungen des Baus einer neuen Fabrik stören: So kann BASF bis heute nicht verkünden, als Systemlieferant für den gesamten Lackierprozess des innovativen Kleinstwagen verantwortlich zu sein.

          Ab 120.000 Rupien (1726,50 Euro) einschließlich der - von der Regierung inzwischen gesenkten Steuern - soll der Nano nun an den Markt kommen. Zwei weitere Versionen mit Klimaanlage und mehr Elektronik kosten Aufpreis. Diese Preise aber sind nur dadurch zu erzielen, dass ein Arbeitsplatz in der Tatafabrik Unternehmensangaben zufolge gerade einmal 150.000 Rupien (2158 Euro) kostet - im Jahr.

          Nano statt Motorrad

          In der Erwartung des Ansturms dürfe Tata Recht behalten. Trotz der Wachstumsrate der indischen Wirtschaft von mehr als 7 Prozent in den vergangenen Jahren werden in Indien immer noch knapp sieben Motorräder verkauft, bevor ein einziges Auto an den Mann gebracht wird. Nach dem „katastrophalen Einbruch“ im vergangenen Jahr trieben die Konjunkturhilfen der Regierung den Automobilabsatz in Indien im Februar aber um 22 Prozent im Vergleich zum Vorjahr in die Höhe, der März soll noch besser werden.

          Wenn die wachsende indische Mittelschicht auf vier Räder umsteigt, dann werden es schon aufgrund der katastrophalen Infrastruktur der Städte nur Kleinstwagen sein können. Deshalb wollen andere Hersteller den Weg Tatas so schnell wie möglich kopieren. Nissan, der indischen Marktführer Suzuki-Maruti, Hyundai und Renault basteln eifrig an Billig-Autos für den Subkontinent. Volkswagen, das mit dem „Up!“ einen Kleinwagen für die Schwellenländer entwickelt, eröffnet am nächsten Dienstag seine Fabrik im indischen Pune, vor den Toren Bombays. Der Wunsch des dortigen Chefs ist es natürlich, den Kleinwagen in Indien zu bauen. Die Branche also tut ihr bestes, die Krise in Indien zu verdecken.

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