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Corona-Krise : Das Buch verliert eine Million Leser

In der Corona-Krise ging es erheblich nach unten, nun schaut die Buchbranche wieder nach vorne. Bild: dpa

Seit der Wiederöffnung der stationären Geschäfte kämpft sich die Buch-Branche mühsam aus der Krise. Vom E-Book hat sie nur kurzzeitig profitiert.

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          Die Buchbranche lebt von öffentlichen Veranstaltungen wie Lesungen oder Festivals und vom Zugang zum stationären Handel. Beides war auf dem Höhepunkt der Corona-Krise nicht gegeben. Daher ist der Branchenumsatz in den Zeiten der Handelsschließungen um 64 Prozent eingebrochen.

          Georg Giersberg

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Betriebswirt“.

          Angesichts der Nullumsätze im stationären Handel sei das sogar noch ein guter Wert. „Das Buch gehörte zu den Artikeln, die einerseits vor der Schließung gehamstert wurden, und andererseits haben sich viele stationäre Händler in Rekordzeit zu Versandbuchhändlern gewandelt und so zumindest einen Teil des Umsatzes erhalten“, sagt Karin Schmidt-Friderichs, Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Allerdings sei dieser Umsatz teuer erkauft worden, was bei einer Umsatzrendite zwischen 0,5 und 3 Prozent schnell an die Substanz gehe.

          Ihr Geschäft wegen des Umsatzeinbruchs aufgegeben hätten weniger als zehn Buchhändler in Deutschland, vermutet Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins. Genaue Zahlen gebe es aber noch nicht.

          Das Minus ist wohl nicht aufzuholen

          Seit der Wiederöffnung der stationären Geschäfte kämpft sich die Branche mühsam aus der Krise. Das seit Januar aufgelaufene Minus verringerte sich bis Ende Mai auf 17,5 Prozent. Der Juni war mit einem Umsatz über den Vorjahreszahlen sogar ein sehr guter Monat. Aufholen werde man das Minus aber bis Jahresende nicht. Skipis geht davon aus, dass der diesjährige Umsatz unter dem Vorjahreswert von 9,3 Milliarden Euro bleiben wird.

          Der Börsenverein begrüßt die staatliche Hilfe für kleine Unternehmen und erwartet weiteres Geld von der geplanten Initiative „Neustart Kultur“ der Bundesregierung. Aber ein großes Problem bleibt: Die Zahl der Leser geht weiterhin zurück. Die Zahl der Buchkäufer ist im vergangenen Jahr um gut eine Million auf 28,8 Millionen gesunken. Im Jahr 2010 kauften noch 36 Millionen Menschen Bücher. Die Leser des gedruckten Buches wechseln auch nicht zum elektronischen Buch. Dessen Anteil am Umsatz der Publikumsverlage liegt bei konstant 5 Prozent. Während der Geschäftsschließungen schnellte der Anteil kurzzeitig um 50 Prozent nach oben, fiel dann aber wieder auf seinen alten Wert zurück. Offenbar wechseln die Leser dann das Medium ganz, wenn sie das Interesse am gedruckten Buch verlieren.

          Das Buch müsse aufpassen, nicht weiter an öffentlicher Präsenz zu verlieren, warnte Skipis mit Blick auf die Verringerung von Literatursendungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. In diesem Jahr wird auch die Internationale Buchmesse wenig hergeben, weil wegen Corona viele internationale Großverlage einschließlich ihrer deutschen Tochtergesellschaften und jetzt auch das Gastland Kanada ihre Auftritte abgesagt haben.

          Mancher neue Titel wurde gestrichen

          Der von Schmidt-Friderichs geforderte „Trommelwirbel für das Buch im Herbst“ ist daher noch nicht zu sehen, zumal viele Verlage ihr Angebot für den Herbst ausgedünnt haben. Aus Angst, sich die Neuerscheinungen nicht leisten zu können, hätten mehr als die Hälfte aller Verlage für diesen Herbst geplante Neuerscheinungen auf 2021 verschoben. Das lässt sich nach den Worten von Karin Schmidt-Friderichs nicht mehr kurzfristig rückgängig machen, auch wenn aus heutiger Sicht manche Verschiebung nicht mehr notwendig wäre. Jeder dritte Verlag hat für dieses Jahr geplante neue Titel sogar ganz gestrichen.

          Für Schmidt-Friderichs wie für Skipis steht fest, dass die Branche als Ganzes ohne staatliche Unterstützung nicht aus der Krise findet. Neben weiteren staatlichen Zuschüssen sei es wichtig, endlich die Verlage wieder an der Ausschüttung der Verwertungsgesellschaft Wort zu beteiligen. Das werde den Verlagen seit vier Jahren versprochen, aber nicht umgesetzt. Ein kleines Trostpflaster ist, dass viele Verlage die Mehrwertsteuersenkung einbehalten und nicht weitergeben. Der Aufwand sei zu hoch.

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